Wrangelstraße: Mieter kämpfen weiter für Sanierung
Schimmel, Wasserschäden und gesperrte Balkone, doch die Bewohner der Wrangelstraße geben nicht auf. Mit einer Mieterinitiative kämpfen sie dafür, dass sich an den Zuständen in ihren Häusern etwas ändert.
Von Ella SchinkelKinderschuhe stehen vor einer Wohnungstür im Erdgeschoss. Einen Treppenabsatz höher hängt die Abdeckung eines Starkstromkastens von der Wand. Die Kabel liegen frei zugänglich im Treppenhaus – lebensgefährlich, sollte man sie berühren.

Die Presse bezeichnet den Gebäudekomplex in der Wrangelstraße 103 bis 107 als „Horrorhaus“. „Wir sind vielmehr das Powerhaus“, sagt Anwohner Nash. Er und andere Bewohner haben sich zusammengeschlossen, um gegen die Zustände in ihren Häusern vorzugehen. Gemeinsam üben sie auf ihren Vermieter Heimstaden und die zuständigen Behörden Druck aus.
Sanierungsstau in der Wrangelstraße
Das Dach ist kaputt, tiefe Risse durchziehen das Mauerwerk. Den Häusern der Wrangelstraße 103 bis 107 ist der Sanierungsstau deutlich anzusehen. Grüne Netze sind an der Hausfassade gespannt, an der Vorderseite steht ein Baugerüst.
Wer durchs Treppenhaus nach oben geht, kommt an verbogenen Briefkästen und offenen Rohrleitungen vorbei. Auf dem Dachboden ist der Boden an einigen Stellen durchgerottet – eine Folge des undichten Dachs. An mehreren Stellen stehen Eimer, um Wasser aufzufangen.

Wo an einer Stelle ungebetenes Wasser zum Problem wird, fehlt es an anderer. Seit Monaten sei der Wasserdruck in mehreren Wohnungen schlecht, berichtet eine Anwohnerin. „Man gewöhnt sich daran, dass manchmal gar nichts aus dem Wasserhahn kommt.“
Gemeinsam gegen die Missstände
Aufgeben wollen die meisten Bewohnerinnen und Bewohner der Wrangelstraße nicht. Sie haben sich zu einer Mieterinitiative zusammengeschlossen. Organisiert über einen Mailverteiler stehen sie im regelmäßigen Austausch.
Einen Großteil der Arbeit übernehmen dabei einzelne Mieter. Kommunikation mit Behörden, Anfragen, Gespräche mit Eimsbütteler Politikerinnen und Politikern, Besuche in der Bezirksversammlung oder Pressetermine: Der Kalender von Oliver R. ist voll. Rund 20 Stunden pro Woche verbringe er mit diesen Aufgaben. „Zum Glück habe ich die Zeit zur Verfügung“, sagt er. „Ich könnte sie aber auch durchaus besser nutzen.“
Bereits seit Langem aktiv
Die Anwohner der Wrangelstraße kämpfen seit Langem für bessere Umstände. Bereits vor einem Jahr machten sie auf ihre Situation aufmerksam, unterstützt von der Eimsbütteler Linksfraktion.
Auch wenn die großen Missstände bislang nicht behoben wurden, zeigt sich im Kleinen, dass Engagement Wirkung entfalten kann. Einzelne Sanierungsmaßnahmen wurden vom Vermieter Heimstaden zwischenzeitlich angegangen: So wurde der schwarze Schimmel im Treppenhaus beseitigt. Weitere Arbeiten würden am Haus stattfinden, heißt es von Heimstaden auf Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten.
Zur aktuellen Bausituation sagt ein Sprecher: „Wir möchten aktuell davon absehen, konkrete Statusmeldungen und einen detaillierten Zeitplan der Presse zu kommunizieren, da es aufgrund der Komplexität des Vorhabens immer wieder zu Anpassungen und Verzögerungen kommen kann, wie auch die Vergangenheit gezeigt hat.“

Kritik von Eimsbüttels Linksfraktion
Mikey Kleinert von der Eimsbütteler Linksfraktion kritisiert diese Aussage. Heimstaden habe nahezu unbegrenzte Ressourcen, die „komplexe“ Situation sei seit Ewigkeiten bekannt. „Wenn der Pressesprecher sagt, dass die Situation komplex sei, fragt man sich, wem man damit etwas vormachen möchte“, so Kleinert.
Aktuell arbeite die Linksfraktion an einer Kleinen Anfrage an das Eimsbütteler Bezirksamt, um weitere Unklarheiten zu klären.
Die Eimsbütteler Behörden sind in verschiedene Vorgänge rund um die Wrangelstraße eingebunden. Von der Pressestelle des Eimsbütteler Bezirksamtes heißt es auf Anfrage, nach mehreren Ortsterminen in der Wrangelstraße und einer Prüfung der Mängelbeseitigung durch Heimstaden sei ein Verfahren zur Herstellung ordnungsgemäßer Zustände eingeleitet worden. Auch ein Prüfingenieur für Baustatik sei vor Ort gewesen. Als Sofortmaßnahme sei die Nutzung der Balkone auf der Vorderseite des Hauses untersagt worden.
Probleme zwischen den Instanzen
Dass sich die Baubehörde und weitere Instanzen mit dem Fall Wrangelstraße beschäftigen, werten die Anwohner als Fortschritt. Auch wenn die Prioritätensetzung teilweise schwer nachvollziehbar sei. So seien etwa die Balkone auf der Rückseite der Häuser in einem deutlich schlechteren Zustand, erzählt Anwohner Charly I. Diese seien jedoch nicht gesperrt.
Gleichzeitig kommt es nach Angaben von Mietern immer wieder zu Problemen in der Kommunikation zwischen den Beteiligten. So seien etwa auch Bewohner ohne Balkon in Schreiben aufgefordert worden, Handwerkern Zugang zu ihren Balkonen zu gewähren.
Zudem würden sich einige Mieter durch den Ton und die Formulierungen in der Korrespondenz teilweise unter Druck gesetzt fühlen. Mehrere Mieter sprechen von fehlender und oftmals unfreundlicher Kommunikation. Es sei eines der Hauptprobleme mit dem Vermieter Heimstaden.
Schlechte Kommunikation als Dauerthema
Gegenüber den Eimsbütteler Nachrichten hieß es von Heimstaden vor rund einem Jahr, das Unternehmen plane die Einführung einer Mietersprechstunde. Umgesetzt wurden diese Pläne in der Wrangelstraße bislang nicht. Auf aktuelle Anfrage heißt es, das Unternehmen befinde sich mit seinen Mietern „laufend in Austausch”. Eine Mietersprechstunde gebe es derzeit nicht, man könne sich aber vorstellen, diese in Zukunft einzurichten.
Dass sich Mieterinnen und Mieter von ihren Vermietern nicht gehört fühlen, ist in Eimsbüttel kein Einzelfall. Deshalb hat sich das Netzwerk „Recht auf Stadt” gegründet. „Wir setzen uns für die Selbstermächtigung der in der Stadt lebenden Menschen und für ein besseres Leben für alle ein“, erklärt Christina Zeh. Sie engagiert sich im Netzwerk und ist zudem seit sieben Jahren in der Initiative „Heimstaden stoppen“ aktiv. Die Initiative hat sich in mehreren deutschen Städten gegründet und ist auch in Hamburg vertreten.
Kritik an großen Wohnungskonzernen
Der Fall der Wrangelstraße 103 bis 107 ist der „Recht auf Stadt”–Initiative bekannt: Bereits beim Verkauf der Häuser von Akelius an Heimstaden vor einigen Jahren war sie beteiligt. „Akelius war einer der krassesten Mietpreistreiber, die es in Hamburg bis dahin gegeben hatte“, sagt Zeh. Das Geschäftsmodell der Firma habe darin bestanden, alte Bestände aufzukaufen und auf „Pseudo-Neubau-Niveau“ zu sanieren, um so die Mietpreisbremse zu umgehen.
Mikey Kleinert äußert Verständnis für den Frust der Betroffenen. „Ich kann gut nachvollziehen, dass Menschen sich eine Vergesellschaftung solcher Konzerne wünschen”, sagt er. Insbesondere wenn nicht einmal Mindestanforderungen eingehalten würden, dränge sich der Eindruck auf, dass schlicht der Wille fehle.
Die Macht der Vielen
Christina Zeh möchte Mieter ermutigen, sich zu organisieren und gemeinsam Druck auf Vermieter aufzubauen. Denn das Problem Wrangelstraße geht weit über Eimsbüttels Bezirksgrenzen hinaus: „Wir könnten eigentlich eine Standleitung nach Berlin gebrauchen“, scherzt Anwohner Nash. Auch dort gibt es eine Wrangelstraße mit Wohnhäusern von Heimstaden. Die Anwohner dort sollen ähnliche Probleme haben, berichtet er.
Den Humor haben die meisten Bewohner der Eimsbütteler Wrangelstraße bislang nicht verloren. Doch nicht alle halten der belastenden Situation dauerhaft stand. Zuletzt sei eine Nachbarin wegen wiederkehrenden Schimmels in ihrer Wohnung ausgezogen, berichtet Nash. Aktuell stünden rund 20 Wohnungen leer. Das Bezirksamt Eimsbüttel spricht auf Anfrage von 13 Leerständen. Die Angaben basieren allerdings auf einer Erhebung von vor rund einem Jahr.
Was können Mieter noch tun?
Der Fall der Wrangelstraße ist in Eimsbüttel kein Einzelfall. Sylvia Sonnemann, Geschäftsführerin von Mieter helfen Mietern, berichtet gegenüber den Eimsbütteler Nachrichten von Verstößen gegen die Mietpreisbremse und vorgetäuschten Eigenbedarfskündigungen. In beliebten Stadtteilen wie Eimsbüttel seien solche Vorfälle Alltag. Die Initiative bietet betroffenen Mietern Unterstützung an. Steigende Mieten, Mängel, undurchsichtige Nebenkostenabrechnungen und fragwürdige Kündigungen gehören zu den häufigsten Beratungsthemen.
Auch Sonnemann rät Betroffenen, sich gegen Missstände zu wehren – etwa durch Mietminderungen. Die Sorge vor Kündigungen nach solchen Maßnahmen sei unbegründet, solange diese gut beraten und angemessen genutzt würden. „Großvermieter sind dann auch nicht beleidigt oder können plötzlich eine Eigenbedarfskündigung aus dem Ärmel zaubern“, erklärt sie. Auch von Heimstaden heißt es hierzu, berechtigte Mietminderungsanträge würden selbstverständlich akzeptiert werden.
Die Bewohner der Wrangelstraße setzen nach eigenen Angaben derzeit auf Mietminderungen. Ob und wann die Häuser umfassend saniert werden, bleibt offen. Für die Bewohner ist die Richtung dennoch klar. „Uns bekommen die hier nicht raus“, sagt Oliver R. „Jetzt erst recht.“
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