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Fans vom FC St. Pauli besuchen das Training in der Kollaustraße. Foto: Jasper Karin
Fans vom FC St. Pauli besuchen das Training in der Kollaustraße. Foto: Jasper Karin
Magazin #43

Wer steht beim St.-Pauli-Training am Seitenrand?

Weit entfernt vom eigentlichen Bau am Millerntor, zwischen Feldern und Bäumen, liegt das Trainingszentrum vom FC St. Pauli. Das öffentliche Training lockt verschiedenste Arten von Fans an den Spielfeldrand. Ein Besuch zwischen Jägern, Kiebitzen und Verletzten.

Von Jasper Karin

Als die Spieler des FC St. Pauli auflaufen, bleibt der Jubel aus. Kein Fan ist zu sehen. Statt “Hells Bells” von AC/DC ist das Klicken einiger Kameras zu hören, Flugzeuge, die in Fuhlsbüttel landen, donnern über den Himmel. Die Spieler sind an diesem Dienstagmittag nicht am Millerntor, sondern im Training an der Kollaustraße in Niendorf.

Während sich die Profis einschwitzen, Taktikkniffe drillen und die Kondition bolzen, tauchen nach und nach die ersten Besuchergruppen auf – die einen tasten sich langsam heran, die anderen bewegen sich zielgerichtet ins Habitat. Wer sind sie – und warum sind sie hier?

“So nah kommst du den Jungs sonst nicht”

Eine junge Familie fällt auf, die mit St.-Pauli-Schals und Kinderwagen auf den Trainingsplatz spaziert. Statt einem Ausflug in den Tierpark oder auf den Spielplatz geht es heute zum Trainingszentrum an die Kollaustraße. Philipp und Nele sind zum ersten Mal hier. Im Radio hörte Philipp von dem öffentlichen Training und wurde neugierig. “So nah kommst du den Jungs sonst nicht”, sagt er. 

Hier sehen Philipp und Nele, welcher Spieler als Spaßvogel Beinschüsse verteilt oder wer teilnahmslos auf den Rasen spuckt. Wer genau hinschaut, kann die blauen Flecken an den Knöcheln der Spieler erkennen.

Im Hintergrund brüllt St.-Pauli-Trainer Alexander Blessin unzufrieden: „Come on, guys!” Foto: Jasper Karin

Als ein Ball zu Philipp springt, spielt er ihn souverän zurück. Fast wäre ein Pass mit dem Fanliebling Manolis Saliakas zustandegekommen, der gerade vorbeiläuft – aber eben nur fast. Ein Satz, wie er auch im Live-Ticker eines St.-Pauli-Spiels stehen könnte.

Der Kiebitz im natürlichen Habitat

An ihrem Stammplatz ganz hinten steht die alte Garde der Zuschauer. Im Fußball-Biotop nennt man sie “Kiebitze”. Sie stehen bei Wind und Wetter am Trainingsrand, blicken skeptisch auf die hippen Frisuren und Tattoos der Spieler und murren in ihren dichten Schnauzer hinein, wenn der Verteidiger sich erdreistet, nicht mit beiden Beinen in den vorbeiziehenden Stürmer zu grätschen.

Zwei von ihnen sind Horst und Dieter. Es sind nicht ihre wahren Namen, die wollen sie lieber für sich behalten. “Ne, lass mal nach du”, sagt Dieter in typischem Hamburger Schnack. Er ist Sankt-Paulianer durch und durch. Seit 72 Jahren ist er Mitglied im Verein – und sogar ein ehemaliger Spieler, erzählt er. Allerdings noch zu einer Zeit, als Fußbälle aus Schweinsblasen bestanden und die dritte Halbzeit zielsicher an der Theke endete.

Das Training ist für die beiden Rentner ein Treffpunkt, hier kennt man sich. “Ihn kenn ich schon, da war er noch ein Lütte”, erzählt Dieter und zeigt auf einen älteren Herren neben ihm. “Man kommt her, um ein bisschen zu klugscheißen und den Frust der vergangenen Spiele rauszulassen”, sagt er.

Ewald Lienen auf wackeligen Gartenstühlen

Anekdoten haben sie einige auf Lager: Sie erinnern sich an ein Training unter Ewald Lienen, als ein verunglückter Schuss auf dem Dach einer benachbarten Autowerkstatt landete. Kein Spieler wollte den Ball holen, also machte Lienen sich selbst ans Werk. “Auf drei, vier gestapelten Stühlen hat er den Ball selbst runtergeangelt”, erinnert sich Horst und schmunzelt. Das seien noch Zeiten gewesen, in denen die Spieler sie beim Training per Handschlag begrüßten und für einen kleinen Schnack zu haben waren.

Seit 2013 trainieren die Profis des FC St. Pauli an der Kollaustraße. Dort steht in den nächsten Jahren ein großer Umbau bevor. Das Nachwuchsleistungszentrum soll herziehen und die Plätze von drei auf sieben erweitert werden. Ein großer Schritt, um professioneller zu trainieren, doch es könnte auch das Image des Trainingsgeländes aufbessern. Mit den angrenzenden Wiesen und der dahinplätschernden Kollau sagen sich dort momentan noch Maulwurf und Kröte gute Nacht. Komplett fertig soll die Anlage aber frühestens 2030 sein.

Plötzlich wird es still auf dem Trainingsplatz. Der Abwehrspieler Eric Smith ist liegengeblieben. Um ihn bildet sich eine Spielertraube – mit Medizinkoffer im Anschlag. Smith hat einen Schlag an die Schläfe gekriegt. Sichtlich angeknockt muss er das Training abbrechen. Wenige Stunden später berichten Bild, Morgenpost und Abendblatt. “Schreck im St.-Pauli-Training: Smith bricht zusammen”, titelt die Mopo. Aber das ist dann für alle Trainingsbesucher natürlich längst keine Neuigkeit mehr. 

Die Zeit der Jäger und Sammler

Als wenig später die Profis zurück in die Kabinen trotten, schlägt die Zeit derer, die sich am Platzrand bisher eher im Hintergrund gehalten haben – die Autogrammjäger. Mit Edding und unter die Arme geklemmten Mappen hoffen sie auf signierfreudige Profis. Begehrt sind weniger die Stammspieler, sondern die wenigen, die noch in der Sammlung fehlen. Der slowakische Co-Trainer Peter Németh unterschreibt vergnügt, genauso wie Abdoulie Ceesay, der letztes Jahr aus Estland kam.

Zum Training zieht es auch Autogrammjäger. Foto: Jasper Karin
Zum Training zieht es auch Autogrammjäger. Foto: Jasper Karin

Einer der Sammler ist Markus. Er ist eigentlich im Auftrag seines 15-jährigen Sohnes hier, sagt er. Der habe zuhause ganze Alben voller Unterschriften. “Sogar vom blauen Nachbarn aus Stellingen”, flüstert Markus vorsichtig. Mit den Unterschriften von heute ist die St.-Pauli-Sammlung komplett. Zufrieden macht sich Markus auf den Nachhauseweg.

So neigt sich ein Mittag auf dem Trainingsgelände des FC St. Pauli dem Ende zu. Doch am nächsten Tag wird wieder trainiert. Und eins ist sicher: Wenn sich die Pforten der Anlage öffnen, kommen sie alle wieder: Kiebitz, Sammler, Kind und Fußballstar – alle Vögel, alle.


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