Taube, Liebe, Hoffnung
In einem kämpferischen Pokalspiel auf Grand um 10.45 Uhr hat der Landesligist USC Paloma sensationell mit 2:1 gegen den Regionalligavertreter SC Victoria gewonnen und steht damit im Finale des Hamburger Verbandspokals. Die weißen Tauben aus Barmbek zeigten sich wesentlich weniger müde als der zwei Ligen höher angesiedelte Club von der Hoheluft, der zum ersten Mal überhaupt in seiner Geschichte ein Pflichtspiel gegen Paloma verlor.
Von Gast
Die historische Dimension des Pokalerfolgs wird auch an einigen anderen Zahlen deutlich: Zum ersten Mal in seiner Amtszeit als Trainer des SCV schied Lutz Göttling aus dem Pokal aus, zum ersten Mal seit 2007 verlor Vicky ein Hamburger Pokalspiel in der regulären Spielzeit, zum ersten Mal seit 2005 gegen einen unterklassigen Gegner und zum ersten Mal seit 1995 schieden die Blaugelben aus dem Spiel heraus gegen einen Club aus, der mehrere Ligen unter ihnen angesiedelt war – damals verlor der Oberligist SCV gegen Jahn Wilhelmsburg.
„Kann man vor 12 Uhr schon Bratwurst und Bier bestellen?“
Der USC Paloma verbringt nach dem Abstieg vor einem knappen Jahr eine Saison in der Landesliga Hammonia, hofft aber mit gutem Recht auf den direkten Wiederaufstieg in die Oberliga Hamburg. Dort könnten die Tauben theoretisch in der nächsten Spielzeit erneut auf den SCV treffen – auf Augenhöhe.
Mit dem Namen Paloma verbindet der Freund des Hamburger Amateurfußballs normalerweise die Begriffe „Grand“, „10 Uhr 45“ und „Kann man vor 12 Uhr schon Bratwurst und Bier bestellen?“. Nun wird der legendäre Grandplatz des Clubs an der Brucknerstraße in Barmbek-Süd seit 14 Tagen zu einem Kunstrasen umgebaut. Deshalb musste Paloma für dieses Pokalspiel wie auch für das Spitzenspiel in der Landesliga nächste Woche gegen den VfL 93 umziehen.
Rotsandidylle am Ring 2
Ursprünglich war ein Rasenplatz in Dulsberg-Süd angedacht, aber dann besann man sich wohl des Heimvorteils und versuchte, wie im Davis Cup ein Ambiente zu wählen, das von den Regionalligabedingungen, die Victoria gewohnt ist, so weit wie möglich entfernt ist. Bei der Suche nach einem solchen Geläuf fiel die Wahl auf den Schützenhof, die Heimstatt des SC Urania. Ein Barmbeker Traditionsclubs, der in den 1980er Jahren Punktspiele gegen Victoria bestritt, inzwischen aber in der Kreisliga noch tiefer als Vickys Zweite kickt.
Urania stellte Paloma also seinen Ground zur Verfügung, eine Rotsandidylle am Ring 2 zwischen Habichtstraße, Rotklinkerbauten und dem Verwaltungssitz der Techniker Krankenkasse. Das einstöckige Clubheim des SC Urania scheint unter Denkmalschutz zu stehen, jedenfalls hat man es in den letzten 30 Jahren behutsam vermieden, am Zustand dieses Gebäudes etwas zu verändern. Perfekter Fußballcharme also.
Theorie und Praxis
So charmant fanden die Gäste aus der Regionalliga die Szenerie jedoch nicht. Auf dem sandigen Spielbelag behagte Vicky das frühe und aggressive Anlaufen des Landesligisten gar nicht. Mit der vorhandenen spielerischen Klasse von Spielern wie Benny Hoose, Jakob Sachs und Michael Sara hätte es trotzdem auch in Abwesenheit des gesperrten Vincent Boock und von Abwehrchef Mike Keyser dazu reichen müssen, das Pressing der Tauben zu umspielen. Aber die Theorie ist das eine, und ein Karfreitagvormittag im Barmbeker Nieselregen ist das andere.
Die Gesetze des Pokals
Warum wachsen unterklassige Mannschaften im Pokal über sich hinaus? Ein Rätsel, auf das selbst Erich von Däniken zeitlebens keine Antwort gefunden hat. Warum geht der SC Victoria regelmäßig gegen Zweitvertretungen von Proficlubs in der Regionalliga unter (0:5 und 0:3 gegen Hannover II, 0:5, 0:4 und 1:4 gegen Werder Bremen II, 0:4, 0:3, 0:4, 0:5 gegen Wolfsburg II, 1:5 bei Braunschweig II), aber im DFB-Pokal klappt es wesentlich besser gegen Teams aus der ersten und zweiten Bundesliga (1:0 gegen Oberhausen, 1:3 gegen Wolfsburg, 1:2 gegen Freiburg, 0:2 gegen Hannover)?
Warum verliert der USC Paloma in der Landesliga bei TuRa Harksheide, kann aber zwei Oberligisten und jetzt sogar einen Regionalligisten im Pokal bezwingen? So banal und frustrierend die Antwort ist – es muss wohl doch auch an der Psyche und der Einstellung liegen. Die Laufwege der beiden Sechser Victorias, Michael Sara und Benjamin Bambur, waren vor der Pause lethargisch und dem großen Arbeitspensum des Gegners, insbesondere vom starken Christoph Wegner, nicht gewachsen.
Probleme in der Abwehr

Die Abwehr der Blaugelben stand zunächst teils zu tief, dann rückte sie hoch nach, die beiden Innenverteidiger schoben aber weit nach außen wie für einen abkippenden Sechser, während die Außenverteidiger extrem weit nach vorne gingen. Wenn nun etwa Sara oder Bambur an der Mittellinie den Ball führten, stand der SCV oft so breit und offen, dass ein einziger Ballverlust sofort mit einem Abschluss des Gegners bestraft werden konnte.
Erste Vicky-Chance nach 30 Minuten
Eigene Angriffsaktionen gelangen Vicky erst nach einer guten halben Stunde. In der vorausgegangenen nervösen Anfangsphase waren nur die Tauben zu Chancen gekommen. Einen Freistoß von Jan Savelsberg hatte Tobias Grubba nur nach vorne abklatschen können, einen Schuss von Alexander Graf hatte der SCV-Schlussmann sicher pariert. Als nach 30 Minuten Hooses Außenrissschuss aus zehn Metern von einem Abwehrspieler geblockt wurde, nachdem Grundmann ein zu scharfes Sara-Anspiel akrobatisch von der Torauslinie zurück auf seinen Kapitän gelenkt hatte, schien der Bann aus Sicht des Favoriten aber endlich gebrochen.
Vicky drängt auf die Führung
Wenig später scheiterte Jakob Sachs, der erstmals seit einem Monat wieder in der Startelf stand, aus spitzem Winkel an Paloma-Keeper Yannik Jonas, nachdem Hoose mit einem perfekten Ball über die Kette gezeigt hatte, wie man den Landesligisten überwinden könnte. Nach der anschließenden Ecke wurde ein Schuss von Steven Lindener von Jonas ans Lattenkreuz gelenkt und nach einem weiteren Schnittstellenpass von Hoose auf Sachs bediente dieser erneut Lindener, der freistehend aus elf Metern köpfte, aber keinen Druck hinter seinen Abschluss bekam.
Doppelpack für Paloma

Als also gerade Normalität einzukehren schien und die beiden einander gegenüberstehenden Vicky-Fanclubs Nordkaos und Konterbande aufzuatmen begannen, fiel nach einem clownesken Fehler in Victorias Abwehr das 1:0. Wie in einem Bud Spencer-Film prallten David Eybächer und Kerim Carolus beim Versuch an den Ball zu kommen frontal zusammen. Dieser hoppelte darauf weiter, Palomas Alexander Graf schaltete schnell und traf aus knapp 20 Metern in die rechte Ecke.
Der handelsübliche Jubel war kaum verklungen, der im Nebenberuf ohrenscheinlich als Animateur tätige Stadionsprecher hatte gerade seine Ansage ausklingen lassen, da verdoppelte Timo Adomat die Führung für Paloma. Ein böser Ballverlust von Bambur gegen Wegner ließ einen schnellen Pass auf Dennis Pannen folgen, der setzte seinen Sturmpartner Adomat ein, und dieser erzielte cool sein 14. Saisontor.
Psychologisch ungünstig
Das war nicht das, was man aus Sicht der Gäste als „psychologisch günstigen Zeitpunkt“ bezeichnen konnte. Aber man muss auch kein Fußballphilosoph vom Schlage eines Peter Neururer sein, um zu wissen, dass psychologisch günstige Zeitpunkte für zwei Gegentore durch einen unterklassigen Gegner so häufig vorkommen wie psychologisch günstige Zeitpunkte für einen Frontalzusammenstoß auf einer nebligen Landstraße.
Die 2. Halbzeit: Vicky erhöht den Druck
Schon nach dem 1:0 hatte Trainer Göttling Stürmer Robert Subasic zum Warmmachen geschickt, und nach der Pause blieb Innenverteidiger Jerry Sampaney auf der Bank, Subasic kam als zweite Spitze in eine Art 3-2-3-2-System. Sofort lief es für Vicky besser. Nicht nur, weil jetzt ein zweiter Angreifer auf dem Platz stand, der die Verteidigung der Gastgeber zu größerer Vorsicht zwang, so dass im Mittelfeld das Übergewicht der Blaugelben größer wurde.
Der Anschlusstreffer

Sondern auch, weil auf einmal eine andere Energie das SCV-Spiel antrieb. In den ersten Minuten nach Wiederanpfiff rollte ein Vicky-Angriff nach dem anderen aufs Tor Palomas, und schon in der 48. Minute erzielte Steven Lindener im Nachstochern den Anschlusstreffer. Vorausgegangen war einmal mehr die tödliche Kombination Hoose – Sachs, der nach Altona abwandernde Sachs hatte Lindener mit seiner Hereingabe von rechts am langen Pfosten gefunden.
Abwehrschlacht
Fast hätte es auch hier den Doppelschlag gegeben, als Hoose nach einer kurz ausgeführten Ecke von Lindener aus kurzer Distanz und spitzem Winkel an Jonas scheiterte. Paloma zollte dem hohen Aufwand der ersten Hälfte Tribut und beschränkte sich auf die Inszenierung einer Abwehrschlacht, wie sie Albrecht Altdorfer gerne ins Bild gesetzt hätte. Zu neunt tummelten sich die Tauben im eigenen Strafraum wie Abiturienten in der Raucherecke.

Auch diese Taktik verhinderte zwar keine weiteren Abschlüsse des SCV, aber dafür war ja Keeper Jonas da, der sich ein ums andere Mal den Schüssen aus kurzer Distanz entgegenwarf und sie parierte. Es war das sinnbildliche „Spiel auf ein Tor“, und Vickys Keeper Tobi Grubba hätte durchaus schon vor der Nachspielzeit den Weg mit nach vorne wagen können, denn außer einem Freistoß von Jan Savelsberg kam er im zweiten Durchgang nur durch Rückpässe seiner eigenen Spieler zu Ballberührungen.
Subasic lässt Chance zum Ausgleich liegen
Viel zu oft allerdings schlug Victoria den Ball von hinten einfach hoch nach vorne, was der tiefen, kompakten Stellung des USC ebenso entgegenkam wie dessen Kopfballstärke. Dass fast alle Chancen des SCV aus Schnittstellenpässen, meist von Hoose, resultierten, hätte eine andere Herangehensweise nahegelegt.
Die größte Chance für Blaugelb vergab Robert Subasic kurz vor Schluss, als er, von Hoose perfekt in Szene gesetzt, beim Abschluss aus fünf Metern mit links den Ball nicht richtig traf, so dass der schon am Boden liegende Keeper Jonas mit einer Fußabwehr zur Ecke klären konnte. Spätestens da dämmerte den anwesenden Victorianern, dass an diesem Tag so einige Serien zu Ende gehen würden.
Ungewisse Zukunft
Victoria steht nun mehr denn je vor einer ungewissen Zukunft. Ohne die in den letzten Jahren fast regelmäßigen Einnahmen aus dem DFB-Pokal wird es für den Club noch schwerer, eine dritte Regionalligasaison zu finanzieren – sollte das Team von Lutz Göttling sich für diese denn überhaupt sportlich qualifizieren.
Um die Klasse in der Regionalliga zu halten, wäre ein Heimsieg im Derby am nächsten Freitag gegen die U23 des HSV extrem wichtig. Zunächst aber wollte Göttling nach dem Spiel nicht über die Regionalliga sprechen. „Jetzt ist erstmal Ostern, und Montag haben wir Training. Dann bereiten wir uns auf den HSV vor.“
Paloma steht im Finale – gegen Altona 93 oder Condor

Für Paloma bedeutet der Sieg den zweiten Finaleinzug nach 2002, als im Hammer Park ein Elfmeterschießen gegen Victoria den größten Erfolg der Vereinsgeschichte brachte. Gegner am Himmelfahrtstag ist der Sieger des zweiten Halbfinals zwischen Altona 93 und dem SC Condor, das am Ostermontag ausgetragen wird. Mit einem Sieg gegen den VfL 93 könnte die Mannschaft von Marco Krausz zudem noch dem Meistertitel und damit sicheren Aufstieg in die Oberliga näher kommen.
Dieses Topspiel findet dann wieder am Schützenhof statt, die Halbfinal-„Afterparty“ jedoch im heimischen Clubheim an der Brucknerstraße, wo sich die Gäste in der „Happy Hour ab 13:00 Uhr“ vielleicht schon auf den „Tanz in den Mai“ am gleichen Ort freuten. Schließlich sah der der Stadionzeitung beigelegte Flyer so aus, als habe ihn der Architekt des Urania-Vereinsheims noch zu Lebzeiten designt. Bei all den Festivitäten am Karfreitag mag man es den Anhängern verdenken, dass sie wohl noch nicht über die einzig schlechte Nachricht für ihren Club nachgedacht haben: Das Finale an der Hoheluft findet auf richtigem Rasen statt.
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Hamburger Pokal, Halbfinale
USC Paloma – SC Victoria 2:1
Paloma (4-4-2): Yannik JONAS – Dirk SAVELSBERG, Jan SAVELSBERG, Sven DREWS, André LOHFELDT – Alexander GRAF (81. Jannik DREYER), Christoph WEGNER, Visar GALICA, Kevin FRANZ – Timo ADOMAT, Dennis PANNEN (70. Kevin TRAPP).
Victoria (4-2-3-1): Tobias GRUBBA – Noel BELOW, Jerry SAMPANEY (HZ Robert SUBASIC), David EYBÄCHER, Kerim CAROLUS – Benjamin BAMBUR, Michael SARA – Jakob SACHS, Benny HOOSE, Steven LINDENER – Tim GRUNDMANN (76. Conrad AZONG).
1-0 GRAF (40.)
2-0 ADOMAT (42.)
2-1 LINDENER (48.)
570 Zuschauer
Gastautor: Klaus Katzenbach
