Schöne neue Eimsbütteler Arbeitswelt
Die Digitalisierung der Arbeit schreitet auch in Eimsbüttel immer weiter voran. Doch was bedeutet das für Handwerksbetriebe, mittelständische Unternehmen und Schulen? Die Teilnehmer der Eimsbütteler Wirtschaftskonferenz haben nach Antworten gesucht.
Von Matthias BergerDigital ist besser? Nicht unbedingt. Aber dass die Digitalisierung die Arbeitswelt auch in Eimsbüttel grundlegend verändern wird, darin waren sich alle Teilnehmer der Eimsbütteler Wirtschaftskonferenz einig. Bereits heute seien zahlreiche Arbeitsplätze vom Aussterben bedroht. Und der Wandel werde sich immer schneller vollziehen, betonte Nico Lumma, Geschäftsführer von Next Media Accelerator und Gründer des Zentrums für Digitalen Fortschritt, der auch die Stadt Hamburg bei Fragen zur Digitalisierung berät.
„Unsere Welt ist dabei, sich immer schneller zu verändern – ob wir es wollen, oder nicht. Deutschland muss aufpassen, dass es den Anschluss nicht verliert. Wir sind bereits heute zehn Jahre zurück. Der Staat muss schleunigst dafür sorgen, dass er nicht weiter hinterherläuft, sonst verliert er jede Gestaltungsmöglichkeit“, verdeutlichte Lumma. Auch Carsten Broda, Staatsrat für Medien und Digitales, warnte davor, sich auf dem Erreichten auszuruhen. „Der Erfolg von heute kann ein Innovationshemmnis sein – und damit auch ein Hemmnis für den Erfolg von morgen.“

Qualifizierte Mitarbeiter sind schwierig zu finden
Wie schwer es für einen Handwerksbetrieb ist, mit dem Fortschritt Schritt zu halten, verdeutlichte Christian Meyerfeldt. Der Inhaber einer Schnelsener Tischlerei berichtete von seinen Problemen, computergesteuerte Maschinen in seinem Betrieb einzusetzen. „Die Software ist sehr teuer und häufig nach kurzer Zeit veraltet. Außerdem ist es schwierig, Gesellen zu finden, die damit umgehen können.“ An der Berufsschule würde meist an einem Betriebssystem geübt. Die grundlegende Kompetenz, mit verschiedenen Systemen arbeiten zu können, werde dabei vernachlässigt, so Meyerfeldt. „Wir haben dann selbst junge Mitarbeiter ausgebildet. Die sind aber nach zwei Jahren von anderen Firmen abgeworben worden. Und wir mussten wieder bei Null anfangen.“
Dass sich das Bildungssystem in Deutschland verändern müsse, betonte auch Nico Lumma. „Mehr als 40 Prozent der derzeitigen Jobs in Deutschland wird es in dieser Form bald nicht mehr geben. Die Veränderungen – dass Jobs wegrationalisiert werden – reichen bis tief in die Mittelschicht“, erklärte der Experte. Umso wichtiger sei es, die Schüler auf diesen Wandel vorzubereiten. „Mit einem Lehrplan aus dem Kaiserreich kommen wir nicht weiter. 50 Prozent der Schüler werden einen Job ausüben, den es heute noch gar nicht gibt. Deshalb brauchen wir Digitalkunde in der Schule. Die Kinder müssen die Zukunft verstehen und Programmiersprache lernen.“
„Wir müssen schneller scheitern können“
Angesichts der sich immer schneller vollziehenden Veränderung sei es wichtig, auch Forschungsprojekte und Produktionsprozesse zu beschleunigen, betonte Lumma. „Wir müssen schneller scheitern können. Wir müssen in viel kürzeren Abständen planen, bauen, testen. Es nützt nichts, fünf Jahre zu planen, bis das Endprodukt obsolet ist.“Das gelte auch für die Lernprozesse der Arbeitnehmer, die sich immer schneller neue Kompetenzen aneignen müssten, um mit dem Wandel Schritt zu halten. „Es wird Jobs geben, die nach drei Jahren nicht mehr existieren“, so Lumma.
Angesichts dieser Herausforderung sei es für den sozialen Frieden in Deutschland von immenser Bedeutung, dass alle Arbeitnehmern eine Teilhabe ermöglicht werde, betonte Olaf Harms, Vorsitzender des Landesbezirksvorstandes verdi-Hamburg. „Der Staat muss eine Antwort auf die Frage finden: Wie organisiere ich lebenslanges Lernen? Dafür wird sich die Arbeitswelt verändern müssen.“ Es könne nicht sein, dass über die Löhne eine Wirtschaftskampf geführt werde.
Dass sich schon heute ein Service-Proletariat herausbildet und auf Menschen Dienstleistungen abgewälzt werden, räumte auch Lumma ein. Als Beispiele nannte er den Lieferdienst Foodora oder Uber, einen amerikanischen Online-Plattform für Fahrdienstleistungen mit dem privaten PKW. „Es besteht die Gefahr, dass es in Zukunft immer mehr Menschen gibt, die für einen Mindestlohn durch die Gegend fahren.“

Alte Hierarchien werden aufgebrochen
Wie ein Unternehmen erfolgreich mit der Zeit geht, zeigt das Beispiel Aristo. Der Eimsbütteler Konzern mit Sitz an der Schnackenburgallee ist den 1930er Jahren durch seinen Rechenschieber berühmt geworden. Dieser ist ebenso dem Wandel zum Opfer gefallen wie die Taschenrechner oder die Zeichenmaschinen. Aristo gibt es aber immer noch. Heute produzieren die 75 Mitarbeiter mit modernsten Methoden Werkzeugmaschinen. Der Jahresumsatz des Unternehmens liegt bei 7,5 Millionen Euro.
Auch Meyerfeldt hat sich trotz der Probleme den Herausforderungen der Digitalisierung gestellt. Dabei hat der Tischler festgestellt: „Das Lernen hört auch für mich nie auf. Als ich angefangen habe, gab es noch nicht einmal ein Faxgerät. Heute konstruiere ich selbst am Computer Möbelstücke, die dann von einer vollautomatisierten Maschine gefertigt werden. „Dass die Arbeitswelt nur schwieriger geworden ist, will der Architekt und Tischlermeister dann auch nicht so stehen lassen. „Die alte Hierarchie im Handwerk ist durch die Digitalisierung aufgebrochen worden. Heute helfen auch die jungen Gesellen dem Meister, wenn es um den Umgang mit den Computern geht. Das hat dem Betriebsklima gut getan.“
Mehr Wirtschaft
