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Gestern wurde eine Pressekonferenz zu gestraneten Walen gehalten. Die Meinung von Redakteurin Alexis Milne. Foto: Sarah Jaskulski
Gestern wurde eine Pressekonferenz zu gestraneten Walen gehalten. Die Meinung von Redakteurin Alexis Milne. Foto: Sarah Jaskulski
Kommentar

Lasst Timmy doch bitte einfach sterben

Eine Pressekonferenz zum Wal Timmy, der im Frühjahr an der deutschen Ostseeküste strandete, wirft Fragen auf. Vor allem: Warum tun wir uns dieses Drama an?

Von Alexis Milne

Als im Mai der Kadaver eines Buckelwals in Dänemark strandete, habe ich eine bittere Erleichterung verspürt. Das Tier – viele gingen davon aus, es handele sich um „Timmy Hope“, den Lieblingswal der Nation oder zumindest von TikTok-Nutzern im mittleren Alter – ist erlöst. Das bestätigten auch die dänischen Behörden, die die Finne des Wals untersucht und daran Timmys Tracker gefunden haben sollen.

Traurig ist es um jeden Tod. Dennoch hatte ich die Hoffnung, dass wir uns dank der aufgeblähten Tierleiche auch als Gesellschaft wieder weiterbewegen können.

Aber nein. Gestern wurde im Hamburg-Haus in Eimsbüttel eine Pressekonferenz mit nationaler Berichterstattung abgehalten. Die Schockernachricht: Die DNA des toten dänischen Wals stimme nicht mit der von Timmy überein.

Schrödingers Wal

Also lebt Timmy? Die Debatten im Netz kreisen wieder. Unnötig ist dieses Drama so oder so. Die Tragik eines gestrandeten, hilflosen Tiers geht nicht an mir vorbei, aber durch Berichterstattung Schrödingers Wal zu schaffen, verschwendet Zeit, Geld und Speicherplatz.

Als Auffrischer: Schrödingers Katze beschreibt ein Gedankenexperiment, in dem eine Katze in eine Kiste gesperrt wird. Durch einen Mechanismus besteht eine 50-prozentige Chance, dass sie getötet wird – wissen kann man es nicht, bis man die Kiste öffnet. In der Quantenphysik heißt es, die Katze ist damit als gleichzeitig tot und lebendig zu werten.

Der Wal, der das Netz eroberte

Ähnlich scheint es um „unseren“ Timmy zu stehen. Die Indizien für und gegen sein Überleben scheinen sich für viele Beobachter zu widersprechen. Wir können nicht wissen, ob er noch irgendwo umherschwimmt, wieder sonstwo gestrandet ist oder gerade am Meeresgrund Aasfressern als Nahrungsquelle dient. Und es ist egal, früher oder später sterben alle, auch Wale. An der dänischen Küste stranden übrigens häufig Wale, sie verirren sich wohl oft in seichte Gewässer. Das macht bestimmt auch die Dänen traurig, es wird aber trotzdem kein Bohei draus gemacht.

Im Aufruhr um Timmy geht es viel weniger um dieses Tier mit auffällig viel Pech (er hat sich das ja bekanntlich nicht ausgesucht), sondern um den Umgang der Menschen mit ihm. Im Netz wurde ein unendlicher Wirbel um ihn geschaffen, inklusive KI-Balladen und Verschwörungstheorien, die jetzt erneut kursieren.

Was ist los mit den Leuten?

Viele Timmy-Fans scheinen aus einer ähnlichen Ecke zu kommen, wie Querdenker in der Corona-Pandemie: Hier treffen wage Ökoargumente (natürliche Heilung ist gut, Tierleid ist schlecht – was ja richtig ist) auf rechte Skepsis (sie lügen uns an, die da oben verheimlichen etwas). Diese Mischung führt – bedient durch eine Masse an ungeprüften Inhalten im Netz – zu einer starken Emotionalisierung. Diese Schwurblerinnen und Schwurbler bringen ihre kollektiven Verlustängste zum Ausdruck und „entlarven“ dabei den „verschwörerischen Staat“ oder wen auch immer.

Und befüttert wird das durch eine überzogene Berichterstattung. Ja, ein gestrandeter Wal ist eine Nachricht. Ja, eine Rettungsaktion ist es auch. Aber: Wir tragen die Verantwortung dafür, kritisch zu berichten. Dazu gehört, Desinformation keinen Raum zu geben und Schwurblerdebatten keinen Nährboden zu liefern.

Schickt Timmy in die ewigen Jagdgründe!

Dieses arme Tier wurde erbarmungslos ausgeschlachtet und so langsam sollte es mal gut sein. Also, lasst ihn, das mediale Phänomen Timmy Hope, sterben. Bitte. Damit wir uns wieder mit wirklichen Problemen befassen können.


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