Anzeige
Aktualisiere Standort ...
Standort konnte nicht ermittelt werden. Aktiviere deine Standortfreigabe.
Standort wurde erfolgreich ermittelt.
Belarus TV
Foto: Martin Busche
Glosse: Neunter Teil

Corona-Tagebuch: Komm mit ins Land der Träume

Martin Busche zählt mit uns allen die Tage, die uns Corona stiehlt und führt ein öffentliches Tagebuch: subjektiv, ehrlich, schonungslos. Bis Corona uns hoffentlich scheidet.

Von Martin Busche

Mittwoch, 1. April

Wir alle sehnen uns nach Normalität, ich auch. Zwölf Tage nach Beginn der Ausgangssperre, die nicht so heißen darf, weil das doof klingt, ist der Reiz des Neuen vorbei. Die Geschäfte bleiben zu, die Schulen auch. Irgendwie ist alles gesagt, alles getan. Und seien wir doch mal ehrlich. Haben wir unseren Eltern wirklich so viel zu erzählen, um sie täglich anzurufen? Bei uns passiert doch nichts und bei denen auch nicht. Wahrscheinlich freuen die sich auch, Markus Lanz endlich mal wieder ganz gucken zu dürfen, ohne lästiges Stören durch die Tochter, den Sohn.  

Ein bisschen Alltag wäre für uns alle deshalb schön, mit Händeschütteln, in den Arm nehmen, Knuddeln, Einkaufen ohne Security. Sowas.

Ich lass mir die heile Welt auch nicht nehmen, fliehe regelmäßig in mein Land der Träume: Weißrussland. Ernsthaft. Kein Witz. Das kleine Land mit seinen neun Millionen Einwohnern, gleich bei Polen, kann ich nur empfehlen. Vielleicht jetzt nicht direkt als Reise. Die Grenzen sind ja noch zu, und Präsident Alexander Lukaschenko gilt als etwas launisch. Freundlich ausgedrückt, sehr freundlich, fast diplomatisch. Als Gast will ich aber nicht gleich anecken. Wir wollen ja auch nicht, dass die Weißrussen Angela Merkel doof finden und den Söder. Also.

Weißrussland kommt deshalb zu mir nach Hause, kostenlos und garantiert keimfrei: Nicht jeden Abend, das nicht, aber oft. Per Internet, wo Belarus TV, das dortige Staatsfernsehen, eindrucksvoll zeigt, dass man trotz Corona auch Spaß haben kann. Zumal in Weißrussland auch alles nicht so schlimm ist mit dem Virus, hat der Präsident gesagt, vielleicht auch nur beschlossen. Wer weiß das schon so genau. Die Zahlen der Infizierten sei geringer als in Resteuropa, kaum der Rede wert, die Toten sowieso. Der Präsident glaubt beim Kampf gegen Corona nicht an Kontaktsperren, Shutdowns und Abstand halten. Mehr an Wodka, Saunagänge oder Eishockeyspiele besuchen. Er tut das regelmäßig, gerade jetzt. Seine Botschaft: „Hier gibt es keine Viren, siehst du sie herumfliegen? Ich sehe sie auch nicht.“

Nur nicht so viel an Corona denken

Er muss es wissen. Im ersten Leben war der Präsident Bauer, kennt sich also aus mit Getier. Deshalb vertraut ihm auch das Parlament, schon immer, und Belarus TV berichtet, wie das geht. Zeigt konzentriert schuftende Abgeordnete, die beflissen das tun, was der Präsident sagt. Die Sitzordnung, schön eng beieinander. Natürlich ist das Konzept erfolgreich. Die Reporterin vor dem Parlament berichtet. Live. Sie ist quasi der Präsident.

Vielleicht gibt es in Weißrussland einfach viel Partyvolk, so wie in Ischgl. Man darf nur nicht so viel an Corona denken und auch nicht so viel davon zeigen. Dann wird alles gut. Die Talkshow auf Belarus 1 ist jetzt schon der Knaller. Da präsentiert einer irgendwas mit Schlangen. Verstehen kann ich es nicht, mein Russisch ist semi, quasi nicht vorhanden und dieser Belarus-Akzent bleibt mir irgendwie fremd. 

Doch gute Bilder brauchen keinen Ton: Eine Art Schlangenbändiger holt seine Tiere aus dem Korb, lässt sie bedrohlich lang über seine Arme rutschen, hält sie ins Publikum, bis es schreit. Die Botschaft: Wir Weißrussen halten zusammen, rücken in der Not noch näher zusammen, als wir vorher eh schon gesessen haben. Gottseidank geht in der Show alles gut. Applaus.

Klar, für uns ist das irgendwie fremd und schräg. Christian Drosten, der Virologe von der Charité hielte Lukaschenkos Weg aus wissenschaftlicher Sicht wohl auch für verkehrt. Ich bin mir aber ziemlich sicher, dass „Radio Belarus“ Drostens „Corona Update“ nicht übernimmt. Zumindest nicht komplett.

„Hier gibt es keine Viren“, sagte Lukaschenko im Eisstadion: „Siehst du sie herumfliegen? Ich sehe sie auch nicht. Das ist ein Kühlschrank, das ist die beste Gesundheit. Sport, vor allem Eissport, das ist die beste und echteste Anti-Viren-Medizin.“


Hilf uns Eimsbüttel zu helfen:


In eigener Sache: Wir wollen so gut wie möglich über die aktuellen Entwicklungen informieren. Doch auch uns stellt die Corona-Krise vor finanzielle Herausforderungen. Unsere Kunden sind in erster Linie lokale Geschäfte aus Eimsbüttel, die derzeit massive Probleme haben und daher kaum noch Anzeigen buchen. Unterstütze uns: Eimsbüttel+.

Verwandter Inhalt

Das Coronavirus ist in Hamburg angekommen. Wir informieren euch über aktuelle Fallzahlen und Entwicklungen für Eimsbüttel.

Am Samstag feierten zahlreiche Gäste in der Kneipe „Zwick“ eng an eng – trotz Corona-Regeln. Innensenator Grote und Bürgermeister Tschentscher verurteilten den Vorfall.

Die Ida Ehre Schule in Eimsbüttel kommt gut mit den neuen Regeln im Unterricht zurecht. Doch der Aufwand ist hoch und Präsenzunterricht bleibt unersetzlich.

Vintage Kleider suchen neues Zuhause: Im Stellinger Weg hat mit „Fabulously Old Things“ ein neuer Secondhand-Laden eröffnet.

-
Neu im Stadtteilportal
Cryosizer Club HH1

Hoheluftchaussee 77
20253 Hamburg

Eimsbüttel+

30 Tage für 0,00 €

Dein Premium-Journalismus für Eimsbüttel.

Jetzt kostenlos testen