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Alpha Dia - Supermodel aus Eidelstedt. Foto: Rainer Wiemers
Alpha Dia - Eidelstedts Model aus dem Kapitelbuschweg 11. Foto: Rainer Wiemers
Eidelstedter Stadtteilmagazin

Alpha Dia: Zwischenstopp Eidelstedt

Er jettet von einer Fashion-Week zur nächsten, fliegt von einem Shooting zum anderen: Alpha Dia ist Model. Und kommt aus Eidelstedt. Im Kapitelbuschweg ist er aufgewachsen, im Furtweg hat er Fußball gespielt. Ein Spaziergang durchs Viertel.

Von Julia Haas

S-Bahn Elbgaustraße, südlicher Ausgang, Blick auf die Pissoirs: Nichts erinnert an einen Laufsteg. Links Zeitschriften-Kiosk, rechts Dönerladen, davor die öffentlichen Toiletten. Nichts erinnert an Paris, Mailand, New York. Ungleichmäßige Steinplatten, verstaubte Neonröhren. Nichts.

Alpha Dia erscheint kurz nach elf am Treffpunkt: im Dreieck aus Kiosk, Döner und Klo. Er lächelt, ohne dass sich seine Mundwinkel bewegen. Es ist der Alpha-Dia-Blick: ernst und seriös, ohne unfreundlich zu wirken. Wie ein Model auf dem Laufsteg schaut er nicht nach links oder rechts, ist fokussiert.

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Später wird Alpha Dia lachen, singen und hüpfen. Der 30-Jährige hat viel Energie: Er gestikuliert mit den Armen, wenn er spricht. Wenn andere stehen, springt er auf der Stelle. Dazwischen schaut er ernst – wie auf der Vogue oder bei der Boss-Sommer-Kampagne. Alpha Dia ist das Gesicht der internationalen Modehäuser. Er hat den Blick dafür. Und hier in Eidelstedt hat alles begonnen.

Von der S-Bahnstation Elbgaustraße laufen wir durch Eidelstedt. Vorbei am Fußballplatz Furtweg, entlang der Mühlenau, über den Eidelstedter Markt.

Wo kommst du gerade her?

Aus dem Portugiesenviertel. Da wohne ich jetzt.

Aber du kommst noch regelmäßig nach Eidelstedt?

Klar, meine ganzen Jungs wohnen hier. Meine Freunde, mein kleiner Bruder.

Alpha Dia wird in einem Dorf im Senegal geboren, wächst in der Hauptstadt Dakar auf. Als er elf ist, zieht seine Familie aus dem Senegal nach Hamburg. Ein Jahr leben sie in Stellingen, dann in Eidelstedt.

Wir haben im Kapitelbuschweg gewohnt. Was gar nicht einfach war, weil wir das nicht aussprechen konnten. Wenn man kein Deutsch spricht, ist auch ‚Eidelstedt’ nicht einfach.

Kapitelbuschweg 11: Alpha Dias „Zuhause". heute lebt nur noch sein kleiner Bruder hier. Foto: Rainer Wiemers
Kapitelbuschweg 11: Alpha Dias „Zuhause“. heute lebt nur noch sein kleiner Bruder hier. Foto: Rainer Wiemers

Was waren deine ersten Eindrücke von Deutschland?

In Deutschland hab ich mein erstes Fahrrad bekommen. Ich hab mich krank gefreut, damit durch die Gegend zu fahren. Und ich fand es heftig, wie grün der Rasen ist.

Im Vordergrund steht damals seine Liebe zum Fußball:

Ich wollte unbedingt ins HSV-Stadion. Aber meine Eltern ließen mich nicht. Ich sollte mich auf die Schule konzentrieren.

Alpha hat Glück: Ein Nachbar nimmt ihn zu einem Spiel mit. Währenddessen treibt er seine eigene Fußballkarriere voran.

Ich hab im Verein hier im Furtweg gespielt, auch mal bei Victoria. Irgendwann habe ich mit Freunden eine eigene Mannschaft gegründet – so hatten wir am Wochenende was zu tun. In der Halle von der Julius-Leber-Schule konnten wir oft spielen.

Welche Position hast du gespielt?

Ich hab im Sturm angefangen, aber dadurch, dass ich Fußball so fühle, hast du mich irgendwann überall auf dem Platz gefunden.

Wir kommen am Sportplatz Furtweg an. Alpha Dia zieht seinen schwarzen Daunenmantel aus, rennt ins Vereinsheim und kommt mit einem Fußball wieder raus.

Den Platzwart kenne ich noch von früher.

Trotz Designerschuhe: Mit seinen Füßen jongliert Alpha Dia den Ball, schießt ihn aufs Tor, rennt hinterher und holt ihn wieder zurück. Keine Sekunde steht er still.

Spielst du heute noch Fußball?

Leider nicht. Meine Jungs spielen nur 100 Prozent, und ich hab Angst vorm Ellenbogen-Check. Ich muss doll aufs Gesicht achten, sonst kann ich nicht arbeiten.

Alpha Dia schmunzelt.

Was machst du heute für Sport?

Keinen speziellen. Die Arbeit ist der größte Sport. Außerdem kann ich nicht gut langsam gehen, ich sprinte immer – auch bei Treppen. Ich hab so viel Energie. Manchmal hab ich Muskelkater, weil ich am Tag davor super fröhlich rumgesprungen bin.

Er packt den Fußball unter seinen Arm und rennt wieder ins Vereinsheim. Weiter geht’s. Wo der Furtweg die Mühlenau kreuzt und der Park Wiebelstraße beginnt, sagt er:

Früher spielte Alpha Dia im Furtweg auf einem Grandplatz, heute gibt es Kunstrasen: „Eidelstedt verändert sich." Foto: Rainer Wiemers
Früher spielte Alpha Dia im Furtweg auf einem Grandplatz, heute gibt es Kunstrasen: „Eidelstedt verändert sich.“ Foto: Rainer Wiemers

Schon eine geile Idylle, guck mal, die schöne Mühlenau. Ich bin auch mal reingefallen.

Der ernste Alpha-Dia-Blick verschwindet, er lacht. Wir laufen Richtung Spielplatz, sofort schwingt sich Alpha Dia auf die Seilbahn.

Manchmal fahren hier Familien aus Niendorf vorbei und sagen: Oh, was haben die für einen schönen Spielplatz. Das freut mich als Eidelstedter.

„Da gibt es keine Vorurteile.“

Wie war es als Jugendlicher für dich in Eidelstedt?

Wir waren eine Gruppe von Ausländern, haben viel Fußball gespielt und rumgechillt. Aber viele Leute fühlen sich nicht wohl, wenn fünf Türken, zwei Afrikaner und drei Jugoslawen vor ihrem Haus stehen. Also saßen wir noch mit 15, 16 Jahren auf Spielplätzen und haben bis in die Abendstunden geredet.

Später wollten wir auf die Reeperbahn. In Eidelstedt hast du nach 19 Uhr nicht mehr viel. Auf dem Kiez sind wir aber oft nicht reingekommen. Wenn du 18 bist und Schwarz oder Türke, hast du nicht den Zugang wie ein deutscher Junge aus Blankenese. Der kann einfach in eine Bar gehen und sein Bier trinken. Für uns ging das nicht, alle haben uns angeguckt. Also haben wir viel untereinander gemacht. In Eidelstedt gibt es Cafés von Türken und Arabern, da haben wir uns getroffen. Da gibt es keine Vorurteile.

Nächster Halt: Kapitelbuschweg 11.

Das ist mein Haus, also ich nenne es mein Haus. Meine Familie wohnt hier leider nicht mehr. Wir hatten hier zu sechst drei Zimmer. Ich mag diesen Mix in Eidelstedt. Hier wohnen ganz normale Arbeiter, die nicht viel Geld haben, und direkt nebenan parkt ein Porsche. Davon konnten wir nur träumen, aber es motiviert.

Was bedeutet Eidelstedt für dich?

Heimat. Ich hab hier die wichtigste Zeit meiner Kindheit verbracht. Aber ich finde, wenn du über Eidelstedt redest, musst du auch die Probleme sehen. Wir als Jugendliche hatten nicht so viele Möglichkeiten. Und dann gibt es überall Wettbüros. Damit kamen wir früh in Berührung.

Während des Spaziergangs unterbricht Alpha Dia immer wieder kurz das Gespräch, um auf eine Spielhalle oder ein Wettbüro hinzuweisen.

Davor sollte man nicht die Augen verschließen. Das ist ein Problem. Wenn ich da heute hingehe, kennen die mich wahrscheinlich noch.

Eidelstedt – eine ehrliche Welt, nichts mit High-Fashion.

Dann verändert sich sein Leben: Alpha Dia arbeitet als Barkeeper auf der Reeperbahn, eines nachts spricht ihn ein Fotograf an und bringt ihn ins Model-Business.

Das war das erste Mal, dass ich in eine andere Richtung geschaut habe und an Modeln gedacht habe. Wenn du aus Eidelstedt kommst, bist du cool. Wir haben hier voll die Distanz zu dieser Welt. Wir haben eine ehrliche Welt, nichts mit High-Fashion.

Hast du am nächsten Tag deinen Freunden davon erzählt?

Ne, ich hab’s selbst nicht ernst genommen. Wir sind hier ehrlich, aber du erzählst nicht irgendwas, wo du dir nicht sicher bist, ob es klappt. Irgendwann haben die Leute Bilder gesehen und haben mich darauf angesprochen.

Wie hat sich dein Leben seitdem verändert?

Wow, das war eine ganz schnelle Reise. Ich tue mich damit schwer, irgendwas zu vergleichen. Ist jetzt alles besser geworden oder war ich früher glücklicher? Ich weiß es nicht. Aber klar, es war ein Blessing. Die Karriere hat mir und meiner Familie krass geholfen – vor allem finanziell.

Also bist du jetzt da angekommen, wovon du früher geträumt hast, wenn du den Porsche nebenan gesehen hast?

Alpha Dia lacht. Ja sozusagen, nur habe ich noch immer keinen Führerschein.

Alpha Dia versteht es, sich vor der Kamera zu bewegen. Stil wird es dabei nicht: Während er posiert singt er dabei immer wieder „Marmor, Stein und Eidelstedt". Foto: Rainer Wiemers
Alpha Dia versteht es, sich vor der Kamera zu bewegen. Stil wird es dabei nicht: Während er posiert singt er dabei immer wieder „Marmor, Stein und Eidelstedt“. Foto: Rainer Wiemers

Wieder ernst. Das war damals mein Interesse, jetzt ist ein Auto für mich kein Thema. Ich fahre Bahn und hab mehr Freude dran, anderen zu helfen.

Er hat die „Alpha Dia Foundation” gegründet, um Kinder im Senegal zu unterstützen.

Du kannst nicht verstecken, woher du kommst. Ich komme aus dem Senegal, aus ärmlichen Verhältnissen. Und ich will den Leuten dort das Gefühl geben, dass jeder etwas schaffen kann. Also gehe ich zurück und versuche ihnen was zu geben.

Zum Beispiel?

Als ich jung war, hatten wir nie richtige Fußballschuhe oder einen kompletten Trikotsatz. Sowas wollte ich den Kindern geben. Der Deal: Sie machen ihre Straße sauber und bekommen dafür Trikots.

„Der Stadtteil wächst mit seinen Leuten. Das freut mich, Eidelstedt verdient das.“

Weiter zum Eidelstedter Markt und zurück zur Mode.

War Mode früher schon ein Thema für dich?

Schon, aber finanziell war es nicht möglich. Wenn ich coole Klamotten wollte, habe ich mit anderen Jungs getauscht. Zwei Jogginghosen gegen eine Chester-Hose. So haben wir versucht, stylisch zu sein. Heute ist das anders, die ganzen Jungs laufen hier mit Louis Vuitton rum.

Das heißt, Eidelstedt verändert sich?

Auf jeden Fall. Vieles wird auch besser. Ich finde gut, dass es jetzt eine Moschee gibt. Viele schöne Sachen kommen dazu – türkische oder afghanische Läden. Der Stadtteil wächst mit seinen Leuten. Das freut mich, Eidelstedt verdient das.

Was macht Eidelstedt für dich besonders?

Der Zusammenhalt. Wir helfen uns. Außerdem gibt es einen großen Ausländeranteil und wir sind hier super multi-kulturell aufgewachsen. Das macht mir meine Reisen einfacher. Ich bin jetzt überall auf der Welt unterwegs, aber das kenne ich aus Eidelstedt. Leute von überall sind hier. Das macht es besonders.

„Das ist für mich Diversität.“

Wie geht es für dich beruflich weiter? Bleibst du für immer Model?

Wenn es sich lohnt, auf jeden Fall. Dann mach ich irgendwann Nespresso-Werbung.

Alpha Dia lacht wieder.

Und im Ernst?

Ich will kreativ bleiben und meine Connections nutzen, die Mode-Industrie nachhaltig zu verbessern – auch mit Management-Sachen. Ich hab bis jetzt zwei Models in die Industrie gebracht, sowas ist mir wichtig. Ich will auch in Afrika eine Produktionsfirma aufbauen. Damit Shootings auch in Afrika gemacht werden. Das ist für mich Diversität. Nicht, dass du einen Schwarzen in deine Werbung packst, sondern dass du Afrika als Standort weiterbringst. Das ist eines meiner wichtigsten Goals.

Wir laufen zurück zur S-Bahn Elbgaustraße.

Wo geht es als nächstes für dich hin?
Sonntag fliege ich elf Stunden nach Los Angeles, danach geht’s nach Neapel. Vorgestern bin ich aus Rom gekommen. Ich bin selten zuhause. Die letzten Jahre war ich viel unterwegs, mich ruft am Wochenende keiner meiner Jungs mehr an, weil ich eh nicht da bin. Solche Sachen verliert man.

Pause

But still blessed.

Mit einem ausschweifenden Winken verabschiedet sich Alpha Dia in Richtung S-Bahn.

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