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Der Rosa-Luxemburg-Garten ist Teil des Wehbers-Parks. Foto: Maya Habryka
Magazin #23

Rosen und Revolution

Im März wäre Rosa Luxemburg 150 Jahre geworden. Seit einigen Jahren erinnert in Eimsbüttel ein Parkstück an sie. Die Geschichte eines Gartens zwischen Politik und Poesie.

Von Vanessa Leitschuh

Für die Linke war sie Vorbild und Märtyrerin, für ihre rechten Gegner die „blutige Rosa”: Rosa Luxemburg war Sozialistin, Marxistin, Symbolfigur der Arbeiterbewegung. Mit 14 Jahren schrieb sie Protestbriefe an Kaiser Wilhelm, später zog sie bei Reden die Massen in ihren Bann und agitierte im Ersten Weltkrieg gegen Militarismus. Wegen ihrer politischen Aktivitäten wurde sie mehrfach verhaftet und schließlich von rechtsnationalen Offizieren ermordet.

„Aber kennst du ihre Zeich­nungen? Ihr Herbarium? Hast du ihre wunderschönen Briefe gelesen?”, entgegnet Künstler Gerd Stange dann. Denn Rosa Luxemburg war auch Malerin, Literaturkritikerin, Botanikerin. Besonders ihre Leiden­schaft für die Natur begleitete sie ein Leben lang.

Die vielen Schichten der Rosa Luxemburg

Um auch diese Rosa zu zeigen, schuf ihr Gerd Stange 2004 einen Gedenkort in Eimsbüttel: Er bepflanzte einen Teil des Wehbers Parks nach Abbild von Luxemburgs Gefängnisgarten in Wronke. Das Projekt „Ein Gartenstück für Rosa Luxemburg” sollte eine andere Seite der Politikerin zeigen. „Eine Seite, die man mehr oder weniger unterschlagen hat”, sagt Stange. Denn wenige sehen sie als Frau, die Landschaften zeichnete, Hölderlin las oder Blüten presste. Wenige wissen, dass sie neben Ökonomie, Philosophie und Jura auch Botanik und Zoologie studiert hat.

Das Parkstück an der Ecke Emilienstraße/Fruchtallee wählte Stange nicht zufällig: Am 13. Dezember 1900 hielt die Sozial­demokratin ihre erste große Rede in Hamburg wenige Meter vom heutigen Rosa-Luxemburg-Garten entfernt. Ludwig Hallwachs, Pächter des Sottorf’schen Salons, hatte sie in sein Vereinslokal eingeladen. Vor etwa 500 Menschen sprach sie dort über „Weltpolitik und Sozialdemokratie”.

Das Vereinslokal, in dem Rosa Luxemburg 1900 ihre Rede zur Weltpolitik hielt. Heute steht dort direkt an der U-Bahnstation Emilienstraße ein Rotklinker-Wohn- und Geschäftshaus aus dem Ersten Weltkrieg. Quelle: Geschichtswerkstatt Eimsbüttel

Luxemburg galt als wortgewandte Rednerin, doch sie verfasste nicht nur politische Texte. Während ihrer Gefängnisaufenthalte schrieb sie zahlreiche Briefe. Selten geht es darin um Politik und Weltgeschehen, viel häufiger erzählt sie liebevoll und poetisch von Pflanzen, Vögeln und Schmetterlingen. „Gestern las ich gerade über die Ursachen des Schwindens der Singvögel in Deutschland”, schrieb sie 1917. „Mir war es so sehr weh, als ich das las. Nicht um den Gesang für die Menschen ist es mir, sondern das Bild des stillen, unaufhaltsamen Untergangs der wehrlosen kleinen Geschöpfe schmerzt mich so, dass ich weinen musste.”

Aus ihrem selbst angelegten Stück Gefängnisgarten in Wronke bei Posen schrieb sie im Jahr darauf: „Innerlich fühle ich mich in so einem Stückchen Garten wie hier viel mehr in meiner Heimat als auf einem Parteitag. Ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ‚Genossen’.”

Vom Alte-Leute-Garten zum Garten für Rosa

Ebendiesen Briefen widmete sich Gerd Stange und erinnerte auch literarisch an Luxemburg: Von 2004 bis 2008 organisierte der Künstler szenische Lesungen in dem Garten. Zwei Jahre nach Beginn des Projekts benannte der Bezirk den ehemaligen „Alte-Leute-Garten” offiziell in „Rosa-Luxemburg-Garten” um.

Der Name „Alte-Leute-Garten” geht zurück auf den Landschafts­architekten Otto Linne, der in den 1920er Jahren einige Hamburger Grünflächen gestaltet hatte, unter anderem einen Teil des Ohlsdorfer Friedhofs. Nach dem Tod des damaligen Grundstücksbesitzers Wehber im Jahr 1924 beauftragte die Stadt Linne, den privaten Garten in einen öffentlichen Park umzugestalten. Seine Vision für das Stück Eimsbütteler Grün: ein Park für jedes Lebensalter. So entstand neben einem Sandspielplatz und einem Planschbecken für Kinder auch der „Alte-Leute-Garten”.

Foto: Maya Habryka

Im Garten steht eine Gedenktafel für Rosa Luxemburg. Fotos: Maya Habryka

Noch jetzt sind Teile von damals erhalten: der Buchheckengang, das Medaillonstück in der Mitte. „Der Garten ist ein kostbares Gut von Otto Linne”, sagt Gerd Stange. Er wollte die Arbeit Linnes ergänzen, nicht ersetzen – so wie er das Bild der Politikerin Rosa Luxemburg um das der Poetin und Botanikerin ergänzte. Denn: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden, sich zu äußern” – bis heute hängt Luxemburgs berühmtestes Zitat an Gerd Stanges Wohnungstür.

Das Parkstück wurde mittlerweile erneut umgestaltet. „Wir haben versucht, den Charakter als Garten noch zu verbessern”, erklärt Hartmut Obens von der Linken Eimsbüttel den Beschluss von 2010. Seit einigen Jahren veranstaltet die Partei dort Kundgebungen zum Geburtstag der Luxemburg. Doch von einem Garten, der zum Verweilen einlädt, könne man noch nicht sprechen – vor allem wegen des rauschenden Verkehrs der Fruchtallee.

Es bleibt also ein Garten im Wandel. Von Stanges Luxemburg-Projekt geblieben ist der Name des Parkstücks, eine Gedenktafel – und ein weißer Flieder, der weiter jedes Jahr für sie blüht.


Über den Künstler Gerd Stange

Foto: Maya Habryka / Privatarchiv Gerd Stange

Der Politkünstler Gerd Stange schuf mehrere Mahnmale in Hamburg – darunter die Verhörzelle in Eppendorf oder das Nachdenkmal in Groß Borstel. „Meine Mahnmale sind künstlerischer Widerstand gegen Faschismus und Krieg”, schreibt er in seinem Buch „Klaviere statt Waffen”.

„Ein Gartenstück für Rosa Luxemburg” war der Schlussakkord seiner künstlerischen Arbeit zum Thema Krieg. Im gleichnamigen Buch hat der Hamburger Künstler die Entstehung des Kunstprojekts und die Lesungen im Garten dokumentiert.

Ein Gartenstück für Rosa Luxemburg Abera Verlag • 2009 • 64 Seiten

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