„Ich passte da wirklich nicht rein“
Die Sängerin und Synchronsprecherin Mia Dieckow lebt in Eimsbüttel. Im Interview in der Villa am Park auf dem Else-Rauch-Platz erzählt sie den Eimsbütteler Nachrichten, wie sie als Kandidatin den deutschen Vorentscheid für den Eurovision Song Contest erlebt hat und wofür ihr Herz eigentlich schlägt.
Von Pierre ManièreEN: Du bist beim Vorentscheid für den Eurovision Song Contest angetreten. Wie hast du das wahrgenommen?
Mia Dieckow: Die Zeit davor war sehr anstrengend. Wir mussten den Produzenten Brainpool ganz viel Material anliefern. Es war Weihnachten, die Plattenfirma nicht richtig erreichbar und schnell musste noch ein Video gedreht werden. Einerseits mag ich solchen Zeitdruck, weil er einen dazu bringt, in kurzer Zeit viel zu schaffen. Andererseits hätte ich mir auch gewünscht, all diese Schritte in Ruhe zu machen. Dieses gesteigerte Interesse für eine kurze Zeit an meiner Musik und an mir habe ich versucht zu genießen. Ich glaube auch, dass mir das ganz gut gelungen ist. An dem Abend hatte ich auf jeden Fall total Spaß. Ich bin überhaupt nicht mit dem Gefühl auf die Bühne gegangen: „Mia, du musst jetzt gewinnen, damit du nach Malmö kannst!“, sondern für mich war es eine wahnsinnig gute Chance um 20:15 Uhr mal im Fernsehen zu sein. Mit meiner Musik kommt man sonst eher nicht da hin. Dass ich auf dem letzten Platz gelandet bin, hat mich überhaupt nicht geschockt. Das war in Ordnung, ich passte da auch wirklich nicht rein.
EN: Hast du Favoriten für das ESC-Finale?
Mia Dieckow: Im Vorentscheid hätte ich mir gewünscht, dass „Saint Lu“ gewinnt oder „Blitzkids“, „LaBrassBanda“ oder vielleicht auch Ben Ivory. „Blitzkids“ fand ich eindeutig cooler als den Gewinnersong von „Cascada“. Anke Engelke hatte recht als sie in einer Pressekonferenz sagte, wenn man Favoriten hat, werde man meist enttäuscht. Deswegen halte ich mich bei dem großen Wettbewerb zurück und lasse mich überraschen.
EN: Eimsbüttel ist dein Pflaster. Was sind hier deine Lieblingsorte?
Mia Dieckow: Ich finde den Else-Rauch-Platz hier super, weil man hier spielende Kinder beobachten kann. Hier hängen immer ein paar Leute ab, die ein Bierchen oder ein Käffchen trinken. Das ist einfach ein toller Platz! Außerdem sind hier oft Flohmärkte. Ich bin gerne hier. Es gibt eine Menge schöne Ecken hier. Im Park am Weiher, da bin ich auch gerne mal. Ich mag Eimsbüttel besonders gerne, weil es durchmischter ist als andere Ecken von Hamburg. Wenn man so Richtung Eppendorf weitergeht, ist das schon eine echt andere Szene. Hier hat man vor allem gehobenen Mittelstand. Die Wohnungen sind echt schweinisch teuer. Aber du hast auch Studenten, du hast auch Kinder, hast auch Leute mit anderen Hautfarben. Es ist nicht alles „high class“ und es ist nicht total verranzt. Es ist ein schönes Wohnviertel und ich fühl mich hier sehr viel wohler als in Altona oder der Schanze, wo ich vorher gewohnt habe. Das sind für mich immer noch schöne Viertel zum Ausgehen und Kaffeetrinken und Shoppen, aber zum Wohnen hat es sich in eine Richtung entwickelt, die mir irgendwann nicht mehr so zugesagt hat.
EN: Schön aber nicht wohnlich?
Mia Dieckow: Ja, es war anstrengend. Man geht nur auf die Straße und will kurz ein paar Äpfel kaufen und auf dem Weg alle „Hey Mia, what’s up?“. Ich kam dann oft nicht weit, weil irgendwie fünf Leute im Weg standen und meinten „Hey, trink doch mal einen Kaffee mit uns!“ Dieses permanente Gefeiere um einen herum kann einen auch stören. Man kommt nach Hause nach einem anstrengenden Tag und denkt: „Leute! habt ihr nichts zu tun? Was ist los?“
EN: Also mit dem Blumenschmuck im Haar würde ich dich natürlich auch ansprechen. Das ist ja auch auffällig.

Mia Dieckow: Ja, na klar! Es ist ja auch nett. Ich kenne in diesem Viertel ja auch viele Musiker. Man trifft sich irgendwo oder sieht sich irgendwo, aber man ist nicht permanent dieser Feierei ausgesetzt. Ich brauche für meine Arbeit echt ein bisschen Ruhe und Konzentration und trotzdem Leben. Das Schöne ist: Du gehst in Eimsbüttel raus, und eine Ecke weiter ist ja was: Drüben um die Ecke ist ja das Café Zeitraum mit diesem kleinen Kulturzentrum von Behzad. Da gibt es gute Filme und da kann man sich abends hinsetzen.
EN: Du bist in Hamburg geboren. Zieht es dich auch mal weg von hier?
Mia Dieckow: Hamburg wird immer teurer und das stört mich wirklich sehr. Wenn ich jetzt einen Arbeitsraum bräuchte – und ich verdiene nicht mal so schlecht – dann könnte ich das dennoch kaum bezahlen. Es ist schwierig hier in Hamburg, einen Studioraum zu finden, wenn man nicht stundenlang rausgurken will und keine Asbest-Höhle haben will, wo niemals Tageslicht ist.
Das ist krass. Wie alle Künstler, die hier leben, rege ich mich darüber auf, dass im Moment Imagekampagnen seitens der Stadt gefahren werden nach dem Motto „Hamburg braucht mehr Kultur und Subkultur und bla“. Ich frage mich aber: Wo soll das sein? Soll ich in die Randgebiete gehen? Was wird konkret für mich getan? Nur weil da ein Plakat hängt, ändert das noch nichts an der Realität. In Berlin bin ich auch häufig, da ändert es sich ja auch gerade. Bis vor kurzem konnte man da halt noch vergleichsweise günstig leben. Deswegen sind da in den vergangenen zehn Jahren auch viele Hamburger Künstler hingezogen.
EN: Was sind deine aktuellen Projekte?
Mia Dieckow: Im Moment mache ich die Songs für mein zweites Album fertig. Ich habe sie schon mehr oder weniger fertig geschrieben und jetzt geht es darum, sie so hörbar zu machen, dass ich sie auch schon mal Leuten zeigen kann. Ich nehme ganz viel bei mir zu Hause auf und ich muss mir jetzt überlegen, ob ich für das zweite Album wieder einen Produzenten engagiere oder ob ich es komplett selbst mache.
EN: Wovon hängt das ab?
Mia Dieckow: Es hängt davon ab, mit wem ich so Lust habe zu arbeiten. Ob da jemand ist, wo ich wirklich sage: Mach du’s! Aber es ist auf jeden Fall für mich und meine Musik nicht einfach einen Produzenten zu finden. Aus dieser Not heraus habe ich angefangen, das selber zu machen. Die meisten Pop-Produzenten wollen schnell Sachen mit mir durchziehen, die ich gar nicht fühle oder gar nicht gut finde. Jetzt kenne ich mich in der Szene besser aus und merke, dass die Leute, mit denen es passt gar nicht irgendwelche Starproduzenten sind. Im Gegenteil sind das eher Leute wie ich, die schrauben und tüfteln wollen. Das macht Spaß. Ich muss schauen, wer Lust dazu hat. Zumal mit meiner Musik wahrscheinlich nicht sonderlich viel Geld zu verdienen ist. Das ist der nächste Punkt.
EN: Was bringt es dir, dass du als Synchronsprecherin die Studiowelt schon etwas kennst?
Mia Dieckow: Das ist zwar artverwandt, weil ich auch mit meiner Stimme arbeite, aber trotzdem ist es natürlich eine völlig andere Ecke. Wir vertonen ja, nachdem das Produkt schon lange fertig ist. Ich liebe das Synchronsprechen dafür, dass es mich unabhängig macht. Ich kann meine Musik machen, ohne permanent total unter Existenzängsten zu leben.

