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fullscreen Einen Tag im Rollstuhl mit Oliver Schmidt
Aus der Perspektive eines Rollstuhlfahrers: unsere Autorin Catharina Rudschies mit dem Coach Oliver Schmidt. Foto: Alicia Wischhusen

Perspektivwechsel

Einen Tag im Rollstuhl mit Oliver Schmidt

Wie ist es, seinen Alltag mit dem Rollstuhl zu bewältigen? Der Eimsbütteler Oliver Schmidt hat ein Projekt ins Leben gerufen, um Menschen diese Perspektive erleben zu lassen. Unsere Autorin hat es ausprobiert und war mit dem Rollstuhl in Eimsbüttel unterwegs.

schedule Lesezeit ca. 4 min.

“Bleibe ich nicht mit den Rädern in dem Zwischenraum hängen?”, frage ich und blicke etwas unruhig auf den Spalt zwischen U-Bahn und Bahnsteig. Ich sitze das erste Mal in meinem Leben in einem Rollstuhl und bin froh, es einigermaßen gut über die unebenen Gehwege Eimsbüttels bis zur U-Bahn-Station geschafft zu haben. “Einfach ein bisschen Schwung holen und den Rollstuhl leicht nach hinten kippen, sodass die Vorderreifen hochkommen”, erklärt mir Oliver Schmidt, der mit seinem Rollstuhl schon in der Bahn ist. Ich greife die runden Griffe an den Rädern, nehme Schwung, rolle nach vorne und… bums – die kleinen Vorderräder sitzen in der Spalte fest. Ich habe es nicht schnell genug geschafft, den Vorderteil des Rollstuhls in die Höhe zu bringen. Mist, denke ich.

Nur ein Experiment? Nicht für alle

Für mich ist der Fauxpas nicht allzu schlimm. Ich setze kurz einen Fuß auf den Boden, wuchte den Rollstuhl aus der Spalte und versuche es noch einmal. Für einen Menschen mit Gehbehinderung ist das hingegen keine Option. Er sitzt fest und braucht wahrscheinlich Hilfe. Die kommt mir beim Umsteigen auch gleich an die Seite, als ich es nun zum zweiten Mal nicht auf Anhieb über die Kante schaffe. Die Kipptechnik mit dem Rollstuhl muss ich wohl noch üben.

“Warten Sie, ich helfe Ihnen!”, sagt ein Fahrgast, der kurz vor mir in den Wagen eingestiegen war. Doch da habe ich schon instinktiv den Fuß auf dem Boden. “Vielen Dank, aber sie versucht es noch einmal selbst. Das ist nur ein Experiment!”, erklärt Oliver Schmidt dem hilfsbereiten Menschen und fügt dann mir zugewandt hinzu: “Das sollte man besser immer sagen. Sonst fühlen sich die Leute, die helfen wollen, manchmal auf den Schlips getreten.” Stimmt, daran hatte ich noch gar nicht gedacht.

Workshop: Die Perspektive eines Rollstuhlfahrers erleben

Oliver Schmidt ist ausgebildeter Coach und hat im Mai das Projekt “Bring dein Team ins Rollen” gestartet. Dieses bietet Unternehmen und Privatpersonen Workshops “im Perspektivwechsel” an. Das heißt konkret, sie erleben einen oder zwei Tage lang den Alltag eines Rollstuhlfahrers auf den Straßen Hamburgs. Schmidt ist seit seiner Geburt querschnittsgelähmt und ist somit selbst Rollstuhlfahrer. Er weiß, in welchen Situationen gehbehinderte Menschen an ihre Grenzen stoßen – und das schon in den einfachsten Situationen im Alltag.

Alles fest im Griff? Auch bei einer kleinen Neigung rollt man leicht los. Foto: Alicia Wischhusen.
Alles fest im Griff? Auch bei einer kleinen Neigung rollt man leicht los. Foto: Alicia Wischhusen

Damit sie das spüren, stellt er den Teilnehmern seines Workshops konkrete Aufgaben: Sie sollen beispielsweise mit der U-Bahn oder dem Bus fahren, einkaufen gehen oder bestimmte Wege abfahren. Da kann es schnell problematisch werden. Nicht alle Stationen sind barrierefrei und im Bus darf nur ein Rollstuhlfahrer zur Zeit mitfahren. Im Seminar können die Menschen erfahren, mit unbekannten Problemen konfrontiert zu sein und müssen so neue Lösungsansätze suchen. “Wir alle haben viele verschiedene Fähigkeiten in uns. Wenn uns eine, wie zum Beispiel das Laufen, genommen wird, müssen wir auf andere Ressourcen zurückgreifen”, erklärt der 38-jährige Trainer.

Übertragbar auf das Arbeitsumfeld

Genau das sei es, was den Perspektivwechsel für Unternehmen und ihre Teams so wertvoll mache: Sie erfahren, dass andere, neue Lösungsansätze auch funktionieren. Teammitglieder präsentieren plötzlich Fähigkeiten, von denen die Kollegen und der Chef bisher nichts wussten. Es kann zum Beispiel sein, dass ein Mitarbeiter, der noch nie eine leitende Position innehatte, in einer solchen Situation unbekannte Führungskompetenzen zeigt. “Die Fähigkeiten und Rollen, die hier zutage kommen, kann man in der Teamarbeit effektiv nutzen”, so Schmidt. Zudem sei es eine gute Teambuilding-Maßnahme und schaffe ein Bewusstsein dafür, dass auch Menschen mit Behinderung im Arbeitsumfeld einen Mehrwert haben.

Die Seminarteilnehmer sind bei Oliver Schmidt immer in Dreier-Teams unterwegs: Abwechselnd fährt einer im Rollstuhl, einer unterstützt und einer beobachtet, wie die Umwelt auf den Rollstuhlfahrer reagiert. “Die interessantesten Reaktionen und Gespräche hört man ein paar Meter hinter dem Rollstuhlfahrer”, so Schmidt. “Denn da fangen die Leute erst an, über die Person im Rollstuhl oder ihre eigenen Erlebnisse zu reden.”

Viele Menschen schauen einen neugierig an

Auch ich merke, dass man als Rollstuhlfahrer deutlich mehr Aufmerksamkeit erhält. Viele Menschen schauen mich neugierig an. Gleichzeitig ist die Hilfsbereitschaft und die Rücksichtnahme der Leute hoch. Überall machen sie für einen Platz oder bieten ihre Hilfe an. Es fühlt sich gut an, zu wissen, dass unsere Gesellschaft auf Menschen mit besonderen Bedürfnissen Acht gibt.

Manchmal sei diese Hilfsbereitschaft aber auch zu viel des Guten, meint Oliver Schmidt. Zum Beispiel, wenn man als Rollstuhlfahrer Kleidung einkauft. Dann sei es dem Coach schon passiert, dass die Verkäuferin einfach den Vorhang aufzieht, als er sich schon ausgezogen hatte, um zum vierten Mal nachzufragen, ob er nicht doch ihre Hilfe benötige. “Das ist zwar sicher gut gemeint. Aber gut gemeint, ist nicht immer gut gemacht”, sagt er mit einem Lächeln.

“Wichtig ist ein offener Umgang untereinander”

Auch das sei ein Aspekt, den Schmidt in seinem Workshop vermitteln möchte: Wie kommunizieren wir untereinander? Teilen wir unseren Mitmenschen genau mit, was wir brauchen und was nicht? Und wie reagieren wir darauf? “Wichtig ist ein offener Umgang untereinander”, so der 38-Jährige. Das helfe auch im Arbeitsteam, effektiver zusammen zu arbeiten.

Oliver Schmidt und ich sind mit der U-Bahn mittlerweile an der Osterstraße angekommen. Wir haben uns mit zwei Rollstühlen in einen Fahrstuhl gequetscht, im zu engen Supermarkt eingekauft und sind über Sandwege durch einen Park gefahren. Langsam bekomme ich etwas mehr Routine darin, den Rollstuhl um Kurven und über Kantsteine zu manövrieren. Trotzdem muss ich jede Erhebung, jede Rille und jede Neigung des Bodens mit einkalkulieren. Eines wird dabei klar: Mit der Perspektive verändert sich auch der Weg.

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