Friday Night Lights
Im ersten Ligaheimspiel unter dem neu installierten Flutlicht holte der SC Victoria ein 1:1 gegen den Mitkonkurrenten im Abstiegskampf, den SV Wilhelmshaven. Zu wenig angesichts der Tabellensituation und der spielerischen Überlegenheit, die die Hamburger über weite Strecken der Partie zeigten. Zu viel, wenn man bedenkt, dass der von Kapitän Benny Hoose in der Nachspielzeit verwandelte Foulelfmeter zum Ausgleich einer Fehlentscheidung zu verdanken war.
Von GastWenn am 28. Spieltag einer Fußballsaison der 17. zu Hause auf den 15. der Tabelle trifft, dann spricht der Kenner gerne von einem Sechs-Punkte-Spiel. Gemeint ist, dass ein Sieg nicht nur dem Gewinner drei Punkte einträgt, sondern zugleich der Verlierer drei Punkte liegen lässt, was in der Fußballerlogik eben sechs Zähler ergibt. Ein echtes Sechs-Punkte-Spiel konnte es gegen den SV Wilhelmshaven aber nicht geben, da die Gäste nach Beschluss der FIFA und aller Sportgerichtsinstanzen am Ende der laufenden Saison zwangsabsteigen müssen, also alle ihre Punkte ohnehin verlieren werden. Grund ist die nicht geleistete Zahlung von Ausbildungsentschädigungen an zwei argentinische Clubs, bei denen der damalige SVW-Spieler Sergio Sagarzazu vor seinem Wechsel nach Niedersachsen gespielt hatte. Aktuell klagt der SVW vor einem ordentlichen Gericht und wähnt sich auf dem Weg zu einem zweiten Bosman-Urteil, das den Weltfußball revolutionieren werde.
SV Wilhelmshaven schuldet seinen Spielern noch Gehalt
Viele norddeutsche Fußballfans, nicht nur die des Lokalrivalen VfB Oldenburg, sind des renitenten Clubs vom Jadebusen inzwischen allerdings überdrüssig, wenn sie keinen Michael Kohlhaas-Starschnitt im Schlafzimmer haben.
Dass der SVW aktuell nach Berichten der Wilhelmshavener Zeitung einmal mehr seinen Spielern ein Monatsgehalt schuldet (wie es nahezu genauso in der Vorsaison anlässlich des Wilhelmshavener Gastspiels an der Hoheluft auch der damalige Trainer und heutige Meppen-Coach Christian Neidhart erzählte), macht ihn ebenso wenig sympatischer wie das Auftreten mancher Mitglieder der Gästedelegation an diesem verregneten Freitagabend. Dazu später.
Nur 139 Zuschauer
Nur 139 Zuschauer waren bei diesem unwirtlichen Wetter ins Stadion gekommen. Es mag auch am parallelen Heimspiel des HSV gelegen haben. Insgesamt passt es aber ins enttäuschende Gesamtbild der SCV-Zuschauerentwicklung. Zu den Anwesenden gehörten auch einige mitgereiste Fans vom Jadebusen, was vor dem Hintergrund des Kontext-Geflechts „Freitagabend – über 200 Kilometer Anreise – Dauerregen – Zwangsabstieg“ eine ebenso respektable wie sinnwidrige Tat der Schlachtenbummler war.
Sie hatten es sich auf der Tribüne bequem gemacht und schlugen die mitgebrachte Trommel zu Chorälen wie „Wir steigen niemals ab“. Aber dazu gibt es ja den Rechtsweg. Während Gästetrainer Farat Toku nach dem überraschenden Heimsieg gegen den ETSV Weiche der gleichen Startelf wie in der Vorwoche vertraute, musste Lutz Göttling nach dem 0:5 von Wolfsburg eine Anpassung vornehmen. Für den verletzten David Eybächer kehrte Mike Keyser in die Innenverteidigung zurück. Zu seinem ersten Auftritt vor eigenem Publikum seit Mitte Februar kam Kapitän Benny Hoose, der sich einmal mehr als Metronom betätigte und den Rhythmus des SCV-Spiels vorgab.
Abstiegskampf pur
Die Qualität des Spiels war vor der Pause nicht hoch. Nach dem Wechsel wurde es deutlich offener, in der Schlussphase dann auch sehr hektisch. Das war durchaus unterhaltsam, wenn man einen Abstiegskampf erwartet hatte. In der Sprache des Sportjournalismus: „Abstiegskampf pur“ – so, als gebe es auch einen verdünnten Kampf um den Klassenerhalt. Schöner Fußball war indes nicht zu sehen, und „gut“ hätte die Begegnung nur nennen können, wer „Der Pate III“ für den besten Teil der Trilogie hält.
Von zwei schwachen Regionalligisten aber war der SC Victoria der spielerisch bessere. Das manifestierte sich in einem unkoordinierten Pressing der Gäste, das von Vicky oft leicht umspielt werden konnte. Außerdem hatte der SVW Mühe das Spiel, seiner ansonsten eher reaktiven Anlage entgegen, selbst aufzubauen. Gleichwohl spielte sich Victoria nur eine echte Chance vor dem Seitenwechsel heraus, ebenso wie Wilhelmshaven. Benny Hoose hatte links Steven Lindener freigespielt, der mit einem feinen Trick an Dario Fossi vorbeizog und Robert Subasic am langen Fünfmeterraumeck bediente. Dieser wusste den Ball jedoch nur zu stoppen, nicht aber zu verarbeiten. Das war Mitte der ersten Hälfte.
Wenig später dann die Gelegenheit der Niedersachsen, aus einem Standard hervorgegangen. Die meisten SVW-Angriffe gingen aus Victoria-Standards hervor, auf dem Wege blitzschneller Konter nach abgefangenen Freistößen oder Ecken des SCV. Diesmal aber ging ein Wilhelmshavener Freistoß voraus. Innenverteidiger Karlis Plendiskis, ein 19-jähriger lettischer Juniorennationalspieler, hatte auf Alessandro Alfieri abgelegt, der jedoch den Bruchteil einer Sekunde später als der fehlerlose Vicky-Keeper Tobias Grubba am Ball war.
Chancen auf beiden Seiten

Nach dem Wiederanpfiff verlor Victoria zunächst etwas die Linie, Wilhelmshaven wurde stärker. Eine der größten Chancen des Spiels hatte Stürmer David Loheider, der nach einem perfekten Freistoß von Serhan Zengin aus dem linken Halbfeld an den langen Pfosten mit einer Direktabnahme knapp das Tor verfehlte. Wenig später die nächste große Gelegenheit, als Außenverteidiger Youness Buduar nach einer Ecke völlig frei zum Kopfball kam. Sein Abschluss aus knapp zehn Metern wurde aber auf der Torlinie abgeblockt.
Im Laufe der zweiten Hälfte kam dann Victoria besser zurecht und hatte fortan zunächst wieder ein Chancenplus. Ein flacher Schuss von Vincent Boock wurde von Keeper Aaron Siegl nach vorne abgewehrt. Noél Below hielt bei seinem Nachschuss aus zehn Metern zu stark drauf und verfehlte das rechte Lattenkreuz so auf der falschen Seite knapp.
Noch knapper wurde es nach 65 Minuten, als Hooses perfekter Schnittstellenpass Subasic einsetzte, der im Eins-gegen-eins-Duell jedoch in Siegl seinen Meister fand. Etwas besser machte es der heute insgesamt unglücklich agierende Goalgetter wenig später, als er nach einem Konter links auf Lindener zurücklegte, dessen Flanke Hoose mit dem Kopf ans linke Außennetz setzte.
Victoria drängt aufs Tor – Wilhelmshaven geht in Führung – das 0:1

In diese Drangphase der Gastgeber hinein fiel dann eine Viertelstunde vor Schluss der überraschende Führungstreffer für den SVW: Nach einem flach ausgeführten Freistoß wurde Alessandro Ficara vor dem Strafraum von vier Victorianern nicht angegriffen und traf mit einem platzierten Schuss aus fast 20 Metern in die rechte Ecke.

Wilhelmshaven-Teammanager schlägt zu und fliegt raus
Lutz Göttling reagierte sofort, brachte mit Tim Grundmann einen weiteren Stürmer und stellte auf 4-3-3 um. Verzweifelt und oft etwas hektisch berannten die Blaugelben das Wilhelmshavener Tor. Aber mehr Unruhe brachte Wilhelmshavens Teammanager Peter Schöne ins Spiel, als er Marcus Rabenhorst daran hindern wollte, einen nicht im Spiel befindlichen Ball zurück an seine Position an der Mittellinienfahne zu legen.

Nach einem kurzen Gerangel zwischen den Coachingzonen schlug Schöne Victorias Co-Trainer von hinten an den Kopf. Schiedsrichter Tim Skorczyk entschied hier noch richtig und verwies den jähzornigen Schöne aus dem Innenraum. Es kam dennoch zu einem ersten Handgemenge zwischen Spielern und Funktionsteams beider Mannschaften.
Unberechtigte Rote Karte kurz vor Schluß
Der Unparteiische, ein 24-jähriger Student aus Salzgitter, hatte bis dahin das Spiel ordentlich geleitet, aber nun entglitt ihm die Kontrolle über das Geschehen. Nachdem Vicky zwei gute Chancen vergeben hatte, einmal durch Subasic, der nach einem langen Ball von Keyser beim Abschluss im Strafraum noch gestört wurde, und einmal durch den eingewechselten Conrad Azong, der eine Flanke von Grundmann von der linken Seite nicht erreichen konnte, sah Victorias Abwehrchef Mike Keyser zwei Minuten vor dem Abpfiff die Rote Karte.
Unberechtiger Elfmeter in der Nachspielzeit

Nach einem nicht allzu harten Foul an Buduar hatte er offenbar eine abfällige Geste in Richtung des Schiedsrichters gemacht. So zumindest rekonstruierte man sich im Nachhinein die Sanktion. Der Referee mochte selbst seine Entscheidung bereut haben, jedenfalls schenkte er dem nun in Unterzahl spielenden SCV in der Nachspielzeit einen Foulelfmeter, als Conrad Azong nach einem Pass von Hoose von hinten auf Dario Fossi auflief und zu Boden ging.
Tumulte

Es folgte ein minutenlanger Tumult, in den Spieler, Trainer und Betreuer beider Seiten und beinahe auch noch aufgebrachte und zu später Stunde alkoholisierte Gästefans involviert waren. Aggressiv bestürmten die Wilhelmshavener besonders Azong, von dem sie forderten, sich vor dem Schiedsrichter zu einer Schwalbe zu bekennen. Azong wollte davon nichts wissen und ging wie ein unter Schock stehender Unfallzeuge in Richtung der eigenen Hälfte, während Wilhelmshavens Fossi nur mit Mühe an einer Tätlichkeit gegen den Vicky-Stürmer gehindert werden konnte.

Der Ausgleich

Als der Strafstoß dann endlich ausgeführt werden konnte, legte sich Hoose den Ball zurecht, Elfmeterspezialist Sergej Schulz war schon ausgewechselt worden. Der aufgebrachten Stimmung zum Trotz verwandelte der Kapitän den Strafstoß mit einem satten Schuss unter die Latte.
Hitzige Pressekonferenz

Kurz darauf war Schluss, und Victorias Spieler konnten mit einiger Erleichterung zumindest einen Punkt zur Kenntnis nehmen, was in der Gesamtkonstellation zu wenig, in der Entstehung des Ausgleichs aber sehr glücklich war. Wilhelmshavens Coach Farat Toku zeigte sich auf der anschließenden Pressekonferenz „stinksauer“ über die Elfmeterentscheidung, konzedierte zugleich aber, dass die Rote Karte wohl auch zu hart gewesen sei. Azong wolle er nichts Böses, aber er hoffe, „dass der Schiedsrichter nicht mehr Regionalliga pfeift“.

Toku konnte seine Wut nicht ganz verbergen, blieb insgesamt aber beherrscht, anders als der wieder aufgetauchte Schöne, der sich in die PK einschaltete, indem er Hamburger Journalisten, die Toku nach dem aggressiven Auftreten seiner Spieler befragten, anfuhr, sie sollten sich aufs Sportliche konzentrieren.
Göttling gelassen
Demgegenüber blieb Lutz Göttling ganz ruhig, analysierte das Spiel, nannte den Elfmeter eine „Konzessionsentscheidung“, den Punkt insgesamt aber „mehr als verdient“, über 90 Minuten sei der SCV die bessere Mannschaft gewesen. Göttling betonte auch, dass es der allererste Elfmeter für seine Mannschaft in dieser Saison gewesen sei. Was die Fehlentscheidung natürlich nicht weniger ärgerlich macht.
Weiterhin 4 Punkte Rückstand
Das Unentschieden hilft seinen Blaugelben nicht viel weiter, denn immer noch beträgt der Rückstand auf den VfR Neumünster vier Punkte, wobei die Konkurrenten aus Holstein sogar noch zwei Spiele mehr austragen dürfen. Wilhelmshaven hilft der Punkt auch nicht, aber dem SVW kann nach aktuellem Stand ohnehin nur noch die Justiz dabei helfen, die Klasse in der Regionalliga zu halten.
Am kommenden Palmsonntag reist Victoria nach Hannover zur zweiten Mannschaft von 96, am Karfreitag findet das Pokalhalbfinale beim Landesligisten USC Paloma statt, und am Freitag nach Ostern geht dann wieder das Flutlicht auf der Hoheluft an, wenn der SCV die U23 des HSV zum Hamburger Derby empfängt. Eine gute Nachricht dazu: Von den letzten sechs Heimspielen hat Victoria nur ein einziges verloren.
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Fotos: Tim Eckhardt
Regionalliga Nord, 28. Spieltag
SC Victoria – SV Wilhelmshaven 1:1
Victoria (4-2-3-1): Tobias GRUBBA – Noel BELOW, Mike KEYSER, Kerim CAROLUS, Kutay KEKLIKCI (78. Conrad AZONG) – Michael SARA, Vincent BOOCK (73. Tim GRUNDMANN) – Sergej SCHULZ (67. Mohamed LABIADH), Benny HOOSE, Steven LINDENER – Robert SUBASIC.
Wilhelmshaven (4-1-4-1): Aaron SIEGL – Christopher BRAUN, Dario FOSSI, Karlis PLENDISKIS, Youness BUDUAR – Matthias TIETZ – Giacomo SERRONE (90. David JAHDADIC), Alessandro ALFIERI, Serhan ZENGIN (76. Gazi SIALA), Alessandro FICARA – David LOHEIDER (74. Tim SCHEFFLER).
0:1 FICARA (73.)
1:1 HOOSE (90., 11m)
Zuschauer: 139
Gastautor: Klaus Katzenbach
