27 Stolpersteine: Eimsbütteler Schülerinnen gewinnen Bertini-Preis
Weil sie sich für ein solidarisches Miteinander einsetzten, wurden sechs Hamburger Schulen mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet. Unter ihnen waren auch Schülerinnen des Helene-Lange-Gymnasiums, die die Biografien jüdischer Mädchen während der NS-Zeit recherchiert haben.
Von Jasper KarinJährlich am 27. Januar wird im Rahmen eines internationalen Gedenktags an die Opfer des Nationalsozialismus erinnert. Dieses Jahr wurden an diesem Tag zehn Schülerinnen des Helene-Lange-Gymnasiums mit dem Bertini-Preis im Ernst-Deutsch-Theater ausgezeichnet. Sie haben die Biografien jüdischer Schülerinnen ihres Gymnasiums recherchiert, die während der NS-Zeit verfolgt wurden. Nun liegen 27 Stolpersteine vor dem Eingang ihrer Schule.
Mehr als Geschichtsunterricht
„Am Ende fühlten wir uns mit den Mädchen richtig verbunden“, sagt Nuria Neubauer. Zusammen mit Julia Ruttkamp und Ava Friedrich nahm sie an der AG „Jüdisches Leben“ an ihrer Schule teil. Dabei rekonstruierten sie die Lebenswege ehemaliger jüdischer Schülerinnen. Wochenlang haben sie dafür recherchiert – und waren unter anderem im Hamburger Staatsarchiv. „Wir hatten die echten Dokumente von damals in der Hand“, erzählt Julia Ruttkamp. Ganz anders als im Geschichtsunterricht.

„Todesursache: Schizophrenie“
Besonders bewegt hätte sie das Schicksal der jüdischen Schülerin Leonie Cohen. Sie wurde aufgrund einer Schizophrenie in eine Heilanstalt eingewiesen – während des Nationalsozialismus wurden viele Patienten in solchen Einrichtungen mit Medikamenten ruhiggestellt und später ermordet. Die Schülerinnen stießen in ihrer Krankenakte auf Zitate wie: „Muss psychisch völlig verrückt sein“ und „Dauerbehandlung nötig“. Zu ihrem Tod wenig später steht nur: „Todesursache: Schizophrenie“.
Für Neubauer, Ruttkamp und Friedrich sei es ein Moment zum Reflektieren gewesen. „Die Mädchen waren wie wir“, sagt Ava Freidrich. „Sie sind jeden Tag durch denselben Eingang und dieselben Räume wie wir gelaufen.“
Stolpersteine am Gymnasium
Ihr Projekt schlug Wellen bis zu Gunter Demnig, dem Erfinder der Stolpersteine. Er kam ans Helene-Lange-Gymnasium, um vor dem Schuleingang 27 Stolpersteine zu verlegen. Dazu hielt der Hamburger Landesrabbiner Shlomo Bistritzky eine Rede. „Das war eine große Ehre für uns“, sagt Julia Ruttkamp.
Was sind Stolpersteine?
Die „Stolpersteine“ sind kleine Gedenktafeln aus Messing, die in Gehwege eingelassen werden. Sie erinnern an Menschen, die in der Zeit des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Das Projekt wurde 1992 vom Künstler Gunter Demnig initiiert. Heute sind die Stolpersteine in ganz Europa zu finden.
Neben den Schülerinnen aus Harvestehude wurden Schüler von fünf weiteren Hamburger Schulen mit dem Bertini-Preis ausgezeichnet. Unter anderem für Theaterstücke über Gewalt an Frauen oder die Judenverfolgung während der NS-Zeit. „Euer Zusammenhalt ist wichtig für unsere Demokratie“, lobte die Vorsitzende des Bertini-Preises Isabella Vértes-Schütter. Gastredner Hèdi Bouden appellierte: „Ihr sollt inspirieren, damit andere Menschen aktiv werden.“
Engagement gibt Zuversicht
Das haben sich offenbar die Schülerinnen des Helene-Lange-Gymnasiums zu Herzen genommen. Obwohl viele von ihnen dieses Jahr ihr Abitur absolvieren, machen sie sich keine Sorgen um die Zukunft der AG „Jüdisches Leben“. „Die ganze Schule hat von der Aktion mitbekommen“, sagt Ava Friedrich. Daraufhin hätten sich viele Interessierte bei ihnen gemeldet, die auch bei der AG mitmachen wollen.
Der Moderator der Verleihung formulierte es treffend: „Das alles gibt einem eine ordentliche Portion Zuversicht.“
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