arrow_back_ios Eimsbütteler Nachrichten
fullscreen Ein halbes Jahr Zuhause in der Sophienterrasse
Karam Mal Ali ist Gefäßchirurg. Er hat eine eigene Wohnung gefunden und zieht bald aus der Flüchtlingsunterkunft aus. Foto: Alexander Povel

Flüchtlingsunterbringung

Ein halbes Jahr Zuhause in der Sophienterrasse

Im Januar haben die ersten Geflüchteten das ehemalige Kreiswehrersatzamt in Harvestehude bezogen. Im Vorfeld gab es viel Aufregung um den Standort, Nachbarn erwirkten einen Baustopp. Gleichzeitig wollten mehr als 200 Ehrenamtliche helfen. Wie läuft es ein halbes Jahr nach der Eröffnung? Ein Besuch in der Flüchtlingsunterkunft an der Sophienterrasse.

schedule Lesezeit ca. 4 min.

Karam Mal Ali ist 29 Jahre alt und Gefäßchirurg. Der Syrer ist vor zehn Monaten mit seiner schwangeren Frau nach Deutschland geflohen. „Jetzt sind wir zu dritt“, erzählt Mal Ali stolz. Sein Sohn war das erste Baby der Flüchtlingsunterkunft Sophienterrasse in Harvestehude. Adam wurde nur wenige Tage später geboren, nachdem Karam Mal Ali mit seiner Frau von der Erstaufaufnahme an der Schnackenburgallee in die Unterbringung an der Sophienterrasse umgezogen war.

Deswegen wird die Familie Ali immer etwas Besonderes sein. Auch für die Unterkunftsleiterin Caroline Smolny. Adam ist jetzt sieben Monate alt. Und Karam Mal Alis Hospitation an der Asklepios Klinik Harburg ist fast um, schon in der Erstaufnahme hatte er sich um eine Stelle bemüht. Endlich haben sie eine Aufenthaltsgenehmigung.

Hoch gebildete syrische Familie

So läuft es nicht bei allen Flüchtlingen. Das weiß auch Smolny: „Das ist eine sehr schnelle Entwicklung, Mal Ali ist eine hoch gebildete Familie.“ Karam Mal Alis 26-jährige Frau ist Pathologin.

In der Flüchtlingsunterbringung gebe es auch eine Reihe von Analphabeten, die bräuchten vor allem die Struktur, die vom Betreiber Fördern und Wohnen und den Ehrenamtlichen angeboten werde, erzählt Smolny.

Seit Januar leben Flüchtlinge an der Sophienterrasse. Im September sind es 181 Bewohner aus Afghanistan, Eritrea, Irak, dem Libanon und Syrien, 106 Erwachsene und 75 Kinder, viele Familien.

Alltag an der Sophienterrasse

Die Bewohner haben einen vollgepackten Alltag: Sie belegen Deutschkurse, die Kinder sind in der Schule oder in der Kita, nachmittags ab 16 Uhr gibt es eine vielfältige Palette an Aktivitäten, die vor allem von den 200 Freiwilligen vom Verein Flüchtlingshilfe Harvestehude angeboten wird. Am Montagnachmittag toben Kinder über den Spielplatz, die Häkelgruppe trifft sich im Schatten, draußen: Denn gerade muss das Souterrain renoviert werden. Es gab einen Wasserschaden. Ende Oktober soll die Teestube wieder eröffnen. Im „Schulkinderclub“, einem Raum mit Landkarten an der Wand und Computern, sitzen neun Kinder mit vier Helferinnen an einem Tisch, sie machen Hausaufgaben und basteln.

Foto: Alexander Povel
Auf dem neuen Spielplatz auf dem Vorplatz der Unterkunft spielen Kinder. Foto: Alexander Povel

„Es läuft gut“, sagt Smolny. Und das schien nicht von Anfang an klar: Die Auseinandersetzung um den Standort zwischen Anwohnern und der Stadt ging bis vor das Oberverwaltungsgericht, alles verzögerte sich. Schließlich einigte man sich auf eine kleinere Bewohnerzahl, eine befristete neunjährige Nutzungsdauer und eine “Absperrung” in Form eines Zauns.

Neugierige und geduldige Nachbarn in Harvestehude

„Aber wir setzen auch auf die Aufmerksamkeit der Anwohner, die uns darauf hinweisen, wenn etwas nicht gut funktioniert. Damit wir daran arbeiten können“, sagt Smolny. Die Nachbarn aus dem wohlhabenden Stadtteil seien neugierig und geduldig, würden Sachen vorbeibringen, die sie nicht mehr benötigten, fügt sie hinzu.

Davon berichtet auch Karam Mal Ali. Besonders seine Frau halte gerne ein Pläuschchen. Er freut sich, dass „ein Dialog entsteht“. Mal Ali spricht schon sehr gut Deutsch, aber nicht so gut wie sein Bruder, der erst sechs Monate in Deutschland ist, gibt er selbstkritisch zu. Der Augenarzt lebt in Stralsund. Karam Mal Ali hat viele Freunde im Krankenhaus gefunden, dort spricht er Englisch und Deutsch mit seinen Kollegen.

Kein Luxus in dem verwinkelten Verwaltungsgebäude

Dass die Unterkunft als ehemaliges Verwaltungsgebäude aus den 1950er Jahren stammt, ist auch nach der Umgestaltung noch zu sehen: „Ein umgebautes Bürogebäude ist immer problematisch. Es ist sehr verwinkelt, es gibt technische Probleme“, berichtet Smolny.

Karam Mal Ali wohnt im ersten Geschoss im Zimmer 9.1. Seine Frau und er haben zwei Betten und ein kleines Beistellbett für Adam. Küche und Wohnzimmer teilen sie sich mit einer anderen Familie. Das Zusammenleben auf engem Raum sei nicht immer einfach, die Tochter sei ausgezogen, nun wohnen dort zwei Männer. Vor allem für seine Frau sei das manchmal schwierig. Die andere Familie sei laut und abends noch lange wach. Karam Mal Ali muss um sechs Uhr aufstehen und nach Harburg zur Arbeit in die Gefäßchirurgie fahren.

In den wenigen Monaten seien elf Familien und vier Alleinstehende in eine eigene Wohnung gezogen, berichtet die Leiterin Smolny. Es gebe eine hohe Fluktuation in der Unterbringung. Das hat etwas mit dem Vergleich zwischen den Nachbarn und der Stadt zu tun: Denn demnach können nur Flüchtlinge, die ein Aufenthaltsrecht haben oder eine Perspektive darauf, hier leben.

Wenn neue Flüchtlinge einziehen, entsteht neues Konfliktpotenzial

Wenn neue Flüchtlinge einziehen, entsteht neues Konfliktpotenzial. Besonders bei Menschen, die fliehen mussten, von denen viele psychisch belastet sind und deshalb einen hohen Rückzugsbedarf haben. Regelmäßig veranstaltet Fördern und Wohnen „Trennmüllpartys“ mit der Stadtreinigung, um den Flüchtlingen das Prinzip der Mülltrennung zu erklären, oder es werden Informationsveranstaltungen in Zusammenarbeit mit der Polizei organisiert.

Die rund 50 Paten haben im Gebäude ein eigenes Büro, wo sie mit ihren Schützlingen zusammenkommen. Auch Karam Mal Ali trifft sich mit einer pensionierten Ärztin, er hat vor allem bürokratische Fragen, die er mit ihr bespricht: „Ich spreche Deutsch, ich spreche Englisch, aber was das Jobcenter in seinem Brief wollte, habe ich nicht verstanden“, sagt er.

Endlich eine eigene Wohnung

Der 29-Jährige kommt aus Deir ez-Zor, einer Stadt im Osten von Syrien, nahe dem Irak. Die Stadt sei völlig zerbombt. Er flüchtete mit seiner Familie nach Damaskus. Dort arbeitete er als Arzt. Doch Assads Armee forderte ihn auf zu kämpfen. Er weigerte sich und entschloss sich schließlich mit seiner schwangeren Frau die Flucht anzutreten: Erst mit dem Auto nach Libanon, dann mit einem Flugzeug in die Türkei. In einem kleinen überfüllten Boot setzten sie von der Türkei nach Griechenland über, von dort war es ein langer Fußmarsch nach Österreich: zu Fuß von Griechenland nach Mazedonien, Serbien, Kroatien. Karam Mal Ali stützte seine schwangere Frau, zwischendurch trug er sie auf seinen Schultern. In Österreich stiegen sie in einen Zug nach Deutschland.

In Hamburg geht Karam Mal Ali gerne an der Alster spazieren und er war beim Tennis Am Rothenbaum, seine Frau sei ein großer Fan.

Karam Mal Ali hat eine 3-Zimmer-Wohnung gefunden, in Tonndorf. Ganz alleine ohne Hilfe, betont er. Er habe im Internet recherchiert, eine E-Mail geschrieben und wurde genommen. Er freut sich auf seine eigenen vier Wände, etwas mehr Ruhe. Der Vertrag ist schon unterschrieben. Karam Mal Ali ist in Hamburg angekommen. Sein Vater lebt noch in Syrien. Den will er holen, wenn er einen festen Job hat.

Mehr Kultur.

Anzeige

News

25. Juni 2019

Vandalismus
Unna-Park – Möglicher Fall von Antisemitismus

Gedenktafeln zur Erinnerung an den jüdischen Arzt Paul Gerson Unna wurden im gleichnamigen Stadtpark nahe der Osterstraße herausgerissen. Es besteht die Vermutung einer antisemitisch motivierten Tat. ...

Sahra Vittinghoff
21. Juni 2019

Justiz
Drei Monate altes Baby verhungert – Eltern müssen vor Gericht

In Schnelsen ist ein drei Monate altes Baby verhungert. Den Eltern wird fahrlässige Tötung vorgeworfen. Sie müssen sich am kommenden Donnerstag vor Gericht verantworten. ...

Catharina Rudschies
21. Juni 2019

Nach Wahlen
Bezirksversammlung Eimsbüttel: Zwei Drittel der Abgeordneten sind neu

Am Donnerstagabend, den 20. Juni, kam die im Mai gewählte Bezirksversammlung zu ihrer konstituierenden Sitzung zusammen. Zwei Drittel der Abgeordneten sind neue Mitglieder. Einen derart großen Umschwung hat es in ...

Catharina Rudschies
20. Juni 2019

Schülerwettbewerb
“Aufbruch in die Demokratie”: Stellinger Schulprojekt erhält Ehrung

Der Erste Bürgermeister Peter Tschentscher ehrte Mitte Juni drei Hamburger Schulprojekte für ihr Engagement am Schülerwettbewerb "Demokratisch Handeln". Den dritten Platz belegte die Stellinger Fachschule für Sozialpädagogik "Alten Eichen". ...

Sahra Vittinghoff
19. Juni 2019

Arbeit
Streik beim NDR: Möglicher Ausfall von Radio- und Fernsehprogrammen

Am Mittwoch treten die Mitarbeiter des NDR in den Streik. Sie fordern höhere Gehälter und Honorare um sechs Prozent. Radio- und Fernsehprogramme können ausfallen. ...

Catharina Rudschies
18. Juni 2019

Pflege
Neue Pflegeausbildung: Schnelsener Albertinen Schule macht es vor

Der Fachkräftemangel in der Pflege ist ein Problem. Eine Reform der Pflegeausbildung soll daran etwas ändern. Bundesministerin Giffey und Hamburger Gesundheitssenatorin Prüfer-Storcks schauen sich an der Schnelsener Albertinen Schule an, ...

Catharina Rudschies
13. Juni 2019

Neueröffnung
“Kokosmädchen”: Handgestochene Tattoos im Henriettenweg

"Kokosmädchen" hat im Henriettenweg ein Tattoostudio eröffnet. Denise Pittelkow setzt auf minimalistische Motive, die sie per Hand sticht. Ihrer Meinung nach hat die "Handpoke-Technik" viele Vorteile. ...

Alicia Wischhusen
13. Juni 2019

Nachverdichtung
Stellinger Markt: Ein neues Quartier für Eimsbüttel

Am Sportplatzring in Stellingen entsteht ein neues Quartier mit Wohn- und Flaniermöglichkeiten. An dem Bauprojekt sind insgesamt vier Bauunternehmen und mehrere Architektenbüros beteiligt. 2020 soll der erste Abschnitt fertiggestellt werden. ...

Alicia Wischhusen
7. Juni 2019

Perspektivwechsel
Einen Tag im Rollstuhl mit Oliver Schmidt

Wie ist es, seinen Alltag mit dem Rollstuhl zu bewältigen? Der Eimsbütteler Oliver Schmidt hat ein Projekt ins Leben gerufen, um Menschen diese Perspektive erleben zu lassen. Unsere Autorin hat ...

Catharina Rudschies
Veranstaltung am 15. Juni um 11:00

Karl Schneider Fest

Das 1929 errichtete Eckgebäude in der Osterstraße 120 Ecke Heußweg 33 wurde von dem Architekten Karl Schneider entworfen und begründete bereits damals zusammen mit dem ebenfalls von Karl Schneider geplanten ...

Sahra Vittinghoff

Unsere Partner

Anzeige