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Edith Jacobs um 1939: links in Hagenbecks Tierpark; rechts mit den Kindern, auf die sie als Kindermädchen aufpasste. Foto: Privatarchiv Margie Kenedy
Magazin #25

Tief vergraben in Hoheluft

Lange Zeit hofft ihre Familie, Edith lebt noch – einen Beweis für ihren Tod gab es nie. Bis ein Eimsbütteler fast 80 Jahre später eine Spur findet.

Von Vanessa Leitschuh

Viele jüdische Familien wurden im Krieg auseinandergerissen. Einige fanden wieder zueinander. Andere erfuhren nie, was mit dem Bruder, der Mutter oder Tante geschehen ist. Auch Edith Jacobs blieb verschwunden. „Nach dem Krieg versuchte mein Vater verzweifelt, sie zu finden”, sagt Margie Kenedy. Edith Jacobs Nichte lebt heute in Ontario.

Ihr Vater, Leopold Julius Jacobs, traf zwei seiner drei Schwestern wieder. Erst Jahre nachdem sie aus Konzentrationslagern befreit wurden. Nur von Edith fehlt jede Spur. „Lange bestand die Hoffnung, dass sie noch lebt”, sagt Kenedy. Ihr Vater starb, ohne zu wissen, was aus seiner Schwester wurde.

Spurensuche in Hamburg

Margie Kenedy begibt sich auf Spurensuche. 2012 reist sie von Kanada nach Deutschland, besucht die Orte, an denen ihre Verwandten gelebt hatten; zunächst nach Gelsenkirchen, wo die Geschwister aufgewachsen waren. Aber was passierte, nachdem Edith 1939 nach Hamburg gezogen war? Die Fäden der Familiengeschichte bleiben an diesem Ende lose. „Wir wussten nicht, wann und wohin sie deportiert wurde”, erzählt Kenedy. „Normalerweise gibt es irgendeine Art Beweis. Bei ihr gab es nichts – sie war einfach verschwunden.”

2021 nimmt ein Eimsbütteler den verlorenen Faden auf und folgt ihm: Holger Artus forscht zu ehemaligen Nachbarn, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Er durchsucht Deportationslisten, liest Hausmeldekarteien, verbringt viel Zeit in Archiven. So taucht bei seinen Recherchen das Haus in der Hoheluftchaussee 91/93 auf – und mit ihm der Name Edith Jacobs.

Die letzten Stationen von Edith Jacobs

Im Jahr 1939 zieht Edith nach Hamburg, um bei der jüdischen Familie Ina und Louis Löwenthal zu arbeiten. Die 19-Jährige kümmert sich um Haushalt und Kinder. Doch schon im Jahr darauf müssen die Löwenthals ihre Wohnung in Eppendorf verlassen. Zunächst findet Edith eine Unterkunft bei einer anderen jüdischen Familie in der Hochallee in Harvestehude. Von dort aus zieht sie im Mai 1941 in die Hoheluftchaussee 91, wo sie zur Untermiete wohnt. Zeitweilig leben zwölf Personen in der Vierzimmerwohnung im dritten Stock. Doch Ediths Station in Eimsbüttel bleibt eine kurze: Am 18. November 1941 wird sie deportiert, nach Minsk. Dort stirbt sie 1943.

Es ist kein Aufatmen, keine Aufregung, die Margie Kenedy spürt, als sie vom Weg ihrer Tante hört. „Es ist einfach ein kleines bisschen mehr.” Vor allem aber ist sie dankbar, dass an ihre Tante erinnert wird. „In Deutschland leisten viele gute Arbeit, um das Thema nicht unter den Teppich zu kehren.”

Ein Haus in Hoheluft

Aber Edith Jacobs Geschichte ist nicht die einzige, die mit dem Haus in der Hoheluftchaussee verwoben ist. Ende des 19. Jahrhunderts versteinerte Eimsbüttel. Felder und Wiesen verwandelten sich in ein Häusermeer, und das Dorf wuchs zum größten Stadtteil Hamburgs. Von den damals erbauten Häusern steht heute nur noch ein Bruchteil. Allein im Zweiten Weltkrieg werden rund vierzig Prozent davon niedergerissen. Eines der 1943 zerstörten Gebäude ist das Haus in der Hoheluftchaussee 91/93. Es wurde zerstört und wieder aufgebaut – aber seine Geschichte blieb begraben.

Erst 2019 stößt Holger Artus darauf und setzt seitdem Stein für Stein wieder zusammen.

Ein weiterer Baustein ist die Geschichte des jüdischen Geschäftsmannes Paul Dessauer. Ihm gehörte das „Kaufhaus Hoheluft”, ein Textilgeschäft in der Hoheluftchaussee 91, sowie das angrenzende Grundstück mit der Nummer 93. Als die Macht der Nationalsozialisten wächst, hat er keine Chancen mehr in Deutschland. Bald kann er nicht mehr selbst über sein Geld verfügen, muss jeden Transfer genehmigen lassen. Bis er 1938, dem Jahr der Pogrome, gezwungen ist, das Kaufhaus und das Haus in der Hoheluftchaussee 93 zu verkaufen.

Eigentümlicher Eigentümerwechsel

Der Käufer: Alfred Bauer, Besitzer des Hamburger Bauer Verlags. Das Zeitschrif­t­enhaus erlebt zur Zeit des NS-Regimes einen Aufschwung. Die erfolgreichste Zeitschrift, die „Funk-Wacht”, titelt mit Bildern von Hitler und anderen führenden Nationalsozialisten. Alfred Bauer selbst tritt am 1. Dezember 1939 der NSDAP bei – „unter stärkstem Druck” der Partei, wie Bauer später in einem Brief an den Ausschuss zur Entnazifizierung beteuert. Profitiert hat er davon nicht nur als Verleger, sondern auch durch den Raubkauf von Immobilien, die zuvor in jüdischem Besitz waren: Insgesamt acht Häuser erwirbt er zur Zeit des Bereicherungswettlaufs; darunter die Grundstücke in der Hoheluftchaussee.
Das alles ist dokumentiert, steht auf vergilbten Seiten des Finanzamts Hamburg-Altstadt. Und in der Akte Alfred Bauers.

Als die „Funk-Wacht” im Krieg wegen Papiermangel eingestellt wird, kann Bauer auch von den Mieteinnahmen leben. Allein das „Kaufhaus Hoheluft” wirft hohe Beträge ab. Das Geld, das Paul Dessauer dagegen für seine Grundstücke bekommt, reicht ihm kaum für die Ausreise aus Deutschland. Von dem mageren Kaufpreis von 9000 Reichsmark sieht er wenig, muss zusätzlich eine „Reichsfluchtssteuer” und „Judenvermögensabgabe” zahlen. In den 50er Jahren klagt er auf Wiedergutmachung, sagt, er sei zum Verkauf gezwungen worden. Er stirbt verarmt. Die Zahlungen aus dem Wiedergutmachungsverfahren erreichen ihn nicht mehr.
Für den Verlag waren die Immobilien ein Fundament mit goldenem Boden: Heute zählt die Bauer Media Group, die von Alfred Bauers Enkelin geführt wird, zu den größten Medienkonzernen weltweit.

Bescheidener Dank

Aber von dieser Vergangenheit liest man in der Unternehmenschronik wenig, auch nicht im heutigen Gebäude der Hoheluftchaussee. Im Gegenteil: „In Dankbarkeit für seine Großzügigkeit bei persönlicher Bescheidenheit”, steht auf einer gläsernen Tafel im Hausflur der Nummer 91, die an Alfred Bauer erinnert.

„Das ist so zynisch”, sagt Holger Artus, der die Tafel entdeckte. Er informiert die dort lebenden Mieter über die Zusammenhänge, kontaktiert das Unternehmen und die Hausverwaltung, fordert, das Schild zu entfernen. Seine Anfragen bleiben unbeantwortet. Ob das Unternehmen Stolpersteine für deportierte Mieter finanziere? Erneut keine Antwort. Die Bauers haben das Haus vor Jahren verkauft, neuer Eigentümer soll ein dänisches Investment-Unternehmen sein. Das Schild ist geblieben.

Mehr als 80.000 Stolpersteine in ganz Europa hat Demnig in den vergangenen Jahren verlegt. Seit 2002 erinnern die Messingplatten auch in Hamburg an Opfer des Nationalsozialismus – im Juni wurde der 6000. Stolperstein in der Hansestadt verlegt. Foto: Vanessa Leitschuh

Neben dem Stolperstein von Edith Jacobs verlegte der Kölner Künstler Gunter Demnig Stolpersteine für Gertrud und Aron Feibel. Auch ihr letzter Wohnort war das Haus in der Hoheluftchaussee 91/93 gewesen. Foto: Vanessa Leitschuh

Rund 400 Euro für drei Stolpersteine kommen schließlich doch zusammen, weil ehemalige und aktive Beschäftigte der Bauer Media Group auf eigene Initiative spenden. Und so liegt seit dem 5. Oktober ein Stolperstein für Edith Jacobs vor der Nummer 91, ihrem letzten Zuhause, bevor sie starb.

Zu spät

Heute wäre Edith Jacobs hundert Jahre alt. Ihre jüngere Schwester Margot ist 97. Sie lebt in den USA und wäre die letzte der drei Geschwister, die von Ediths letzten Stationen erfahren könnte. Doch die Nachricht wird sie nicht mehr erreichen – im letzten Jahr erkrankte Margot an Alzheimer. „Es ist traurig, dass sie es nicht mehr erfahren wird”, sagt ihre Nichte Margie Kenedy. „Ich kann ihr davon erzählen, aber sie wird es nicht verstehen.”

Holger Artus hat zuletzt neun weitere ehemalige Mieterinnen und Mieter ausfindig gemacht, die aus dem Haus in der Hoheluftchaussee 91/93 deportiert wurden. Auch ihre Geschichten wird er weiter verfolgen. Und vielleicht Familienmitglieder finden, die bis heute darauf hoffen, die letzten Wege ihrer Schwester oder ihres Bruders kennenzulernen.

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