“Wir alle müssen mit der Situation umgehen”
Notunterkunft Hörgensweg. Foto: Anja von Bihl

“Wir alle müssen mit der Situation umgehen”

Morgendliche Zählung, Deckenausgabe und tägliche An- und Abkünfte gehören zu einem ganz normalen Tag in der Notunterkunft im ehemaligen Baumarkt im Hörgensweg. Rund 800 Geflüchtete sind dort untergebracht, die Fluktuation ist hoch. Wie die Organisation in einem solchen Provisorium abläuft, erzählt Emrah Dertli, der die Unterkunft für den Träger Fördern und Wohnen leitet .

Notunterkunft Hörgensweg. Foto: Anja von Bihl
Die Notunterkunft am Hörgensweg existiert seit Ende 2015. Foto: Anja von Bihl

Emrah Dertli ist in den 1990er-Jahren als siebenjähriges Kind mit seinen Eltern als Flüchtling aus der Türkei nach Deutschland gekommen. Aufgrund dieser Erfahrung kennt er sich “in diesem Bereich auch komplett aus”. Seit einem Jahr ist ist er bei Fördern und Wohnen (f&w), dem Träger der Notunterkunft Hörgenweg, beschäftigt. Bevor er kommissarischer Teamleiter in dem ehemaligen Baumarkt wurde, arbeitete er in Schwarzenbek ebenfalls als Sozialmanager bei f&w.

Eimsbüttler Nachrichten: Wie lange bleiben die Geflüchteten durchschnittlich im Baumarkt?

Emrah Dertli: Das ist eine Notaufnahmeunterkunft, das heißt, wir sind der verlängerte Arm von der Zentrale in Harburg. Alle Flüchtlinge, die aus platztechnischen Gründen nicht in die Harburger Poststraße passen, werden transferiert unter anderem auch zu uns. Hier sind also die Leute, die ganz frisch in Hamburg sind. Die Ausländerbehörde nimmt hier nochmals die Registrierung und die Verteilung vor. Bis zum nächsten Umzug bleiben die Menschen ein bis drei Wochen hier. Die Leute, die nach dem Verteilungsschlüssel Hamburg zugeordnet sind, werden von uns in Erstaufnahmeeinrichtungen (ZEA) transferiert. Diese haben bessere Standards und Unterkunftsmöglichkeiten als wir. Es kann aber auch passieren, dass einige Bewohner in andere Bundesländer verteilt werden.

Eimsbüttler Nachrichten: Ich bin auf dem Weg hinein an Wartenden mit viel Gepäck vorbeigekommen, wie geht die Einquartierung von statten?

Emrah Dertli: Die Bewohner werden mit dem Bus hierhin gebracht, wir quartieren sie dann ein und erklären unser System: Wie die Essensausgaben geregelt ist, wo gewaschen werden kann, wo sie sanitäre Anlagen finden, wo die Verwaltung ist, was die Mitarbeiter machen und wo die Ausgabepunkte sind. An letzteren geben wir ihnen Dinge, die sie brauchen. Also: Decken, Matratzen, Betten, Schlafzeug, Hygieneartikel und für Babys Windeln, feuchte Tücher und Babynahrung.

Eimsbüttler Nachrichten: Gibt es Gepäckkontrollen?

Emrah Dertli: Wir passen nur auf, dass keine waffenähnlichen Gegenstände in unsere Einrichtung kommen und nichts, das gegen Brandschutzvorschriften verstößt, wie etwa Kochplatten. Also alles, was gefährlich für die Bewohner ist, wird rausgenommen, um sie zu schützen. Wir versuchen Gefahrenlagen für die Bewohner zu erkennen und zu beseitigen. Das bedeutet nicht, dass wir hier willkürlich irgendwelche Gepäckkontrollen machen – machen wir nicht.

Eimsbüttler Nachrichten: Wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus, haben Sie einen festen Ablauf?

Emrah Dertli: Wir machen morgendliche Zählungen, weil wir damit beauftragt sind, freie Plätze zu melden. In der Harburger Poststraße gibt es einen sehr großen Anlauf und wir sind bestrebt, die Plätze frei zu bekommen, die wir brauchen. Unser Tag fängt also damit an, dass wir freie Plätze melden. Das Unterkunftsmanagement verwaltet die Bewohnerlisten. Die Reinigung, das Catering und der Sicherheitsdienst kommen von außen. Das Unterkunftsmanagement übernimmt die Koordinierung und hat die Verantwortung für die ganzen Abläufe. Das Sozialmanagement ist für die Beratungsangelegenheit zuständig. Hauptthema ist die Gesundheit. Das Gesundheitsamt Altona sorgt für medizinische Sprechstunden. Wir haben hier Ärzte für eine 5-Tage-Woche, darunter auch Kinder- und Frauenärzte. Zur Versorgung gehören weitere Maßnahmen wie Überweisung an Krankenhäuser oder Facharztpraxen. Alles, was außerhalb anfällt, übernehmen wir, zum Beispiel werden falls nötig Dolmetscher gebucht. Dann beantworten wir Fragen, da die Bewohner vieles nicht wissen können, weil sie das Rechtssystem noch nicht kennen. Eine der meist gestellten Fragen ist: “Was ist mit Taschengeld?”. Als Betreiber sind wir dafür jedoch nicht zuständig. In der Notaufnahme gibt es keine Verteilung von Taschengeld. Das übernehmen Verwaltungsaußenstellen der Bezirksämter. Alle Ankommenden haben ab dem Tag der Registrierung Anspruch auf Taschengeld. Wenn sie es an dem Tag nicht bekommen haben, erhalten sie es nachträglich.

Eimsbüttler Nachrichten: Wo gab es bisher Probleme?

Emrah Dertli: Probleme gibt es ja überall, wo Leute in Massen auftreten, das ist nicht nur typisch für Flüchtlingsunterkünfte, wenn man auf einem Festival mit tausend Leuten ist, gibt’s auch immer mal jemanden, der sich daneben benimmt. Wir versuchen, Religionsdiskussionen oder Diskriminierung aufgrund von Nationalität zu unterbinden. Für uns sind alle gleich gestellt. Keiner wird aufgrund von Religion oder Herkunft bevorzugt oder benachteiligt, dass verkünden wir immer. Die meisten Bewohner verstehen unsere Haltung. Wenn sich einer daneben benimmt oder sich diskriminierend verhält, versuchen wir das zu unterbinden und machen deutlich, dass das nicht erwünscht ist. Wir brauchen ein Miteinander und kein Gegeneinander. Wenn es Probleme gibt, reagieren wir, gerade ist das nicht der Fall.

Eimsbüttler Nachrichten: Gibt es technische Probleme?

Emrah Dertli: Wir versuchen, Obdachlosigkeit zu vermeiden und vertretbare Unterbringungsbedingungen unter schwierigen Voraussetzungen zu halten. Klar, manchmal gibt es Schwierigkeiten, am Anfang gab es Wartezeiten, weil viele bauliche Maßnahmen durchgeführt wurden. Jetzt sind wir an dem Punkt, dass es eigentlich läuft. Anfangs waren die Sanitäranlagen ein Problem, weil das ja hier ein Praktiker-Markt ist und keine Unterkunft. Die erforderlichen baulichen Maßnahmen haben länger gedauert, weil die entsprechenden Firmen momentan überall eingesetzt werden und Sanitärcontainer nicht sofort verfügbar sind. Aber jetzt sind wir in dem Ist-Zustand, alles was wir benötigen ist vorhanden. Natürlich ist es immer zuwenig, aber die Bewohner, die gerade bei uns sind, können damit leben.

Eimsbüttler Nachrichten: Bei der Info-Veranstaltung zur Notunterkunft Hörgensweg gab es sehr viel Kritik, bekommen Sie diese auch hier zu spüren?

Emrah Dertli: Nein, nur bei solchen Veranstaltungen. Unsere direkten Nachbarn sind ein Autohaus und McDonalds. Mit Herrn Weber vom Autohaus gab es ein Problem wegen der Vermüllung außerhalb, da versuchen wir mit unserem technischen Dienst, unserem Hausmeister, zu reagieren. Es ist nie 24 Stunden lang sauber, aber wir sind bemüht, dieses Problem zu beseitigen. Mit den Anwohnern haben wir keinen direkten Kontakt. Wir treffen sie nur bei solchen Veranstaltungen und hören uns deren Probleme an. Wenn wir sehen, dass es Handlungsbedarf gibt, reagieren wir und wehren nicht ab. Wir versuchen immer, eine Lösung zu finden.

Eimsbüttler Nachrichten: Was bedeutet Kritik an der Flüchtlingsunterbringung für Sie persönlich?

Emrah Dertli: Kritik ist nicht immer Kritik. Es gibt berechtigte und unberechtigte Kritik. Wie nehmen alles erstmal auf und reagieren als Team. Wenn sie berechtigt ist oder wenn sie nicht berechtigt ist, dann sagen wir das. Wir arbeiten sehr motiviert, wir brauchen nicht unbedingt eine Wertschätzung von außen. Es reicht uns, wenn wir die Wertschätzung von unseren Bewohnern bekommen. Wir sind die Leute, die reagieren und handeln. Die Situation ist da, wir sind weder dafür verantwortlich, noch haben wir uns für die Situation entschieden. Dafür entschieden hat sich, glaube ich, keiner in Hamburg. Es ist für uns wichtiger unsere Bewohner, die Menschen, die hierher kommen, Flüchtlinge, die traumatisiert sind, aufzunehmen. Und soweit es in unserer Macht steht, die Probleme, die durch ihre Flucht und die Geschehnisse in ihren Herkunftsländern entstanden sind, ein Stück weit zu lösen. Es ist uns bewusst, dass wir keine 100-prozentige-Zufriedenheit erreichen werden, weder von unseren Bewohnern noch von der Umgebung. So wie wir hier und unsere Bewohner, müssen auch die Eidelstedter mit der Situation umgehen.

Unser Netzwerk Eimsbüttel hilft informiert dich über Hilfsinitiativen in deiner Nähe. Du willst die Menschen hinter den Zahlen kennenlernen? Dann schau dir unsere audiovisuelle Reportage Triff deine neuen Nachbarn an.

Hinweis (Update vom 2. Februar 2016)

Dieses Interview wurde im November 2015 geführt, konnte jedoch aufgrund einiger organisatorischer Schwierigkeiten erst im Januar veröffentlicht werden. Inzwischen gab es im Dezember und im Januar in der Unterkunft am Hörgensweg eine Schlägerei und einen sexuellen Übergriff. Es war uns jedoch nicht möglich, Emrah Dertli im Nachgang noch einmal für ein Gespräch zu erreichen, das diese Konflikte aufgreift.

 

Paulina Loreth

Paulina Loreth studiert Politikwissenschaften BA an der Uni Hamburg. Sie ist vor zwei Jahren für das Studium nach Hamburg gezogen. Sie geht gerne ins Theater und auf Konzerte.

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