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Michael Hofreiter entnimmt eine Probe des Narwal-Zahns. Foto: Helene Flachsenberg.

Das rätselhafte Meeres-Zweihorn

Ein doppelzahniger Schädel eines Narwal-Weibchens wirft im Centrum für Naturkunde (CeNak) viele Fragen auf. Eine DNA-Untersuchung soll nun Licht ins Dunkel bringen.

Von Helene Flachsenberg

Als Dirk Petersen, Kapitän des Walfängers „De goude Leeuw“ („Der güldne Löwe“), 1684 mit einem zweizahnigen Narwal von einer Grönland-Expedition wiederkehrt, ist sein Fang aus zwei Gründen eine Sensation: Zum einen waren Narwale damals ein wertvolles Handelsgut: Ihre Stoßzähne wurden zeitweise in Gold aufgewogen. Zum anderen behauptete der Seefahrer, im Bauch des Tiers einen Embryo gefunden zu haben. Normalerweise wächst nur den Männchen das lange Horn, schreibt die Universität in einer Pressemitteilung. Ein schwangerer Narwal, also ein Weibchen, mit gleich zwei Stoßzähnen ist deshalb ein weltweites Unikum. Narwale gehören zur Familie der Gründelwale. Sie leben im Arktischen Ozean an der West- und Ostküste Grönlands.

DNA-Analyse der 300 Jahre alten Knochen

Seit der Ankunft des „goude Leeuw“ im Hamburger Hafen hat der Narwalschädel eine Reise durch diverse Museen und Privatsammlungen hinter sich. Das Rätsel um sein Geschlecht blieb bisher ungelöst. Lediglich ein historisches Flugblatt bestätigte bis dato die Geschichte über das Narwal-Weibchen. Nun widmet das Centrum für Naturkunde der Universität Hamburg, kurz CeNak, diesem Rätsel ein auf drei Jahre ausgelegtes Forschungsprojekt.

Ab ins Labor: Prof. Kaiser verpackt die entnommenen Proben. Foto: Helene Flachsenberg.
Ab ins Labor: Thomas Kaiser verpackt die entnommenen Proben. Foto: Helene Flachsenberg.

Dazu wurde am gestrigen Montag der erste Schritt getan: Thomas Kaiser, Leiter der Abteilung für Säugetiere, und Michael Hofreiter, Molekularbiologe von der Universität Potsdam, entnahmen im CeNak Proben von Schädel und Zähnen. In seinem Potsdamer Labor will Hofreiter aus diesen Knochenproben Erbsubstanz gewinnen, die dann mithilfe von „ancient DNA“-Methoden untersucht wird. Zum Vergleich werden aus zwei weiteren Schädeln, einem eindeutig weiblichen und einem eindeutig männlichen, ebenfalls Proben entnommen.

Waffe, Schmuck oder Sinnesorgan?

Die DNA-Untersuchung diene zunächst der Geschlechtsbestimmung, so Kaiser. Viel interessanter sei dann aber die daran anschließende Frage: „Was ist die Funktion dieses fantastischen Stoßzahns?“ Darüber gebe es viele Theorien: Möglicherweise sei der Zahn eine Jagdwaffe. Narwale könnten damit in Fischschwärme hinein schlagen oder im Schlamm nach Essbaren suchen. Er könnte auch als Attraktivitätsmerkmal bei der Partnersuche dienen – je länger, desto begehrter. Eine neuere Theorie besage wiederum, dass der Zahn ein Sinnesorgan ist, mit dem die Narwale mit ihrer Umgebung kommunizieren. „Was davon stimmt, weiß kein Mensch“, sagt Kaiser: Sichtungen von Narwalen sind äußerst rar.

Der Narwalschädel in seiner Vitrine. Foto: Helene Flachsenberg.
Foto: Helene Flachsenberg.

Hofreiter schätzt, dass das Ergebnis der DNA-Analyse innerhalb der nächsten drei Monate vorliegt. Das CeNak wird den Schädel unterdessen noch weiteren Untersuchungen unterziehen: Er wird zunächst im UKE gescannt, um ein 3D-Modell des Narwals zu erstellen. Anhand dieses Modells werden die Wissenschaftler beispielsweise den Wasserwiderstand erforschen. Kaiser erhofft sich davon Erkenntnisse über die Lebensweise der Narwale: „Am Ende des Projekts können wir dieses hoch charismatische Tier hoffentlich besser verstehen.“

Bis dahin ist der mysteriöse Schädel wieder an seinem angestammten Platz im Zoologischen Museum des CeNaks zu bewundern.

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