Was sagt Eimsbüttel zum Olympia-Nein?
Die Menschen in Hamburg haben per Referendum entschieden, dass sich die Stadt nicht als Austragungsort für die Olympischen Spiele bewirbt. Was Vereine, Initiativen und die Politik dazu sagen.
Von Alexis MilneBei einem Referendum am Sonntag haben die Hamburgerinnen und Hamburger gegen eine Olympia-Bewerbung der Stadt gestimmt. Knapp 357.900 Menschen (54,9 Prozent) sagten „Nein“ zu Olympia.
Zahlreiche Initiativen, Vereine sowie politische Akteure haben sich im Vorfeld für oder gegen die Bewerbung ausgesprochen. Die Eimsbütteler Nachrichten haben nachgefragt, was sie nun zum Ergebnis der Volksabstimmung sagen.
„Nolympia“ und „Olympja“
Eckart Maudrich, Sprecher von Nolympia Hamburg, begrüßt das Wahlergebnis: „Mit dem zweiten Nein hat Hamburg ein Zeichen für Fairplay und Teamgeist bei den Spielregeln der Olympischen Spiele gesetzt.
Dieses Votum sollte der Hamburger Politik eine Lehre sein: Die Menschen in der Stadt wollen kein weiteres Leuchtturmprojekt. Die Hamburgerinnen und Hamburger wollen bezahlbare Mieten, gut ausfinanzierte soziale Einrichtungen, Sportplätze, Universitäten und Schulen, und sie wollen nicht, dass Grundrechte wie Barrierefreiheit von einem Megaevent wie Olympia abhängig gemacht werden. Diese Probleme muss der Hamburger Senat jetzt angehen.“
Dennis Krämer, Pressesprecher von Active City Hamburg, sagt auf Anfrage: „Ganz grundsätzlich lässt sich auch für den Bezirk Eimsbüttel sagen, dass der Beschleunigungsimpuls durch zusätzliche Gelder, private Investitionen und Bundesförderung im Zuge Olympischer und Paralympischer Spiele nun nicht mehr greift.
Da sich der Fokus für Bundesfördermittel verstärkt auf die Bewerberregion richten wird, mit der Deutschland ins internationale Schaufenster bei den Spielen tritt, und der Bund bereits Unterstützung zugesagt hat, ist davon auszugehen, dass die großen Infrastrukturprojekte der anderen Regionen wie München oder Rhein-Ruhr beschleunigt und priorisiert gefördert werden. Das bedeutet für Hamburg, dass der beschleunigte Bau der U5 und die Erweiterung des Hauptbahnhofes zurückgestellt werden können.
Für die Arbeit des Vorprojektes wurden rund 2 Millionen Euro für Kommunikation, 14 Bürgerdialoge und Veranstaltungen zur Verfügung gestellt, rund 5 Millionen Euro für die Erstellung eines Olympia-Konzeptes, das bei einem positiven Referendum beim Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) eingereicht worden wäre, um ins Rennen für die Deutsche Bewerbung zu gehen.“
Nein zu Olympia: Das sagt die Eimsbütteler Politik
Gabor Gottlieb, SPD-Fraktionsvorsitzender in der Bezirksversammlung Eimsbüttel, sagt: „Für die Eimsbütteler SPD bedeutet die Entscheidung, dass wir die positiven Ziele, die wir mit Olympia verbunden haben, nun ohne Bewerbung weiterverfolgen.
Hamburg braucht moderne Sportanlagen, eine leistungsfähige Infrastruktur und den konsequenten Abbau von Barrieren – unabhängig davon, ob Olympische Spiele stattfinden oder nicht. Unser Einsatz für diese Themen wird daher unverändert fortgesetzt.„
Von Matthias Blenski aus der Eimsbütteler CDU-Bezirksfraktion heißt es: „Wir hätten uns ein anderes Ergebnis gewünscht, respektieren die Entscheidung der Hamburgerinnen und Hamburger aber selbstverständlich.
Wir halten es für zu einfach, das Ergebnis ausschließlich als Vertrauens- oder Misstrauensvotum gegenüber dem Senat zu interpretieren, auch wenn dieser Aspekt sicherlich ebenfalls eine Rolle gespielt hat.
Auf unseren Infoständen haben wir häufig gehört: ‚Es gibt bereits heute zu viele Baustellen und Projekte, die länger dauern und teurer werden als geplant. Wie soll das dann erst bei Olympia funktionieren?‘ Diese Skepsis gegenüber der Umsetzungskraft von Politik und Verwaltung hat aus unserer Sicht das Ergebnis mitbeeinflusst.“
Mikey Kleinert, Vorsitzender der Eimsbütteler Linksfraktion, sagt: „Wir haben uns sehr über den Ausgang des Referendums gefreut, weil sich die harte Arbeit an den Infoständen, viele Veranstaltungen und der unglaubliche Fleiß der ganzen Freiwilligen gelohnt haben. Wir haben während der Kampagne sehr viel Zuspruch von den Eimsbüttelerinnen und Eimsbüttelern zu unserem Nein bekommen und hoffen, dass das weiteren Aufwind für uns in Hamburg bedeutet.
Die Kampagne des Senats war super aufdringlich, und es war im Grunde unfair, wie viel Geld reingesteckt wurde. Auch dass Mittel genutzt wurden, die eigentlich nur Landesregierungen zur Verfügung stehen können, wie beispielsweise Fach- und Informationsseiten auf Hamburg.de um Werbung für Olympia zu machen, ist meiner Meinung nach sehr bedenklich.“
Burkhardt Müller-Sönksen, Geschäftsführer der FDP-Fraktion in Eimsbüttel, sagt: „Wir sind immer pro Olympia gewesen und möchten uns an der Grundskepsis gegenüber dem Vorhaben nicht beteiligen. Wir haben jedoch immer differenziert auf Olympia geblickt. Zugegebenermaßen sind das Grautöne, die der Öffentlichkeit nicht immer ausreichend vermittelt wurden.
Die Entscheidung der Bürger gegen Olympia hat uns mit diesem Senat jedoch vor Schlimmerem bewahrt, denn dieser Senat kann es nicht; die Behauptung, Olympia koste Hamburg nichts, war nicht zutreffend. Das Ergebnis dieser Abstimmung kann als Vertrauensentzug gegenüber der Hamburger Regierung gesehen werden.“
Der Leiter des Bezirksamts Eimsbüttel, Christian Zierau, sagt: „Das Nein empfinde ich persönlich als ernüchternd. Gleichwohl ist das Votum, auch das anteilige Ergebnis für den Bezirk Eimsbüttel mit seinen Stadtteilen, deutlich.
Langfristig halte ich es für durchaus möglich, dass durch eine erfolgreiche deutsche Olympia-Bewerbung andere Städte/Regionen in einem höheren Maß profitieren und Hamburg weniger Fördermittel erhält.“
Die Eimsbütteler Fraktionen von Grünen und Volt haben auf die Anfrage der Eimsbütteler Nachrichten nicht reagiert.
Was sagt der Hamburger Sport?
Von Friederike van der Laan vom Eimsbütteler Turnverband (ETV) heißt es: „Als großer Hamburger Sportverein hätten wir in Olympischen Spielen eine bedeutende Chance für die Weiterentwicklung des Sports und unserer Stadt gesehen. Gleichzeitig nehmen wir die im Vorfeld geäußerten Bedenken ernst, insbesondere hinsichtlich Finanzierung, Nachhaltigkeit und des langfristigen Nutzens für die Bevölkerung.
Im Rahmen der Olympia-Bewerbung war vorgesehen, zahlreiche Hamburger Sportstätten, Schwimmbäder und Hallen zu modernisieren sowie die Barrierefreiheit weiter auszubauen. Diese Investitionen hätten nicht nur den Spitzensport, sondern vor allem auch den Schul- und Vereinssport langfristig gestärkt.
Welche der geplanten Maßnahmen nun dennoch umgesetzt werden können, lässt sich derzeit noch nicht abschließend beurteilen. Klar ist jedoch, dass die Bewerbung wichtige Impulse für die Weiterentwicklung der Hamburger Sportinfrastruktur gesetzt hat. Es wäre wünschenswert, wenn möglichst viele dieser Vorhaben unabhängig von Olympia weiterverfolgt würden.“
Die Pressesprecherin des Hamburger Sportbunds (HSB), Steffi Klein, sagt: „Wir bedauern das negative Ergebnis des Olympiareferendums sehr. Der HSB und seine Mitgliedsorganisationen haben sich in den letzten Wochen und Monaten mit großem Engagement für dieses Projekt eingesetzt.
Für den Hamburger Sport bedeutet diese Entscheidung, dass wichtige Entwicklungsthemen künftig unter deutlich schwierigeren Rahmenbedingungen weiterverfolgt werden müssen. Der Sport wird nicht mehr die Priorität erfahren, die wir uns aus einer Hamburger Bewerbung erhofft haben – auch mit Blick auf die ausbleibenden Bundesmittel. Dennoch werden wir uns auch künftig mit voller Kraft für den organisierten Sport in Hamburg einsetzen.“
Stimmen aus dem Senat
Peter Tschentscher, Erster Bürgermeister Hamburgs, gab in einer Pressemitteilung des Senats nach dem Votum bekannt: „Wir wussten aus dem früheren Referendum, dass die Skepsis gegenüber Olympia in Hamburg größer ist als in vielen anderen Städten. Gleichwohl haben wir uns dafür entschieden, weil Olympische und Paralympische Spiele nach den heutigen Bedingungen eine große Chance für alle sind. Sie hätten vielen Entwicklungen Rückenwind gegeben, die wir auch ohne Olympia für unsere Stadt erreichen wollen.
Wir werden unsere Ziele in der Stadtentwicklung und die Umsetzung der großen Infrastrukturprojekte, für die wir die Unterstützung der Bundesregierung benötigen, jetzt auch ohne Olympia mit aller Kraft verfolgen.“
Katharina Fegebank, Zweite Bürgermeisterin, sagt: „Der Ausgang dieses Referendums ist eine herbe Enttäuschung und eine verpasste Chance für unsere Stadt. Die Mehrheit der Menschen in Hamburg hat sich gegen eine Bewerbung für Olympische und Paralympische Spiele ausgesprochen und das respektieren wir selbstverständlich. Wir wünschen uns dennoch Olympische und Paralympische Spiele in Deutschland und werden die Stadt oder Region unterstützen, die vom DOSB nominiert wird.“
Und Sportsenator Andy Grote ergänzt: „Über 250.000 Hamburgerinnen und Hamburger haben sich von der Idee für ein Festival der Vielfalt und des Sports im Herzen der Stadt begeistern lassen und eine Bewerbung mit ihrer Stimme unterstützt. Aber am Ende hat es nicht gereicht.
Die enorme positive Energie der vergangenen Wochen und Monate wollen wir dennoch nutzen, um wichtige Projekte aus dem Bewerbungskonzept, insbesondere für die Bewegungsförderung von Kindern und Jugendlichen, umzusetzen.“
Reaktionen der Bürgerschaftsfraktionen
Dirk Kienscherf, Vorsitzender der SPD-Fraktion Hamburg, sagt zum Ergebnis des Referendums: „Die Hamburger:innen konnten auf Grundlage eines außergewöhnlich ausführlichen und tragfähigen Konzeptes entscheiden. Wir sind weiterhin davon überzeugt, dass Hamburg ein sehr gutes Angebot für nachhaltige, kompakte und moderne Olympische und Paralympische Spiele gemacht hat, verbunden mit wichtigen Impulsen für Infrastruktur, Barrierefreiheit sowie Investitionen in Sport und Mobilität.
Die Spiele hätten einen deutlichen Rückenwind bedeutet, wichtige und schwierige Projekte für Hamburg zu realisieren. Diesen Rückenwind spüren künftig die Austragungsorte München oder KölnRheinRuhr.“
Sina Imhof, Vorsitzende der Grünenfraktion Hamburg: „In den vergangenen Wochen haben wir viel geworben und sind miteinander ins Gespräch gekommen: in der Hamburgischen Bürgerschaft, auf Veranstaltungen und an Infoständen. Wir werden weiter mit voller Kraft an einer guten Zukunft für unsere Stadt arbeiten – leider nun ohne den Booster, den eine erfolgreiche Olympia-Bewerbung gebracht hätte.“
Heike Sudmann, Co-Fraktionsvorsitzende der Linken in der Hamburgischen Bürgerschaft, begrüßt das Ergebnis: „Das ist ein starkes Ergebnis und eine gute Entscheidung für die ganze Stadt! SPD, Grüne, CDU und Wirtschaft haben zig Millionen verpulvert und haben Kritikerinnen und Kritiker des Olympia-Konzepts als ‚schlecht gelaunt‘ und kleingeistig diffamiert.
Diese ebenso arrogante wie unlautere Kampagne hat unsere Stadt gespalten, auch mit moralischer Erpressung und Drohungen: Verkehrsprojekte, Wohnungsbau, Barrierearmut – alles ging plötzlich nur noch durch Olympia. Was für ein Armutszeugnis für einen Senat, der selbst die Erfüllung gesetzlicher Vorgaben zur Inklusion von Olympia abhängig machen wollte!“
Weitere Stimmen aus Hamburg
Sascha Mummenhoff, Landesvorsitzender vom Bund der Steuerzahler Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern, sagt zum Referendum: „Besonders bemerkenswert ist dabei, dass der Senat und die Olympiabefürworter einen erheblichen Aufwand betrieben haben, um für die Bewerbung zu werben. Rund 18 Millionen Euro wurden für ein Ja eingesetzt. Dennoch ist es nicht gelungen, eine Mehrheit der Bürger zu überzeugen.
Jetzt geht es nicht darum, Verlierer und Gewinner auszurufen. Es geht darum, die Gründe für das Misstrauen vieler Bürger ernst zu nehmen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen. Das ist die eigentliche Herausforderung, die dieses Referendum offengelegt hat.“
Hjalmar Stemmann, Präsident der Handwerkskammer Hamburg, sagt: „Unsere Stadt hat heute eine Chance vertan, über sich selbst hinauszuwachsen. So bitter das ist, bleibt die Frage aktuell: Mit welcher Vision gestalten wir Hamburgs Zukunft?
Umso deutlicher appelliere ich deshalb gerade jetzt an den Sportsgeist der Hamburger Stadtgesellschaft: Wir brauchen Ideen und Mut für große Entwicklungsschritte. Gerade die drängenden Transformations- und Infrastrukturvorhaben müssen nun ohne Olympia-Impuls erst recht mit Ausdauer und Leidenschaft vorangetrieben werden.“
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