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Albert Ballin ließ seinen Wohnsitz in Rotherbaum errichten.
Albert Ballin ließ seinen Wohnsitz in Rotherbaum errichten. Foto: Hapag Lloyd AG Hamburg
Magazin #41

Albert Ballin und das Tor zur Welt

Vor über 100 Jahren wohnte in der Feldbrunnenstraße ein Mann, der die Seefahrt prägte: Albert Ballin.

Von Alexis Milne

Die imposante Villa in der Feldbrunnenstraße 58 sticht hervor – sowohl optisch als auch historisch. Heute beherbergt sie das Unesco Institute for Lifelong Learning – einen Ort, der Bildung und internationa­len Austausch fördert. Früher lebte hier Albert Ballin. Von Rotherbaum aus beeinflusste er die internationale Schifffahrt und legte den Grundstein für die moderne Kreuzfahrt.

Albert Ballin kam 1857 in Hamburg zur Welt, als jüngstes von 13 Kindern einer dänisch-jüdischen Einwanderer­familie. Früh übernahm er Verantwortung: Mit nur 18 Jahren führ­te er gemeinsam mit seinem ­Bruder das Geschäft seines Vaters weiter: eine Auswanderer-Agentur. Zu dieser Zeit wanderten zahlreiche Menschen aus Europa in die Vereinigten Staaten aus, um dem Hunger und der Arbeitslosigkeit zu entkommen.

Das Geschäft mit der Auswanderung

Wenige Jahre später begann Ballin, mit dem Reeder Edward Carr zusammenzuarbeiten. Er überzeugte Carr, seine Frachtschiffe umzubauen und mehr Platz für Auswanderer zu schaffen. Anders als auf den herkömm­lichen Transatlantikdampfern, die zwischen luxuriösen Kabinen und engen Zwi­schen­decks unterschieden, setzte Ballin auf schlichte, aber funktionale Unter­künfte: große Mehrzweckräume, in denen viele Menschen gleichzeitig reisen konnten.

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Die Idee war erfolgreich. Schon 1882 soll Ballin rund 12.000 Auswanderer über den Atlantik geschickt h­aben – etwa 17 Prozent aller Menschen, die damals von Hamburg aus in die Neue Welt aufbrachen.

Wie die Auswandererhallen entstanden

Mit diesem Konzept wurden Ballin und Carr bald zur ernsthaften Kon­kurrenz der Hamburgisch-Ameri­kani­­­schen Packetfahrt-Actien-Gesell­schaft (Hapag). Es begann ein erbitterter Preis­kampf um die günstigsten Überfahrten. Nach Jahren des ­gegenseitigen Unterbietens kam schließlich eine Ei­nigung zustande – und Ballin wechselte zur Hapag, zunächst als Leiter der Passageabteilung. Zwei Jahre später, 1888, wurde er in den Vorstand berufen.

Um die Jahrhundertwende stellte eine andere Krise die Stadt vor Heraus­forderungen: der Ausbruch der Cho­lera. Tausende Menschen starben. Auch für viele Auswanderer und die Unternehmen, die sie transportierten, stellte die Krankheit ein Problem dar: Infizierte wurden in den USA zurückgewiesen. Um dem entgegenzu­wirken, veranlasste Ballin, auf der Veddel eine Unterbringung für Auswanderer zu bauen. Sie konnten hier schlafen und essen, eine Kirche oder Synagoge besuchen und gegebenenfalls in Qua­rantäne gehen, bevor sie nach Übersee aufbrachen.

Diese Auswandererhallen fun­gieren seit 2007 als Auswanderer­mu­seum BallinStadt.

Der Erfinder der ­Kreuzfahrt

Nachdem sich Ballin mit der Hapag zwischenzeitlich darauf fokussiert hatte, möglichst schnelle Dampfer zu bauen, verschob sich zum Jahrhundert­wechsel der Fokus: Die Schiffe sollten fortan vor allem groß und ­komfortabel sein. Ballin setzte in Sachen Luxus neue Standards: Die Innenräume ließ er von einem renommierten fran­zö­si­schen Architekten gestalten, den Re­staurant­betrieb übernahm die Hotel­kette Ritz-Carlton.

Ein Problem auf dem Passagiermarkt war jedoch, dass das Geschäft in der kalten Jahreszeit ausblieb. Die Schiffe lagen über Monate im Hafen. Ballin hatte auch hierfür eine Idee: Lustfahrten. Im Januar 1891 war es erstmals so weit. Das Schiff „Augusta Victoria” steuerte das Mittelmeer an. An Bord waren keine Auswanderer, sondern ausschließlich Passagiere ­erster und zweiter Klasse, die die Fahrt als Luxus-Tour betrachteten. Die Kreuzfahrt war geschaffen – und wurde über die Jahre zu einem beliebten Angebot.

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Kreuzfahrten

Seit seiner Einführung erfreut sich das Kreuzfahrtgeschäft großer Beliebtheit. Im Jahr 2024 haben nach Angaben der Internationalen Kreuzfahrtli­nien-Vereinigung 34,6 Millionen Menschen weltweit an einer Kreuzfahrt teilgenommen – so viele wie nie zuvor. Gleichzeitig sorgt das wachsende Angebot für sinkende Preise – was die Kreuzfahrt zunehmend für ein breites Publikum zugänglich macht. Ganz anders sah es zu Beginn aus: Die ersten Fahrten waren reine Luxuserlebnisse.

Ein großer Kritikpunkt an der Kreuzfahrt ist deren Belastung für die Umwelt. Die Schiffe stoßen viel CO2 aus. Zudem erzeugen sie viel Müll und treiben den Massentourismus an.


Ab 1910 erreichten Ballins Schiffe eine neue Dimension. Er ließ drei Dampfer der Imperatorklasse bauen. Sie sollten die deutsche Antwort auf die britischen Schnelldampfer der White Star Line, zu der auch die Tita­nic gehörte, sein. „Der ­Imperator”, das erste Schiff seiner Klasse, war 268 Meter lang. Es wurde von Kaiser ­Wilhelm II. eingeweiht und als Symbol für die Macht des deutschen Kaiser­reiches inszeniert.

Welche Einflüsse hatte Ballin abseits der See?

Politisch lässt sich Ballin nur schwer zuordnen. Er unter­stützte keine Partei und bezog kaum poli­tische Standpunkte. Im Bereich der Außenpolitik pflegte er jedoch gute Kontakte – zur Krone, zum Reichs­kanzler und zum auswärtigen Amt.

Für die Arbeiter der Hapag verbesserte Ballin zwar die Alters- und Krankenvorsorge, die Organisation in Gewerkschaften lehnte er aber ab. Wer einer Gewerkschaft angehörte oder gestreikt hatte, fand bei der Hapag ­damals keine Anstellung.

Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hielt Ballin Gespräche mit engli­schen Politikern, darunter Winston ­Churchill, und ging fälschlich davon aus, dass England im Kriegsfall ­neutral bleiben würde. Mit Beginn des Krieges fühlte Ballin sich zunehmend schuldig, mit seiner Fehleinschätzung zur Eskalation beigetragen zu haben. Gleichzeitig litt er unter den wirtschaftlichen Folgen: Hapag-Schiffe wurden beschlagnahmt und Arbeiter eingezogen.

Albert Ballin: seine letzten Tage

Im Krieg wuchs die Distanz zwi­schen Ballin und dem Kaiser. Das letzte Treffen fand im September 1918 statt. Damals bat Ballin darum, den Krieg schnell zu beenden – und stieß auf Vorbehalte. Anfang November über­rollten Proteste von Arbeitern, Soldaten und Matrosen Hamburg. Sie besetzten auch einen Teil des Hapag-Gebäudes.

Am 8. November soll Ballin hier in eine Auseinandersetzung mit den Besetzern geraten sein. Er fuhr daraufhin zu seiner Villa in der Feldbrunnenstraße. Am Abend ließ er sich ein Glas Wasser bringen – und schluckte eine Überdosis von Beruhigungs­mit­teln. Einen Tag später verstarb Ballin in einer Privatklinik im Mittelweg – etwa zur selben Zeit wurde am ­Berliner Reichstag die Republik ausgerufen. Zwei Tage später wurde ein Waffenstillstand unterschrieben.

Jahre später versuchten Nationalsozialisten, den Namen Ballin aus dem Hamburger Stadtbild zu entfernen: Straßen und Gebäude wurden umbenannt. Nach 1945 kehrte Ballins Name zurück. Heute kann man am Jung­fern­stieg über den Ballindamm flanieren oder auf der Veddel die ­BallinStadt erkunden.


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