Derbysieger zu Hause vorgeführt
Mit einem herben, aber auch in der Höhe verdienten 2:5 gegen die SV Halstenbek-Rellingen musste Regionalligaabsteiger SC Victoria seine erste Niederlage der Saison einstecken. Die Euphorie nach dem 1:0-Auswärtssieg beim Rivalen Altona 93 scheint zunächst verflogen.
Von GastThomas Bliemeister, der Trainer der Gäste aus dem Pinneberger Baumschulgebiet, wusste bei der Pressekonferenz nach dem Spiel zunächst nicht, wo er Platz nehmen sollte: „Hier habe ich bei den ganzen Niederlagen immer gesessen“, erinnerte er sich schließlich. Bliemeister, seit 2008 Trainer bei HR, konnte sich den trockenen Humor leisten. Schließlich hatte seine junge Mannschaft gerade das bisher erstaunlichste Ergebnis der Oberligasaison erzielt und bei einem der Titelkandidaten und Aufstiegsaspiranten haushoch gewonnen. In den Jahren vor Vickys Regionalligagastspiel hatte es mehrfach fünf oder mehr Tore für HR an der Hoheluft gegeben – aber immer als Gegentore. Bitter für die Holsteiner auch die Erinnerung an die knappe Niederlage im Pokalfinale 2010 an gleicher Stelle, als Vicky beim knappen 1:0 etwas Glück gehabt hatte, aber dennoch auf Kosten der Spielvereinigung in den DFB-Pokal eingezogen war.
Der SV Halstenbek tritt in neuer Formation auf
Mit dem Team von 2010 hatte die diesmal am Lokstedter Steindamm siegreiche Mannschaft aber nur noch wenig zu tun. Zwar war Bliemeister schon damals der Trainer, aber aus dem Spielerkader ist nur noch Robert Hermanowicz übrig geblieben. Das liegt auch daran, dass es eine neue Kooperation des Clubs mit Eintracht Norderstedt gibt, in deren Zuge gleich neun A-Jugendspieler des Regionalligisten im Sommer nach Halstenbek gewechselt sind, um Spielpraxis im Herrenbereich zu sammeln. Beim SCV hingegen waren noch vier Pokalsieger von 2010 am Sonnabend im Stadion – keiner von ihnen allerdings auf dem Rasen. Jasmin Bajramovic, Kapitän der damaligen Mannschaft von Bert Ehm, ist jetzt Cotrainer von Lutz Göttling. David Eybächer, Felix Sager und Sven Trimborn saßen verletzt auf der Tribüne. Von dort musste auch Dennis Thiessen das Spiel verfolgen, denn sein in Altona erlittener Bänderriss erfordert eine mehrwöchige Pause. Diesen Ausfall konnte Vicky dem Anschein nach nicht kompensieren.
Vicky wirkt anfangs überlegen
Die 272 Zuschauer hatten in der ersten Spielhälfte das Gefühl, der SCV sei die bessere Mannschaft und werde seine spielerische Überlegenheit über kurz oder lang ausspielen. Aber die Gäste, mit zwei tiefen, verschiebenden Viererketten angetreten, ließen die Gastgeber kommen und warteten auf Konter. Das konnten sie vergleichsweise entspannt tun, da es Vicky im Zehnerraum an Präsenz und Kreativität fehlte. Benjamin Bambur und Cem Cetinkaya spielten beide in der offensiven Mittelfeldreihe, während Gökhan Iscan vor der Abwehr den tiefliegenden Spielmacher in einer 4-1-4-1-Formation geben sollte. Die Abstände nach vorne waren jedoch zu groß, und selbst wenn Stürmer Marius Ebbers dem Ball ungeduldig entgegenkam, weil kein Spielaufbau bis zu ihm nach vorne drang, fehlte es an komplementären Laufwegen der Teamkollegen.

Mag sein, dass die Nachtschicht, die Marcus Rabenhorst und Rinik Carolus zuvor in ihrem Job bei der Polizei absolvieren mussten, zusätzlich Energie und Aufmerksamkeit bei zwei zentralen Führungsspielern kostete. Woran auch immer es aber gelegen haben mag, im Vergleich zur furiosen Anfangsphase der Vorwoche in Altona wirkte das SCV-Spiel phlegmatisch und viel zu statisch. So gesehen hätte es nicht verwundert, wenn HR nach einem Konter in Führung gegangen wäre. Doch eine entsprechende Chance konnte Kevin Ralfs im Victoria-Tor, immer noch Vertreter des verletzten Tobias Grubba, aber parieren. Den Schuss des guten Mladen Tunjic, vor vielen Jahren selbst noch Victorianer, konnte er abwehren. Der Gegentreffer fiel dann nach 20 Minuten trotzdem, aber widersinniger Weise nach einem Eckstoß. Das war aus zwei Gründen überraschend. Zum einen hatte Vicky seine Standardverteidigung selbst in der schwachen Regionalligarückrunde deutlich verbessern können, und zweitens war die Mannschaft des Gegners eher durch kleine, wendige 19-Jährige charakterisiert, als durch kopfballstarke Sturmtanks. Gleichwohl kam Robert Hermanowicz nach der von Ümit Karakaya von rechts ausgeführten Ecke relativ frei zum Kopfball und markierte aus sieben Metern das Führungstor.
Nach dem Führungstor hält der SCV den Anschluss
Nur eine Minute später schlug der SCV zurück. Nach einer Flanke von Rinik Carolus von der linken Seite (sein Bruder Kerim wechselte gerade zur U23 des HSV, war aber als Zuschauer im Stadion) wurde ein Kopfball von Cetinkaya abgewehrt und kam zu Babis Sidiropoulos. Dessen Schuss von der rechten Seite wurde unhaltbar über Keeper Adrian Matthäi hinweg ins Netz abgefälscht. Bis zur Pause hatten beide Teams noch ihre Chancen. Victoria durch Ebbers, der einen wunderschönen Chip von Vincent Boock – der nach dem Abgang von Kerim Carolus einmal mehr auf der Rechtsverteidigerposition aushelfen musste – nicht unter Kontrolle bekam, nachdem er frei hinter der Abwehrkette an den Ball gekommen war. Und HR gleich zweimal, wobei beide Male Niklas Siebert beteiligt war. Beim ersten Versuch hob der 19-Jährige, einer der Norderstedter Wanderarbeiter, nach Pass von Jan Rottstedt den Ball über die Latte. Kurz darauf bediente Siebert Tunjic von links am langen Pfosten mit einem wunderschönen Flankenball, aber der Stürmer lenkte den Ball aus kurzer Distanz am Tor vorbei.

Zur Pause stellte Lutz Göttling um: Sergej Schulz kam für Jan-Ove Edeling ins Spiel und bekleidete die Rechtsverteidigerposition. Dadurch konnte Boock nach vorne rücken, Sidiropoulos wechselte die Seiten und kam nun über links. Doch es war nicht das Victoria-Spiel, das besser wurde, sondern das der Gäste. Die hatten schon vor ihrem erneuten Führungstreffer gute Chancen, so nach einem schwachen Pass von SCV-Keeper Ralfs durch Karakaya, der nach einer Flanke Marlo Steineckes knapp am Tor vorbeiköpfte. Oder durch einen direkten Abschluss des guten Steinecke. Nach einer Stunde war es dann aber so weit. Ein Missverständnis zwischen Carolus und Torben Wacker auf der linken Hamburger Abwehrseite, bei dem Innenverteidiger Wacker unglücklich ausrutschte, brachte Tunjic an den Ball und hob einen (wiederum abgefälschten) Schuss über Ralfs hinweg ins Netz.
Göttling stellte abermals um, auf eine Dreierkette in der Abwehr und eine Art 3-2-3-2. Marcus Rabenhorst rückte auf ins Mittelfeld und Wacker war nun der einzige Innenverteidiger in der Kette. Der Spielaufbau wurde fortan fast nur noch mit hohen Bällen initiiert, die Ebbers vorne selten festmachen konnte. Schnell wurde der Ball also immer wieder verloren, was HR nun zu immer mehr Kontern nutzte. Victoria kam trotz der Umstellung zunächst nur nach Standardsituationen zu Chancen. Nach Ecke von Cetinkaya setzte Wacker einen Kopfball aus guter Position direkt in die Arme von HR-Keeper Matthäi, und Sergej Schulz drehte einen Freistoß um die Mauer herum, aber nicht an Matthäi vorbei.
In der zweiten Halbzeit nutzt Halstenbek-Rellingen seine Torchancen
Eine Viertelstunde vor Schluss überschlugen sich die Ereignisse mit drei Toren in drei Minuten. Der für HR eingewechselte Jan-Marc Schneider, zuvor noch im Eins-gegen-eins an Ralfs gescheitert, traf mit einem Rechtsschuss nur den Pfosten, den Abpraller konnte Tunjic zum vermeintlich vorentscheidenden 1:3 verwandeln. Doch im Gegenzug reagierte Ebbers schnell und gut nach einem Anspiel von Gökhan Iscan, umrundete Matthäi und schob zum 2:3 ein. Bevor man in motivierender Lautstärke „Die packen wir noch!“ ausrufen konnte, lag der Ball aber schon wieder auf der anderen Seite im Netz. Siebert hatte mit einem wunderschönen Heber von links in den langen Winkel getroffen.

In der Nachspielzeit tat Linksverteidiger Yannick Sottorf es Siebert gleich und versenkte ebenfalls noch einen Ball im langen Torwinkel. Zu diesem Zeitpunkt hätte es allerdings auch schon höher stehen können, denn in der Schlussphase führte fast jeder Ballverlust des SCV zu einer Großchance HRs. Die größte von ihnen vergab der eingewechselte Yiner Ronal Arboleda Sanchez in Junior Malanda-Manier. Wie im Fall des Wolfsburgers beim Bundesligaauftakt war es auch für Arboleda schwerer, den Ball nach Anspiel von Patrick Hoppe am Tor vorbei als einfach nur ins Netz zu drücken, vorausgegangen war ein Fehlpass von Rabenhorst. Die größte Gelegenheit für Victoria hatte ebenfalls Rabenhorst vergeben, aus guter Position im Strafraum, nachdem der eingewechselte Quinton Washington sich auf der linken Seite durchgesetzt hatte.
So blieb es beim 2:5, der höchsten Heimniederlage für Victoria auf Hamburger Ebene seit einem 1:5 gegen Eintracht Norderstedt in den letzten Wochen der Ära Bert Ehm im Oktober 2010. Passte natürlich, denn in gewisser Weise hatte Vicky ja auch diesmal gegen Norderstedt verloren. Dass es jetzt gegen das Farm Team des Regionalligisten passierte, machte die Demütigung nicht leichter zu ertragen.
SC Victoria – SV Halstenbek-Rellingen 2:5
Oberliga Hamburg, 4. Spieltag
Victoria (4-1-4-1): Kevin RALFS – Vincent BOOCK, Marcus RABENHORST, Torben WACKER, Rinik CAROLUS – Gökhan ISCAN – Babis SIDIROPOULOS, Benjamin BAMBUR (64. Quinton WASHINGTON), Cem CETINKAYA, Jan-Ove EDELING (46. Sergej SCHULZ) – Marius EBBERS.
Halstenbek-Rellingen (4-4-1-1): Adrian MATTHÄI – Robert HERMANOWICZ, Jan ROTTSTEDT, Marcel SCHÖTTKE, Yannick SOTTORF – Mladen TUNJIC, Marlo STEINECKE, Nikola MAKSIMOVIC, Niklas SIEBERT (83. Patrick HOPPE) – Ümit KARAKAYA (78. Yiner Ronal ARBOLEDA SANCHEZ) – Enrik NRECAJ (59. Jan-Marc SCHNEIDER).
0-1 HERMANOWICZ (20.)
1-1 SIDIROPOULOS (21.)
1-2 TUNJIC (59.)
1-3 TUNJIC (73.)
2-3 EBBERS (74.)
2-4 SIEBERT (75.)
2-5 SOTTORF (90.)
Gastautor: Klaus Katzenbach
