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Hamburg Eimsbuettel Rock n Oll
FOTOS: JONAS KRANTZ
Magazin #17

Rock ’n‘ Oll

Einsamkeit macht krank. Der Eimsbütteler Holger Stein ist ehrenamtlicher Helfer bei der Initiative „Oll Inklusiv”. Dort tanzt er mit Oldies 60+ in Clubs und auf Festivals gegen Altersdepressionen an.

Von Catharina Rudschies

Holger Stein ist ein bisschen müde. Einen Tag zuvor war der Eimsbütteler noch mit acht alten Damen auf dem Wacken Open Air und musste aufpassen, dass niemand verloren geht. Die Damen hatten ihren Spaß, freundeten sich mit wild aussehenden Heavy-Metal-Anhängern an und tanzten zu schrägen Gitarrenklängen und röhrendem Schreigesang.

Für Stein war das ein toller, aber auch ein langer Tag. Am nächsten Morgen steht er schon wieder am Bahnhof und wartet auf eine andere Gruppe von Senioren und „Senioritas”, wie sie bei Oll Inklusiv liebevoll genannt werden. Mit ihnen geht es zum nächsten Festival: A Summer’s Tale. Stein ist als ehrenamtlicher Helfer bei Oll Inklusiv tätig. Die Initiative setzt sich gegen Altersdepressionen und -armut ein und hat dabei ihren ganz eigenen Ansatz.

„Hinter dem Burn-out liegt das Paradies“

„Vor 30 Jahren haben ältere Menschen noch viel mehr gesessen. Da wurden sie mit Kaffeekränzchen und Sitzgymnastik bespaßt. Aber das ist einfach nicht mehr zeitgemäß”, erzählt Stein. Alte Menschen seien durch bessere Medizin heute deutlich fitter. Gleichzeitig litten sie weiterhin unter Einsamkeit. Für solche Menschen fehlte aber ein passendes Angebot.

Oll-Inklusiv-Gründerin Mitra Kassai wollte diese Lücke schließen. Als die Musik- und Kulturmanagerin vor einigen Jahren an einem Burn-out litt, erkannte sie, dass Geld und Karriere nicht alles im Leben sind. Sie selbst beschreibt es mit einer Liedzeile von Flo Mega: „Hinter dem Burn-out liegt das Paradies.” Kassai begann, psychosozialen Dienst in Altersheimen zu leisten. Wer einsam ist, fällt leichter in die Depression. Gerade Menschen der älteren Generationen sind deshalb oft von der Krankheit betroffen.

Altersdepression: 14 Prozent der Senioren sind betroffen

14 Prozent der 70- bis 74-Jährigen leiden an einer Altersdepression. Bei Menschen über 80 sind es sogar 42 Prozent. Grund dafür ist auch das hohe Risiko, im Alter einsam zu sein. Denn ältere Menschen verlieren häufiger wichtige soziale Kontakte wie den Partner oder Freunde, sind körperlich stärker eingeschränkt und weniger mobil. So kommen sie immer seltener unter Leute und leben im schlimmsten Fall sogar sozial isoliert.

Neben der psychischen Belastung haben Einsamkeit und Depressionen auch einen Einfluss auf die körperliche Gesundheit. Wer einsam oder depressiv ist, leidet zum Beispiel häufiger unter Kopfschmerzen, Erschöpfung oder Magen-Darm-Beschwerden. Das Risiko, einen Herzinfarkt oder Schlaganfall zu erleiden, steigt in Einsamkeit um rund 30 Prozent.

Eine Studie, die 2010 in der amerikanischen „Public Library of Science Medicine” veröffentlicht wurde, fand sogar heraus, dass das Sterberisiko von einsamen Menschen deutlich höher ist. Gute Beziehungen zu Freunden und der Familie können das Leben also nachweislich verlängern.

Die neuen Alten

„Wir von Oll Inklusiv wollen die Menschen aus der Altersdepression und Einsamkeit herausholen. Doch die heutige Generation 60+ ist anders”, erklärt Kassai. Ältere seien heute kulturinteressiert und reisebegeistert. Sie hätten die 68er Bewegung und die Entwicklung vom Schwarz-Weiß-Fernseher bis hin zum Smartphone miterlebt. „Diese Menschen wollen Spaß haben, denen muss man etwas bieten”, so Kassai.

Hamburg EImsbuettel Oll Inklusive
Foto: Jonas Krantz

In zwei unterschiedlichen Veranstaltungsformaten versuchen Kassai und ihre ehrenamtlichen Helfer, den Spaß in das Leben der Senioren und Senioritas zu bringen. Im Rahmen der „Halbpension” laden sie die Damen und Herren sonntagnachmittags in Hamburger Clubs ein, darunter das Kukuun oder der Mojo Club. Hier wird geklönt, getanzt und getrunken. Ein kultureller Programmpunkt wie eine Lesung oder ein Vortrag ist auch immer dabei. Neben diesen regelmäßigen Treffen bietet Oll Inklusiv Ausflüge zu Konzerten, Veranstaltungen, Theateraufführungen oder Festivals an.

Kerstin, 64, Uschi, 69, und Wolfgang, 71, nehmen an diesem Tag an dem Ausflug zum Summer’s Tale Festival teil. Gemeinsam mit den ehrenamtlichen Helfern erkunden sie das Gelände, hören den Konzerten zu und schlendern über den Design-Markt. Auf dem Weg zum Getränkestand sagt Uschi: „Gleich müssen wir aber mal etwas trinken und anstoßen!” Wolfgang schaut derweil einer Gruppe von Menschen zu, die im Kreis stehen und sehr konzentriert aussehen. „Was machen die da?”, fragt er. Kerstin zückt ihren Festivalplan: „Ich glaube, das ist Yoga.”

„Oll Inklusiv“: Oldies gehen feiern

Die Senioren und Senioritas sind gut gelaunt und nehmen einander aufs Korn. „Wir sind zwar alt, aber wir gehen immer noch gerne zum Open Air”, erklären Kerstin und Uschi. „Auf einem Festival war ich allerdings das letzte Mal mit 20 Jahren”, erzählt Uschi und lacht. Kerstin, Uschi und Wolfgang nehmen regelmäßig an den Veranstaltungen von Oll Inklusiv teil, um Kontakte zu knüpfen und Unternehmungen zu machen.

Sie suchen den Kontakt zu Menschen in ihrem Alter, mit denen sie vielleicht auch außerhalb der Initiative Zeit verbringen können. Kerstins Familienangehörige sind bereits verstorben, Wolfgang hat schon seit 30 Jahren keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Oll Inklusiv zieht Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten an. Doch eines vereint sie alle: Sie wollen ihr Leben noch genießen, Spaß haben und ihren Interessen nachgehen.

Hamburg Eimsbuettel Altersdepression
Foto: Jonas Krantz

„Ich kenne Leute, die haben keine Lebenslust mehr. Weil sie nicht wissen, wie sie ihre Zeit verbringen sollen”, sagt Uschi. Uschi und Kerstin aber wissen das: Sie wollen die Angebote und Kultur der Stadt nutzen, Neues kennenlernen und tanzen gehen. Dazu fehle aber teilweise schlichtweg das Geld: „Über Oll Inklusiv können wir Dinge
machen, die wir sonst nicht machen würden, weil sie einfach zu teuer wären”, erklären die beiden Frauen.

Durch Altersarmut in die Einsamkeit

Die Veranstaltungen sind für die Teilnehmer von Oll Inklusiv kostenlos. Eine knappe Rente kann Menschen von sozialen und kulturellen Aktivitäten abhalten, weil die Eintrittsgelder einfach nicht ins Budget passen. Auch das kann im Alter Grund für Einsamkeit sein. Bei Oll Inklusiv sind die Veranstaltungen und Ausflüge über Spenden finanziert. „Wir bieten damit nur den Rahmen, um schöne Momente zu erleben”, erklärt Gründerin Mitra Kassai.

Gegen Abend sitzen Kassai, Stein, die Senioren und Senioritas an einem Tisch in der Mitte des Festivalgeländes. Gerade waren alle bei einem Vortrag im Veranstaltungszelt und stellten die Initiative Oll Inklusiv vor. Als Dank gibt Mitra Kassai ein Getränk aus und alle stoßen an. Es ist ein freundschaftliches Beisammensein, als gäbe es kein Jung und Alt. Plötzlich zücken Wolfgang, Kerstin und Uschi ihre Smartphones. „Schaut mal, ein Regenbogen!” Es ist, als würde der Himmel sagen: Ein bisschen Farbe für das Leben.

„Wir können einen kleinen Teil dazu beitragen, dass Menschen mit wenig Geld etwas unternehmen können.“

Holger Stein

Kassai und ihre ehrenamtlichen Helfer unterstützen Oll Inklusiv mit ihrer Zeit. Und das ist etwas, das den älteren Generationen wohl am meisten hilft. „Natürlich können wir die Menschen nicht vor der Altersarmut retten, aber wir können einen kleinen Teil dazu beitragen, dass Menschen mit wenig Geld trotzdem etwas unternehmen können”, erklärt Holger Stein. Er selbst ist seit Gründung der Initiative dabei. Neben seiner Arbeit in der Musik- und Veranstaltungsszene suchte er schon lange nach einem Ehrenamt.

„Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben”, so Stein. „Bei Oll Inklusiv geht es um ein ernstes Thema, aber alles wird mit einem Augenzwinkern gemacht.” Zum Beispiel dass die Tische der Hamburger Clubs mit Häkeldeckchen dekoriert werden, aber dort gleichzeitig schlagerfreie Zone sei. Mitras Konzept habe ihn sofort überzeugt.

Auch Uschi, Kerstin und Wolfgang schwärmen von Mitra und ihrem Ansatz. „Mitra ist ein Schatz. Sie macht das alles mit Herzblut. Und die Ausflüge sind wirklich geil!”, sagt Kerstin. Am Ende des Abends schlendern alle mit einem Lächeln im Gesicht Richtung Parkplatz und reden von ihren persönlichen Highlights des Ausflugs. Wie sonst ein normaler Tag ausgesehen hätte? „Ziemlich traurig”, sagt Wolfgang. „Aber wenn ich mit Oll Inklusiv Unternehmungen mache, dann sage ich mir immer: Heute stehe ich mal mit dem anderen Fuß auf.”

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