Ein Zelt für alle
Das Schanzenzelt macht seit über 30 Jahren Kultur für alle erlebbar. Jetzt stand das Aus bevor – und die Menschen, denen das Zelt in den letzten Jahren leise und selbstverständlich Türen geöffnet hatte, wurden laut.
Von Julia HaasWie jedes Jahr erwachte auch in diesem Juni das Schanzenzelt im Schanzenpark aus dem Winterschlaf. Im Sonnenschein wuchs es in die Höhe, spannte und festigte sich. Fast geräuschlos. Die Jahre brachten Routine. Wer anpackt, weiß, worum es geht. Viele sind seit langem dabei, nehmen sich für die Saison Urlaub oder kommen nach Feierabend dazu.
Noch bevor das ganze Zelt stand, positionierte ein Kamerateam den Veranstalter Arne Köhler davor. Er sprach in ein Mikrofon, um dem Schanzenzelt, das in den letzten Jahrzehnten so vielen Kunstschaffenden eine Bühne geboten hatte, eine Stimme zu geben. Im Interview mit dem Hamburg Journal rechnete Köhler das Problem vor: Statt wie früher 2.500 Euro sollte die Flächennutzung künftig rund 30.000 Euro kosten. Das sei mehr, als das Zelt jemals an die zuständige Behörde zahlen könnte.
Das erste Schanzenzelt
Das Schanzenzelt gibt es seit 1991. Damals stand es auf einem Bauspielplatz am Rübenkamp. Der gemeinnützige Verein Bajazzo zog es in die Höhe, um Spiel- und Zirkuspädagogik einen Raum zu geben. Etwa 200 bis 300 Besucher kamen. „Macht das häufiger“, lautete der Tenor. Ein Jahr später stand das Zelt im Schanzenpark – und kam seitdem jeden Sommer wieder.
Mit ihm Arne Köhler und sein Team, die das Zelt tragen und zusammenhalten. Seinen Sommer blockt Köhler seit über 30 Jahren für das Schanzenzelt, weil er Kultur für alle erlebbar machen möchte.
Das Schanzenzelt im Schanzenpark zieht keine Touristenströme an, sondern bringt Nachbarn, Schulklassen und Familien aus dem Viertel zusammen. Kein 60-Euro-Ticket, kein Dresscode, kein Sicherheitsdienst am Einlass. Ein Ort, der Teilhabe möglich macht, ohne große Worte darüber zu verlieren.

Es sind Orte wie das Schanzenzelt, die Gesellschaften vielfältig und offen machen. Und es sind Orte wie dieser, die immer häufiger verschwinden. Weil kein Profit dahintersteht, der Rechnungen begleicht. Auch das Schanzenzelt stand kurz davor. Seine Geschichte zeigt, dass sich auch Gemeinschaft auszahlen kann.
Bands rocken das Schanzenzelt
Im Schanzenzelt treten Zirkusschulen, Newcomer und alte Showhasen auf. Letztes Jahr kam die Indierockband Kettcar für ein Soli-Konzert. Die Erlöse flossen an die zivile Seenotrettung. „Besser als in der Alstersporthalle“, soll ein Besucher nach dem Auftritt gesagt haben. Auf jeden Fall intensiver, sagt Köhler. Jeder Auftritt verspricht ein Hautnah-Erlebnis. So nah, dass der Schweiß in die erste Reihe perlt. Bis zur letzten Reihe sind es etwa 12 Meter.
Der Zauber des Schanzenzelts liegt auch darin, dass viele Künstler nach ihren Auftritten nicht einfach abzischen. Im Backstage holt nochmal jemand das Cello oder die Gitarre heraus und erfüllt die Nacht im Schanzenpark mit sanften Klängen. „Das sind die Momente, die bleiben“, sagt Arne Köhler. Und es sind die Momente, die das Auf und Ab der Jahre wettmachen.
Es braucht Kreativität
Als das Schanzenzelt noch klein und unbekannt war, seien die Gagen der Künstler oft höher gewesen als die damit verbundenen Einnahmen. „Das haben wir privat irgendwie aufgefangen“, sagt Köhler. Teilweise hätten Förderungen den Betrieb gerettet. Oft waren es kreative Ideen.
Zur Weltmeisterschaft 2006 entschieden sich die Veranstalter, einen Beamer mit Leinwand aufzustellen – und verkauften Getränke. Mit den Einnahmen glichen sie das Minus des Vorjahres aus. Später probierten sie es wieder mit Bands – heute unterstützt die Agentur Oha Music die Künstlerbuchung und kümmert sich so um das Abendprogramm. Ohne daran etwas zu verdienen, sagt Köhler.
Auf die Frage, ob das Schanzenzelt eine kommerzielle Veranstaltung ist, sagt Köhler: „Wir nehmen Eintrittsgeld und verkaufen Getränke. Damit decken wir die Kosten, die es für einen Spielbetrieb wie diesen braucht, und die meisten, die hier mitmachen, sind mit Herzblut bei der Sache, ohne dass es sich für sie finanziell lohnt.“
„Das Schanzenzelt muss weitergehen“
Zu Beginn der diesjährigen Saison sah es so aus, als würde das Non-Profit-Konzept nicht mehr aufgehen – und das Schanzenzelt für immer von der Bildfläche verschwinden. Die Circusschule Rotznasen veröffentlichte deswegen, noch bevor der erste Vorhang fiel, eine Petition: „Das Schanzenzelt muss weitergehen.“
Die Zirkusschule und das Schanzenzelt sind so eng miteinander verwoben, dass der Sturz des einen auch den anderen ins Wanken gebracht hätte. Seit der ersten Saison treten die Rotznasen mit Kindern und Jugendlichen im Schanzenzelt auf. Für sie bedeutet das Zelt mehr als eine Bühne. Es ist der Höhepunkt des Zirkusjahres, hier werden die Zirkusschüler zu Artisten. Wenn sie die Scheinwerfer auf der Haut spüren und der Zeltgeruch in die Nase steigt, ist das ihr Moment.
Zu jonglieren, muss jeder für sich lernen und auch mal alleine üben. Auf der Bühne aufzutreten, funktioniert nur gemeinsam. Wenn dem einen der Ball wegrollt, hält der andere ihn auf. Rücksichtnahme, Konzentration. Die Bühne lehrt, wovon viele noch Jahre später zehren.
Mut und Gemeinschaft im Zirkus
Sophie Paasche, die den gemeinnützigen Verein heute als Geschäftsführerin leitet, war früher selbst ein Zirkuskind. Wie stark sie die Auftritte im Schanzenzelt geprägt haben, merkte sie spätestens in der Universität. Während Vorträge anderen Kommilitonen Bauchschmerzen bereiteten, richtete sich Paasche beim Gang nach vorne auf. „Meine Stimme wurde kräftiger und ich wusste, die Blicke der Zuhörer zu lesen.“
Angst versperrte im Schanzenzelt nie den Weg zur Manege. „Es war jedes Mal wie nach Hause zu kommen“, sagt Paasche. Vor allem dank der Gesichter, die über Jahre dieselben blieben – und bei jeder Frage zur Seite standen. Allen voran Arne Köhler. Wenn morgens um halb acht jemand Wasser oder ein Kabel für den Ventilator brauchte – dann war er da. Immer. Seit Jahren.
Rotznasen stehen vor Schwierigkeiten
Die Rotznasen besitzen zwar ein Zelt, dafür in Hamburg aber einen Stellplatz zu finden, sei in den letzten Jahren schwierig geworden. So schwierig, dass der TÜV zur regelmäßigen Abnahme des Zelts an die Ostsee kam, weil sich in Hamburg kein Standort für den Aufbau fand. Hinzu kommen Bestuhlung, Technik, Werbung. „Uns fehlen die Kapazitäten“, sagt Zirkusschulen-Gründer Arne Schulz. Ohne das Schanzenzelt wären Auftritte in dieser Größe nicht mehr zu stemmen.
Wer das Schanzenzelt zum ersten Mal betritt, merkt schnell: Hier kennen sich viele. Schon am Eingang werden Hände geschüttelt, auf den Bänken rutschen Besucher für Nachbarn zusammen, Kinder laufen von einem bekannten Gesicht zum nächsten. Zwischen den Reihen wird gewunken, ein kurzes Lächeln, ein Wiedersehen. Viele kommen seit Jahren, manche seit Jahrzehnten. Die Atmosphäre ist vertraut, fast familiär. Neue Gäste finden ihren Platz. Das Zelt ist offen.

All die Menschen, die das Schanzenzelt in den letzten Jahrzehnten so leise und selbstverständlich zusammengebracht hat, wurden in diesem Sommer laut. Weil ohne das Schanzenzelt eine Tür, die immer offenstand, zugeknallt wäre. Zirkusschulen, Künstler und Besuchende unterstützten die Petition oder riefen direkt beim Bezirksamt an.
Die Rettung
Anfang Juli passierte, was Arne Köhler fast nicht mehr für möglich gehalten hat. Das Bezirksamt Altona lud ihn zu einem Gespräch ein. Rückblickend kann er über diese Wendung nur spekulieren. Wahrscheinlich wurde es um das Schanzenzelt so laut, dass es auch im Bezirksamt nicht mehr zu überhören war. Und dann ging alles ganz schnell. Wenige Tage nach dem Austausch klingelte bei Köhler das Telefon: Das Schanzenzelt kann bleiben.
„Kulturveranstaltungen wie das Schanzenzelt gehören zur DNA unseres Bezirks“, erklärte der stellvertretende Bezirksamtsleiter Christoph Brümmer daraufhin in einer Pressemitteilung. Man habe eine Lösung gefunden, damit das Zelt auch in den kommenden Jahren stattfinden könne. Das Bezirksamt Altona erkenne die Gemeinnützigkeit des Schanzenzelts an. Künftig sollen die Gebühren entfallen.
Die letzte Aufführung
Es ist der 13. Juli. In einer halben Stunde beginnt die letzte Aufführung im Schanzenzelt – zumindest in diesem Jahr. Zirkusschülerinnen, die eben noch im Backstage-Bereich kicherten, sind im Zelt verschwunden und ziehen den Lippenstift nach, bevor sie gleich auf die Bühne treten. Köhler hat sich auf die Bierbank gesetzt. Er spricht von einer mutigen Entscheidung der Behörde. In erster Linie sei er aber froh, den Zirkusschulen weiterhin eine Bühne bieten zu können. Er spricht und wirkt doch sprachlos. Vielleicht ist es die Müdigkeit. Jede Saison verlange viel von ihm ab, diese noch mehr. Mit den Gedanken ist er bereits beim Abbau. Morgen früh werden die Lampen abgeholt.
Jetzt setzt er sich nochmal ins Zelt und applaudiert, als der Vorhang fällt. Die Zirkusschülerinnen und -schüler treten ins Scheinwerferlicht. Ihr Moment beginnt. Und das nicht zum letzten Mal. Das Schanzenzelt geht weiter.
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