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Dagmar Engels (links) leitet das Nachbarschatz. Sie engagiert sich schon seit über 30 Jahren für Frauen und Mütter, seit 2007 in Form eines Mehrgenerationenhauses. Foto: Rainer Wiemers
Dagmar Engels (links) leitet das "Nachbarschatz". Sie engagiert sich schon seit über 30 Jahren für Frauen und Mütter, seit 2007 in Form eines Mehrgenerationenhauses. Foto: Rainer Wiemers
Magazin #28

Ein echter Nachbarschatz

In Dörfern und Kleinstädten trifft man sich auf dem Marktplatz oder beim örtlichen Schützenverein. Doch in einer Großstadt? Hier gibt es andere Treffpunkte – zum Beispiel das Mehrgenerationenhaus „Nachbarschatz e.V.“ in der Amandastraße. In seinem öffentlichen Wohnzimmer findet die Nachbarschaft zusammen – auch über Landesgrenzen hinweg.

Von Eimsbütteler Nachrichten

Wie sich globale Ereignisse auf unsere direkte Nachbarschaft auswirken können, zeigt Putins Krieg in der Ukraine. Der Angriff auf Russlands kleinen Nachbarn trieb Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in die Flucht. Viele Familien kamen nach Hamburg, einige fanden in Eimsbüttel Zuflucht.

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An einem besonders heißen Mittwochnachmittag sitzen ein paar von ihnen im Nachbarschatz zusammen. Zu Kaffee und Kakao, Kuchen und Wassermelone tauschen sich mehr als ein Dutzend Frauen über alltägliche Dinge aus. Über ihre Behördengänge, Arzttermine oder die schwierige Suche nach einer Wohnung, um endlich aus dem Hotel ausziehen zu können. Mit am langen Tisch sitzt Dagmar Engels, Leiterin des Mehrgenerationenhauses in der Amandastraße 58.

Vom Mütterzentrum zum Mehrgenerationenhaus

„Wir haben schon 2015 viel Erfahrung mit Flüchtlingen gesammelt. Daher war es selbstverständlich, auch diesmal zu helfen”, sagt Engels. „Mit all den Menschen, die hier arbeiten, sind wir eh ein Multikulti-Haus.“ Im Nachbarschatz bieten sie den Müttern ein offenes Ohr „und fragen, was sie in diesen schwierigen Zeiten brauchen, statt das einfach selbst zu bestimmen“. So fing es schon vor über 30 Jahren an.

Alles begann mit der Idee eines frei zugänglichen Treffpunkts für Mütter, der einen offenen und zwanglosen Austausch ermöglicht. „Als mein drittes Kind zur Welt kam, hatte ich keine Lust mehr auf Sandkiste und Co.”, erzählt Engels. Das Konzept der Mütterzentren gefiel ihr, und so gründete sie mit zwei anderen Frauen einfach selbst eines.

Eines der ersten Mehrgenerationenhäuser

Das Mütterzentrum Eimsbüttel startete im Januar 1989 im Luruper Weg: „Dort konnten wir uns zweimal die Woche treffen und unsere Ideen voranbringen.“ 1995 zogen sie in die benachbarte Müggenkampstraße um. Mit größeren Räumlichkeiten entwickelte sich das Projekt weiter, war längst nicht mehr „nur“ Treffpunkt für Mütter und Kinder, sondern auch für ältere Menschen aus der Nachbarschaft. Da war es nur logisch, dass aus dem Mütterzentrum Eimsbüttel im März 2007 ein Mehrgenerationenhaus wurde. Der Nachbarschatz e.V. war geboren – als eines der ersten der über 500 Mehrgenerationenhäuser in Deutschland.

2013 stand abermals ein Umzug an. Engels und Co. fanden ihr Glück in der Amandastraße 58. Über 1.000 m² auf drei Etagen brachten eine Menge Raum zur Entfaltung mit sich, doch auch Kosten für den Umbau. „Das haben wir größtenteils selbst finanziell getragen“, erinnert sich Engels. Finanziert wird das Nachbarschatz heute durch Fördergelder vom Bundesland Hamburg, dem Familienministerium in Berlin und vom Bundesverband der Mütterzentren e.V. Aber auch die Sozialbehörde und diverse Stiftungen leisten projektbezogene finanzielle Hilfe.

Ein Ort der Begegnung, egal für wen

Auf den drei Etagen gibt es einiges zu entdecken: eine Kita mit Platz für 70 Kinder; eine gut ausgebaute Kantine, in der täglich frisch gekocht wird; in den oberen Geschossen Seminarräume für Kurse wie Yoga, Makramee oder einen Chor. Sogar eine Wäscherei steht bereit. Doch das Herzstück des Hauses ist das öffentliche Wohnzimmer: ein zentraler Treffpunkt und „Ort der Begegnung, offen für alle von Jung bis Alt“, wie Engels betont. Dort laden etliche Tische und Stühle zum Verweilen ein, es gibt einen Getränke-Kühlschrank und eine angeschlossene Kantine. Die Wände sind liebevoll mit selbstgemalten Porträts gestaltet, internationale Flaggen zeigen die hier ansässigen Nationen und machen klar: Jeder ist willkommen.

Hier im Wohnzimmer treffen sich täglich Menschen aus der Nachbarschaft – beim Mittagstisch, Eltern-Kind-Frühstück, Familienbrunch oder bei diversen Nachmittagstreffs, zum Beispiel dem heutigen Treff ukrainischer Mütter und Kinder. Die Anwesenden fanden durch Empfehlungen von Freunden und Nachbarinnen zum Nachbarschatz – oder durch die Aufnahme ihrer Kinder in die Kita nebenan.

„Nachbarschatz“ wie „zweites Zuhause“

30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter füllen das Nachbarschatz täglich mit Leben. Sie arbeiten als Erzieherin in der Kita, kochen frisches Essen in der Küche, sind in der Wäscherei beschäftigt, sitzen am Schreibtisch in der Verwaltung – oder unterstützen bei den Treffen. So auch Mali: Die gebürtige Iranerin lebt seit über 15 Jahren in Hamburg. Sie liebt diese Stadt, betont, wie dankbar sie ist, hier in Deutschland leben zu können. Den Weg ins Nachbarschatz fand sie über einen Deutschkurs.

Anfangs half sie freiwillig in der Kinderbetreuung oder beim Kaffeedienst aus, mittlerweile arbeitet sie als Erzieherin hier. „Das Nachbarschatz ist mein zweites Zuhause und hat mir so viel Freiheit gegeben!“ Mali ist sofort zur Stelle, wenn Gebärdensprache benötigt wird. All ihre Geschwister waren gehörlos. „Da blieb mir nichts anderes übrig, als die Sprache zu lernen.“

Unkomplizierte und schnelle Hilfe

Sie unterhält sich mit ihrer Sitznachbarin Julia in Gebärdensprache. Die Ukrainerin ist gehörlos und floh im März aus Kiew nach Deutschland. Später reiste sie zurück, um ihre Kinder zu holen. Jetzt will sie in Hamburg ein neues Leben anfangen – wer weiß, wie lange der Krieg noch andauern wird. Mali hilft ihr meist bei alltäglichen Dingen, kommt aber auch mal mit zu Arzt- oder Behördenterminen.

Maria aus Kiew (links) und Valeria aus Hamburg tauschen sich im Wohnzimmer des Nachbarschatz aus. Im Hintergrund unterhalten sich Mali und die Gehörlose Julia in Gebärdensprache. Foto: Rainer Wiemers
Maria aus Kiew (links) und Valeria aus Hamburg tauschen sich im Wohnzimmer des „Nachbarschatz“ aus. Im Hintergrund unterhalten sich Mali und die Gehörlose Julia in Gebärdensprache. Foto: Rainer Wiemers

Auch die 37-jährige Maria kam im März mit ihren vier Kindern aus Kiew nach Hamburg. Bei ihrer Ankunft hatten sie nicht viel. Im Nachbarschatz fanden sie Kinderbetreuung, Essen, eine Wäscherei und so vieles mehr. „Ich bin wirklich dankbar, dass wir mit solch offenen Armen aufgenommen wurden“, sagt Maria. Wo es sonst durch die Bürokratie etwas länger dauert, „geht es hier ganz schnell und unkompliziert, wenn wir mal etwas benötigen.“ Ihre jüngste Tochter findet die Kita „sogar besser als in der Ukraine“.

Gute Nachbarschaft, auch über Grenzen

Dass Nachbarschaft über Grenzen hinweg funktionieren kann, demonstriert Elena. Die 44-Jährige lebt seit 20 Jahren in Deutschland, kommt eigentlich aus Krasnodar im Süden Russlands, direkt am Schwarzen Meer. „Unser Nachbar Ukraine ist so nahe, wir waren schon immer ukrainisch-russisch geprägt.“ Daher geht ihr die momentane Situation so nahe, dass sie nicht weiter untätig sein konnte. „Statt mich daheim über Politik aufzuregen, komme ich lieber hierher und leiste meinen Beitrag, indem ich den Familien helfe“, sagt sie.

Dass das öffentliche Wohnzimmer wieder so gut gefüllt ist, freut Dagmar Engels. Denn natürlich stellte die Corona-Pandemie ein Konzept wie das Mehrgenerationenhaus vor eine knallharte Probe: „Die vergangenen zwei Jahre haben uns fast gekillt.“ Zwar lief das professionelle Beratungsangebot wie gewohnt weiter, aber die Kita war zeitweise dicht und viele Freizeitangebote lagen brach. „Auch ein spontanes Zusammenkommen im Café war oft undenkbar.“ Mittlerweile geht es wieder voran, viele Menschen aus der direkten Umgebung schauen vermehrt vorbei – und füllen im Nachbarschatz den Begriff Nachbarschaft endlich wieder mit Leben.

Text: Erik Klügling

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