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Edith Jacobs um 1939: links in Hagenbecks Tierpark; rechts mit den Kindern, auf die sie als Kindermädchen aufpasste. Foto: Privatarchiv Margie Kenedy
Magazin #25

Tief vergraben in Hoheluft

Lange Zeit hofft ihre Familie, Edith lebt noch – einen Beweis für ihren Tod gab es nie. Bis ein Eimsbütteler fast 80 Jahre später eine Spur findet.

Von Vanessa Leitschuh

Viele jüdische Familien wurden im Krieg auseinandergerissen. Einige fanden wieder zueinander. Andere erfuhren nie, was mit dem Bruder, der Mutter oder Tante geschehen ist. Auch Edith Jacobs blieb verschwunden.

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Nach dem Krieg suchte ihr Bruder, Leopold Jacobs, verzweifelt nach ihr. Jahre nachdem er aus dem Konzentrationslager befreit wurde, fand er zwei seiner drei Schwestern wieder. Nur von Edith fehlte jede Spur.

Ihre letzten Stationen

Edith und Leopold Jacobs wuchsen mit ihren Geschwistern in Gelsenkirchen auf. Als Edith 19 wurde, zog sie 1939 nach Hamburg, um bei einer jüdischen Familie zu arbeiten. Sie kümmerte sich dort um Haushalt und Kinder. Aber schon im Jahr darauf muss die Familie die Wohnung in Eppendorf verlassen.

Edith muss sich eine neue Bleibe suchen und findet Unterkunft in der Hoheluftchaussee 91. Zwölf Personen leben dort zeitweilig in der Vierzimmerwohnung im dritten Stock.

Doch Ediths Station in Eimsbüttel bleibt eine kurze: Am 18. November 1941 wird sie deportiert, nach Minsk. Dort stirbt sie 1943.

Ediths Familie erfährt nie von ihrem Schicksal. Ihr Bruder stirbt, ohne je zu erfahren, was aus seiner Schwester wurde.

Spurensuche in Hamburg

Leopolds Tochter Margie Kenedy begibt sich deshalb 2012 auf Spurensuche. Sie reist von Ontario in Kanada nach Deutschland und besucht die Orte, an denen ihre Verwandten gelebt haben. Aber über Edith erfährt sie nichts. „Wir wussten nicht, wann und wohin sie deportiert wurde”, erzählt Kenedy. „Normalerweise gibt es irgendeine Art Beweis. Bei ihr gab es nichts – sie war einfach verschwunden.” Die Fäden der Familiengeschichte bleiben an diesem Ende lose.

2021 nimmt ein Eimsbütteler den verlorenen Faden auf und folgt ihm: Holger Artus forscht zu ehemaligen Nachbarn, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Er durchsucht Deportationslisten, liest Hausmeldekarteien, verbringt viel Zeit in Archiven. So taucht bei seinen Recherchen das Haus in der Hoheluftchaussee 91/93 auf – und mit ihm der Name Edith Jacobs.

Er macht Margie Kenedy ausfindig und berichtet ihr, von den letzten Stationen ihrer Tante. Es ist kein Aufatmen, keine Aufregung, die Margie Kenedy spürt, als sie davon erfährt. „Es ist einfach ein kleines bisschen mehr.” Vor allem aber ist sie dankbar, dass an ihre Tante erinnert wird. „In Deutschland leisten viele gute Arbeit, um das Thema nicht unter den Teppich zu kehren.”

Zu spät

Heute wäre Edith Jacobs hundert Jahre alt. Ihre jüngere Schwester Margot ist 97. Sie lebt in den USA und wäre die letzte der drei Geschwister, die von Ediths Geschichte erfahren könnte. Doch die Nachricht wird sie nicht mehr erreichen – im letzten Jahr erkrankte Margot an Alzheimer. „Es ist traurig, dass sie es nicht mehr erfahren wird”, sagt ihre Nichte Margie Kenedy. „Ich kann ihr davon erzählen, aber sie wird es nicht verstehen.”

Holger Artus hat zuletzt neun weitere ehemalige Mieterinnen und Mieter ausfindig gemacht, die aus dem Haus in der Hoheluftchaussee 91/93 deportiert wurden. Auch ihre Geschichten wird er weiter verfolgen. Und vielleicht Familienmitglieder finden, die bis heute darauf hoffen, die letzten Wege ihrer Schwester oder ihres Bruders kennenzulernen.

Ein Haus in Hoheluft

Seit dem 5. Oktober liegt ein Stolperstein für Edith Jacobs vor der Nummer 91, ihrem letzten Zuhause, bevor sie starb. Aber ihre Geschichte ist nicht die einzige, die mit dem Haus in der Hoheluftchaussee verwoben ist.


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