Ein Ort, an dem Sprache Brücken baut
Bei der Sprachbrücke treffen sich Menschen aus aller Welt, um miteinander Deutsch zu sprechen. Ohne Lehrbuch und Druck, dafür mit Offenheit und Neugier.
Von Teresa RungeEs ist Montagvormittag im Bürgerhaus Lokstedt: Stimmen vermischen sich, Menschen lachen, Papier raschelt. Elf Personen sitzen um zwei zusammengeschobene Tische. Sie kommen aus Japan, Syrien, Chile und der Türkei – und sprechen gemeinsam Deutsch. Nicht perfekt, manchmal stockend, aber immer mit Freude. Möglich macht das der Verein Sprachbrücke-Hamburg; ein Verein zur Förderung der sprachlichen Integration von zugewanderten Menschen.
Zur Gesprächsrunde kommen Menschen, die Deutsch sprechen wollen – im Alltag dazu aber nicht die Möglichkeit haben.
Ein fester Termin und ein Stück Alltag
Es gehe nicht um Unterricht, sondern um das Miteinander, sagt Holger Paradies, der die Gesprächsrunde in Lokstedt gemeinsam mit Dörte Schmidt-Buchholz und Andrea Martens leitet. Es gibt weder Lehrplan noch Prüfungen.
Viele, die regelmäßig kommen, sehen die Treffen als wichtigen Ankerpunkt, erzählt Schmidt-Buchholz. „Wenn man neu in einer Stadt ist, ist es schön zu wissen, montags kann ich zur Gesprächsrunde gehen.” In kleinen Gruppen werde über Alltagsthemen gesprochen, über Arbeit, Familie, Feste oder Reisen. Durch persönliche Themen entstehe Nähe jenseits von Grammatik und Regeln – Sprache als Schlüssel zur Integration.
Tür zur Teilhabe
André Khawam kam vor zehn Jahren aus Syrien nach Deutschland. „Im Sprachkurs lernt man Hochdeutsch, aber die Sprache, die man auf der Straße hört, ist eine andere“, erzählt er. Für ihn sei die Sprachbrücke ein Ort, an dem Sprache lebendig werde. Wann immer er könne, komme er zu den Treffen. „Ohne Sprache kann man in Deutschland nicht leben, nicht arbeiten und keinen Kontakt haben.“
Auch Yoshiko Parsons aus Japan hat in der Gesprächsrunde ihren Platz gefunden. Sie lebt seit den 1970er Jahren in Deutschland. Zu Hause sei jedoch immer Englisch gesprochen worden, erzählt sie. Seit Januar besuche sie die Gesprächsrunde im Bürgerhaus Lokstedt. „Hier kann ich endlich Deutsch sprechen und ich habe Freunde gefunden“, sagt sie.
Über den Verein
Der Verein Sprachbrücke-Hamburg wurde 2013 gegründet. Heute gibt es 34 Gesprächsrunden in Präsenz, neun Online-Gruppen und mehrere mobile Angebote mit dem Sprachbrücken-Mobil. Damit sei das kostenlose Angebot in fast allen Hamburger Stadtteilen vertreten, heißt es vom Verein. Rund 250 Ehrenamtliche engagieren sich. Finanziert werde das Angebot durch Spenden und Fördergelder der Stadt Hamburg.

„Das zentrale Ziel der Sprachbrücke ist gegenseitiges Verständnis als Grundlage von respektvollen Begegnungen“, erklärt Kai Basedahl, der als Projektassistent bei der Sprachbrücke beschäftigt ist. Sprache gelte als verbindendes Element einer vielfältigen Gesellschaft. Der Bedarf an solchen Angeboten sei nach wie vor hoch, da viele Menschen keine Gelegenheit hätten, außerhalb von Kursen Deutsch zu sprechen. „Für viele ist auch das Schließen neuer Kontakte und der Austausch mit anderen Menschen sehr wichtig.“
Mehr als Sprache
Im Laufe der Jahre seien im Rahmen der Treffen kleine Rituale entstanden, sagen die Gesprächsleiter aus Lokstedt. Zum Beispiel gemeinsame Ausflüge in die Kunsthalle oder in die Boberger Dünen. Auch dabei würde die Alltagssprache trainiert.
An Motivation, Deutsch zu sprechen, mangele es den Teilnehmenden selten. Vielmehr fehlten die Möglichkeiten. „Nicht für alle Suchenden gibt es genug Sprachkurse. Daher ist es für einige die einzige Möglichkeit, Deutsch lernen zu können“, so Basedahl.
Wenn sich die Runde am Ende des Treffens verabschiedet, bleibt der Eindruck, dass dieser Raum mehr als ein Ort der Sprache ist. Parsons packt ihre Tasche und lächelt: „Lernen ist für mich Lebensfreude.“ Genau das macht die Sprachbrücke aus: Sie ist ein Ort gelebter Nachbarschaft mitten in Eimsbüttel.
lokal. unabhängig. unbestechlich.
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