Unsichtbare Tierwelt in Eimsbüttel
Zwischen vielbefahrenen Straßen und Hochhäusern versteckt sich in Eimsbüttel eine erstaunliche Tiervielfalt. Doch die Lebensräume sind klein und oft voneinander getrennt. Kleine Projekte, aber auch die Stadtpolitik arbeiten daran, das zu ändern.
Von Teresa RungeFranziska Schultz bleibt mit der Grabegabel über der Schulter stehen und schaut auf den Boden. Im Beet schwirrt eine kleine Biene dicht über der Erde. „Das ist eine Sandbiene, wahrscheinlich ein Weibchen“, sagt sie. „Die fliegen tief am Boden entlang und suchen Nistplätze.“
Nur wenige Meter entfernt rauscht der Verkehr über den Eimsbütteler Marktplatz und die Fruchtallee. Doch rund um das Spielhaus, zwischen Bäumen, Wiesen und Beeten, lebt eine Vielzahl von Tierarten, die sonst im Stadtteil kaum auffallen. „Der Eimsbütteler Marktplatz ist eigentlich als riesige Autokreuzung bekannt“, sagt Schultz. „Aber wer hier ein bisschen nach innen geht, merkt: Das ist ein richtig guter Lebensraum.“
Pflanzen locken Insekten an
Die Mathe- und Physiklehrerin ist Initiatorin des Projekts „Buntes Band Eimsbüttel“. Während sie durch das von ihr angelegte Schnupperbeet am Spielhaus geht – eine Fläche, die Spaziergänger dazu einladen soll, im wahrsten Sinne des Wortes an den Pflanzen zu schnuppern –, bleibt sie immer wieder stehen. Sie zeigt auf Pflanzen und beschreibt Zusammenhänge. „Hier, das gefleckte Lungenkraut – das ist eine der ersten Blühpflanzen im Jahr“, sagt sie. Kurz darauf fliegt eine Frühlingspelzbiene um das Kraut. „Wenn man die richtige Pflanze hat, kommen die Tiere von selbst.“

Das Beet wirkt zunächst ungeordnet. Zwischen Minze, Süßdolde und pfirsichblättriger Glockenblume wachsen auch Giersch, Gundermann, Gänseblümchen und Scharbockskraut. Für Schultz ist das kein Problem: „Viele dieser Pflanzen kommen von selbst. Und genau das macht sie wertvoll, weil sie unterschiedliche Insektenarten anlocken.“ Zwischen den Blüten sind diese zahlreich unterwegs: Sandbienen, Wespenbienen, Frühlingspelzbienen, verschiedene Hummelarten und Honigbienen. Ein Aurorafalter flattert über die Fläche. Doch viele dieser Tiere bewegen sich nur über kurze Distanzen. „Wildbienen fliegen oft nur wenige hundert Meter“, erklärt Schultz. „Wenn die nächste geeignete Fläche zu weit weg ist, kommen sie da nicht hin.“
Mehr Verbindungen schaffen
Dass die Hamburger Grünflächen zum Teil weit auseinanderliegen, steht derzeit auch im Fokus der Politik. Die Fraktionen von SPD und Grünen in der Bürgerschaft wollen die Grünflächen der Stadt künftig besser miteinander vernetzen. Der sogenannte Biotopverbund soll ausgebaut werden, damit die Tiere sich zwischen den Lebensräumen bewegen können. Lisa Maria Otte, umweltpolitische Sprecherin der Grünenfraktion Hamburg, sagt: „Tiere und Pflanzen sind auf verbundene Grünflächen angewiesen.“ In dicht bebauten Stadtteilen wie Eimsbüttel seien viele dieser Verbindungen jedoch unterbrochen. Die Folge: „Die Genpools schrumpfen, und die Populationen werden anfälliger für Krankheiten.” Langfristig könne das dazu führen, dass Arten vollständig verschwinden, sagt Otte.
Der umwelt- und klimapolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Alexander Mohrenberg, betont, dass es künftig nicht nur um die Größe von Grünflächen gehe, sondern auch um deren Qualität. Am 25. März hat die Bürgerschaft dazu einen entsprechenden Antrag mehrheitlich beschlossen. Laut Otte solle der Senat nun analysieren, an welchen Stellen Verbindungen zwischen Grünflächen fehlen und wo Maßnahmen die größte Wirkung entfalten können.
„Insekten sind die Basis für viele andere Arten“
Wie vielfältig die Tierwelt im Bezirk dennoch ist, wissen Andreas Köhler und Henry Büchler, Gruppenleiter des NABU Eimsbüttel. Auf einer Wiese in der Nähe des Wasserturms im Eimsbütteler Stadtpark wurden mehr als 140 Insektenarten nachgewiesen. Darunter unterschiedliche Wildbienenarten, Schwebfliegen, Käfer und Wespen.

Darüber hinaus gibt es auch Beobachtungen, die man eher außerhalb der Stadt erwarten würde: In der Eidelstedter Feldmark habe sich ein Kiebitz-Paar angesiedelt, erzählt Büchler. Gleichzeitig nutzen verschiedene Fledermausarten den Bezirk als Lebensraum. Der Große Abendsegler konnte in Eimsbüttel bisher jedoch noch nicht nachgewiesen werden, obwohl er das Patentier des Bezirks sei, sagt Köhler.

„Insekten sind die Basis für viele andere Arten“, erklärt Büchler. Ohne sie fehlten Nahrung und Lebensgrundlage für Vögel und Fledermäuse. Die Grundlage für die Insekten seien wiederum Blühpflanzen als Nahrung und geeignete Vegetation als Lebensräume.
Artenvielfalt ist auch in der Stadt möglich
Genau hier setzt auch Schultz an. „Man muss nicht alles aufräumen“, sagt sie. Weniger Mähen, Laub und Totholz liegen zu lassen sowie heimische Pflanzen könnten bereits viel verändern. Auch kleine Flächen seien entscheidend. „Selbst ein Balkon oder eine Straßeninsel kann ein Lebensraum sein, wenn die richtigen Pflanzen da sind“, sagt sie. Tiere könnten diese Bereiche dann als Trittsteine nutzen, um von einem zum anderen Biotop zu gelangen und sich zwischendurch auszuruhen.
Schultz setzt die Grabegabel im Boden ab und blickt über das Beet. „Ich sehe hier jeden Tag, welche Artenvielfalt in Eimsbüttel möglich ist.“
Ergänzung zum Titelbild: Aus einer artenarmen Rasenfläche entstand beim Schlump 2019 eine Blühfläche für Insekten – ein Trittsteinbiotop als Gemeinschaftsprojekt des Vereins „Buntes Band Eimsbüttel“ mit dem HVV und der Deutschen Wildtierstiftung.
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