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Hamburg Eimsbuettel Heike Klopsch Liebeskummer
FOTOS: VANESSA LEITSCHUH
Magazin #17

Das verlorene Glück

Beziehungen enden, Herzen brechen, Lebensentwürfe sterben. Doch was kommt danach? Heike Klopsch hat in Eimsbüttel eine Agentur für Liebeskummer eröffnet. Ein Gespräch über verlorenes Glück und warum sich Liebeskummer doch lohnen kann.

Von Vanessa Leitschuh

Der Beginn einer Beziehung ist wie ein Sturm, wie eine Welle, die sich aufbäumt und einen mitreißt. Der Verliebte springt aufs Brett und reitet die Welle mit einer Leichtigkeit, die ihn die Brandung vergessen lässt. Bis die Welle bricht. Plötzlich peitscht einem das Wasser ins Gesicht. Er gerät aus dem Gleichgewicht und stürzt. Das ist ein Schock. Die Kälte beißt auf der Haut und lässt alles taub werden. Ähnlich fühlt es sich an, wenn eine Beziehung zerbricht und der Partner sich trennt. Dann versiegt die Welle aus Dopamin und Oxytocin, auf der man Jahre lang geritten ist.

Wenige Ereignisse können das Leben mit einer solchen Wucht verändern wie der Verlust eines Partners. Dennoch wird Liebeskummer häufig bagatellisiert, meint Heike Klopsch. Sie hat Anfang des Jahres die Herzkümmerei in der Bogenstraße eröffnet. Mit ihrer Agentur möchte sie Betroffenen helfen, Liebeskummer zu überwinden.

Hauptberuflich arbeitet Heike Klopsch seit 20 Jahren an Universitäten und Hochschulen in der berufsbegleitenden Weiterbildung. Mit einer Coaching-Ausbildung wollte sie Menschen in Karriere-Fragen beraten. Doch es kam anders. Sie beriet eine Klientin, die vordergründig wegen eines Karrierethemas zu ihr kam. „Doch das Coaching ging nicht voran”, erinnert sich Klopsch. Sie grübelte lange über das Warum. „Irgendwann wurde klar: Es geht nicht um Job und Karriere. Es geht um einen tief sitzenden Liebeskummer, den die Klientin erst mal nicht thematisieren konnte. In dem Moment, wo das klar war, waren wir plötzlich bei einem ganz anderen Thema.” Nun berät sie Verlassene, die über das Ende einer Beziehung hinwegkommen wollen.

Der Schmerz der gebrochenen Herzen

„Das muss man sich vorstellen wie einen Unfall.“

Heike Klopsch

Vielleicht hat das Ende der Liebe schon seine Vorboten vorausgeschickt. Doch der Moment, in dem jemand ausspricht, „es ist vorbei”, lässt für manche eine Welt zusammenbrechen. „Das muss man sich vorstellen wie einen Unfall. In dem Moment des Unfalls steht man unter Schock”, erklärt Heike Klopsch. „Die Menschen stehen dann teilweise noch auf und sagen, ,mir geht es gut’. Aber danach klappen sie zusammen.” Der Schock ist eine Überlebensstrategie des Körpers. Denn nicht nur ein physischer Unfall kann dieses gefährden – auch ein gebrochenes Herz kann tödlich sein.

Als Reaktion auf einen emotionalen Schock, wie eine Trennung ihn auslösen kann, wird das Herz mit den Stresshormonen Adrenalin und Noradrenalin überschwemmt. Brustschmerzen und Atemnot sind die Folge. Die Hormone treten so plötzlich auf, dass sie gar den Herzmuskel lahmlegen können. Eine Studie des John Hopkins Medicine Institute von 2005 zeigte, dass sich diese Herzmuskelschwäche medizinisch von einem Infarkt unterscheidet und keine bleibenden Herzschäden zur Folge hat. Dennoch sterben etwa drei Prozent der Patienten an der Stresskardiomyopathie, die auch „Broken-HeartSyndrom” genannt wird.

„In einer akuten Trennungssituation stehen die Betroffenen meist neben sich. Sie verlegen zum Beispiel ihre Schlüssel, haben häufig Wortfindungsschwierigkeiten und sind desorientiert”, erzählt Heike Klopsch. „Das hat mit der Schockreaktion zu tun.” Wenn das Herz bricht, können wir das also spüren.

Buchstäblich. Denn bei Trennungsschmerz sind die gleichen Areale im Gehirn betroffen wie bei einem körperlichen Schmerz. „Die Klienten erzählen oft, dass ihnen alles weh tue – das ist auch so.” Die amerikanische Anthropologin Helen Fisher und die Neurowissenschaftlerin Lucy Brown erforschten das verliebte Gehirn. Sie zeigten Liebeskummer-Patienten Fotos ihrer Verflossenen. Bei der Untersuchung der Aktivitätsmuster im Gehirn konnten sie erkennen, dass neben dem Dopaminsystem auch der Cortex cingularis anterior (ACC) eine Rolle spielt. Dieser greift normalerweise bei körperlichen Schmerzen regulierend ein. Das zeigt, dass emotionaler Schmerz im Hirn ähnlich wahrgenommen wird wie physischer Schmerz.

Die Biologie der Trennung

Außerdem stellten die Forscher fest, dass die Probanden gleiche Muster aufweisen wie Menschen, die einen Drogenentzug machen. Liebe macht also süchtig. Und ihr Entzug krank. „Den Betroffenen geht es körperlich wirklich schlecht”, erklärt Klopsch. „Wenn man verliebt ist, steigt der Pegel an Glückshormonen an. Bei Liebeskummer fallen die Hormone ab.”

In welcher Form uns das Glück auch begegnet, unser Gehirn wandelt es in die immer gleiche Währung: in Dopamin, Serotonin und Oxytocin. Es sind also neurochemische Vorgänge, die in unserem Gehirn ablaufen, wenn wir uns verlieben. Der Stoff, aus dem die neurochemischen Träume sind, ist dabei vor allem das Dopamin. Wird der Botenstoff freigesetzt, sind wir euphorisch, das Herz klopft, die Atmung beschleunigt sich. Deshalb wird Dopamin gerade am Anfang einer Beziehung ausgeschüttet. Oxytocin sorgt dagegen dafür, dass ein Paar zusammenbleibt. Während uns ein Oxytocin-Hoch zufrieden macht der Herzschlag wird gleichmäßig, die Atmung ruhig –, bringt uns ein Dopamin-High aus dem Gleichgewicht. Das Gehirn beginnt aufzuräumen, um den Normalzustand wieder herzustellen. Wie ein Bergsteiger, der nach der Gipfelbesteigung im Tal ankommt und nach dem nächsten Höhenzug sucht. Wir haben einen Dopamin-Kater, wir wollen wieder auf die Spitze. Genauso funktionieren Süchte.

Das biochemische Programm, das der Körper während des Verliebtseins abspielt, ist also wie ein Drogenrausch. Liebeskummer dagegen bedeutet Schmerz, Verzweiflung, Wut. Während das Wissen um das Diktat der Biologie, dem wir unterliegen, die Liebe entromantisiert, kann genau das bei Liebeskummer tröstend sein. „Es entlastet die Menschen zu wissen, was im Gehirn vor sich geht. Zu wissen, das ist normal”, erklärt Eimsbüttels Liebeskummer Coach. Das alles zeigt: Die Liebe ist alles andere als eine Herzensangelegenheit. Sie spielt sich in unserem Gehirn ab. Doch auch das wissenschaftliche Sezieren der Liebe kann ihre Komplexität bisher nicht im Ganzen erfassen. Denn bei vielem steht die Forschung noch am Anfang.

Liebeskummer als Chance

Auch wenn der Verlassene bei allem Herzschmerz es zunächst nicht einsieht, kann man Liebeskummer mit gemischten Gefühlen begegnen: „Liebeskummer kann ein enormes Powerpotenzial haben”, weiß Klopsch. Denn es handle sich nicht um ein Problem, sondern eine Krise. Und diese berge immer auch Chancen: „Eine Krise ist etwas Prozesshaftes. Sie hat einen Anfang – aber auch ein Ende. Und dazwischen liegt ein Entwicklungsprozess.” In diesem seelischen Reifeprozess wachsen die Betroffenen meist. „Verlassene haben häufig das Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben – und damit ist alles offen.”

Die Phasen der Trennung und wie sie klingen

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