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Alle Kröten im Eimer

Jedes Jahr wandern hunderte Kröten und Frösche im Niendorfer Gehege zu ihrem Geburtsteich, um dort zu laichen. Die Vogt-Kölln-Straße wird dabei zur Todesfalle. Freiwillige des NABU fangen die Tiere ein und tragen sie über die Straße.

Von Maria Kirady
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Ein Erdkrötenpärchen. Wegen eines Giftes auf der Haut sollte man sich nach dem Anfassen die Hände waschen. Foto: Maria Kirady

Das Erdkrötenmännchen sitzt in der Falle. Die feuchten, bernsteinfarbenen Augen starren zu beiden Seiten auf eine weiße Plastikwand. Darüber, unerreichbar, der blaue Himmel. Unter ihm das erschöpfte Krötenweibchen, das der Kröterich seit Tagen mit seinen dicken Ärmchen wie ein Schraubstock fest umklammert. Er wird erst wieder loslassen, wenn das Weibchen seine Eier ins Wasser legt und er den Laich befruchtet. Der Weg dorthin ist lebensgefährlich. Nicht nur der Reiher lauert. Die Route, der das Weibchen mit seiner Last wie an einer unsichtbaren Schnur folgt, führt über eine dicht befahrene Straße.

Warmes und feuchtes Wetter ist für Amphibien ideal

Doch davon wissen die Kröten nichts, als Dieter Siebeneicher mit seinem blauen Handschuh von oben nach den Tieren im Fangeimer greift, der im Waldboden eingegraben ist. Das Männchen fängt an, laut zu piepen und tritt mit seinen Hinterbeinen nach Siebeneichers Hand. „Der denkt jetzt, dass ein Rivale von hinten kommt“, sagt der Experte des Naturschutzbundes NABU und setzt das Krötenpaar in einen schwarzen Transporteimer. Es ist acht Uhr morgens, die Temperatur liegt bei zwölf Grad im Niendorfer Gehege. Dampfend steigt der Regen der letzten Nacht vom Waldboden zwischen den kahlen Baumstämmen auf. Ideales Amphibienwetter.

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Amphibienzaun im Niendorfer Gehege. Foto: Maria Kirady

Täglich werden die Eimer kontrolliert

Mit seinen Kollegen Julia Widera und Stefan Hensen kontrolliert Siebeneicher die Fangeimer an den Amphibienzäunen im Südwesten des Niendorfer Geheges. Sie sollen die Frösche und Kröten davon abhalten, auf dem Weg zum Laichgebiet die Vogt-Kölln-Straße zu überqueren. Die Tiere hüpfen so lange an dem niedrigen, grünen Plastikzaun entlang, bis sie in einen der Eimer fallen und eingesammelt werden können. Damit jeden Tag jemand die Eimer leert, sind die Naturschützer auf die Hilfe von Anwohnern und Freiwilligen angewiesen.

Manchmal sieht Siebeneicher, dass sich mehrere Männchen an ein Weibchen klammern. Dann entfernt er die überschüssigen Männchen, damit später im Teich nicht alle gemeinsam unter der Last ertrinken. Doch den Klammergriff der Männchen zu lösen, ist gar nicht so einfach. „Die kleinen Kerlchen haben eine Power. Ich muss aufpassen, dass ich den Tieren dabei nichts breche“, sagt der 62-Jährige.

Mehr als hundert Kröten und Frösche überfahren

An dieser Stelle des Waldes haben er und seine Kollegen dieses Jahr zum ersten Mal einen Zaun gebaut. Mehr als hundert Tiere waren zuvor auf der Vogt-Kölln-Straße verendet. Ein grauenvolles Bild. Anwohner alarmierten den NABU. Mit Hilfe des Försters haben Freiwillige am Freitag den Zaun aufgestellt.

Die Laichwanderung war bereits in vollem Gange. „Noch beim Aufbau liefen uns die Grasfrösche zwischen den Beinen lang“, erzählt Siebeneicher. Die Tiere seien wegen des harten Winters drei bis vier Wochen zu spät dran: „Die haben einen enormen Laichdruck.“ Sobald es zwischen fünf und sechs Grad warm wird, kommen die Amphibien aus ihren Erdlöchern und brechen zur Paarung auf. Zahlenmäßig habe die ungewöhnliche Kälte den Tieren nicht geschadet, eher das Gegenteil sei der Fall, stellt Siebeneicher fest.

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Dieter Siebeneicher sucht im Fangeimer nach Kröten. Foto: Maria Kirady

Fluchtmöglichkeiten für Mäuse

Der großgewachsene Rentner mit Weste und grauem Bart schreitet den Netzzaun entlang. Aus dem zweiten Eimer holt er ein fettes, erdfarbenes Krötenweibchen. Kühl und schwer liegt es in der Hand, es ist viel dunkler als die anderen Kröten. „Die Erdkröten treten in vielen Variationen auf“, erklärt Siebeneicher. Mit seinem Handschuh wühlt der 62-Jährige im Laubmatsch am Boden des Eimers. Unter einem Blatt hat sich ein junger Grasfrosch versteckt.

Im Laub können sich die Amphibien verkriechen und es hält die Feuchtigkeit im Eimer. Ein langer Stock ragt heraus, damit hineingefallene Mäuse wieder herausklettern können. Löcher im Boden des Eimers verhindern, dass er bei Regen volläuft und Tiere darin ertrinken. NABU-Kollegin Widera nimmt den Frosch aus dem Eimer und formt eine Kugel mit ihren Händen, damit er nicht wegspringt. Denn Frösche können weit und hoch springen, Kröten nur ein paar Zentimeter.

Bei Wärme werden die Kröten aktiv

Krötenpärchen für Krötenpärchen setzen die ehrenamtlichen NABU-Mitarbeiter in den schwarzen Transporteimer. Im Inneren quaken die Krötenmännchen um die Wette. Sie fürchten, ihre Weibchen in der Masse an Rivalen zu verlieren. Mit kraulenden Bewegungen krabbeln die Tiere übereinander her. Die wenigen Jungfrösche versuchen, die Kröten als Sprungkissen zu nutzen und den Rand des Eimers zu erreichen. Wenn die Morgensonne den Nebel vertreibt, werden die wechselwarmen Tiere richtig aktiv. Ihre Körpertemperatur entspricht in etwa der Außentemperatur. Wird es zu kalt, fallen sie in eine Starre.

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Gute Ausbeute: Kröten krabbeln im Eimer übereinander. Foto: Maria Kirady

Autofahrer ignorieren das Warnschild

Mit der Ausbeute von 37 Kröten und vier Fröschen aus etwa einem Dutzend Fangeimern macht sich Siebeneicher auf den Weg zu dem Laichgebiet in einem Rückhaltebecken hinter der Kollau. Ein Auto rast auf der Vogt-Kölln-Straße direkt an dem Warnschild „Krötenwanderung“ vorbei. „Das sind keine Dreißig, Jungchen“, schimpft Siebeneicher ihm hinterher. Wegen der Krötenwanderung dürfen Fahrzeuge hier nur Tempo 30 fahren. Fahren sie schneller, zerreißt der Strömungsdruck die empfindlichen Lungen der Amphibien, selbst wenn die es schaffen, den Reifen zu entkommen.

Ein Amphibienleitsystem ist zu teuer

Der Krötenzaun ist keine optimale Lösung. Denn er steht nur vorübergehend und nur auf der Straßenseite in Richtung Teich, um so viele Tiere wie möglich sicher zum Laichen zu bringen. Ein Amphibienleitsystem mit einem Tunnel, der unter der Straße durchführt, könnte die Tiere jedoch ganzjährig von einer Seite auf die andere lotsen. Doch dafür fehlt das Geld. „Wir reden hier von einem sechsstelligen Betrag, das kann der NABU ohne Sponsor nicht leisten“, sagt Siebeneicher und fasst sich mit der Hand an seine Weste. Schön wäre es trotzdem.

Befruchtung erst im Wasser

Am gegenüberliegenden Ufer des Teiches, in dem die Kröten laichen werden, rastet ein Graureiher. Wie im Lotussitz spreizt der Vogel die Flügel zum Trocknen in der Sonne. In der Ferne rauschen Autos und Lastwagen auf der Autobahn vorbei. Ein schriller Pfiff, wie von einer Hundepfeife, durchschneidet die Luft. Dann schießt ein blauer Blitz über den Teich und verschwindet zwischen den Bäumen im Wald – ein Eisvogel.

Siebeneicher kniet sich auf den Boden. Er nimmt jedes Krötenpaar einzeln aus dem Eimer und setzt es behutsam ins hohe Gras. Die Tiere kriechen sofort in Richtung Teich. „Jetzt habt ihr es geschafft“, sagt der 62-Jährige. Im Gegensatz zu Fröschen, die Laichballen legen, winden Kröten ihren Laich in Schnüren um Wasserpflanzen. Die Männchen befruchten die Eier erst im Wasser. Auch wenn es nicht danach aussieht: Die Amphibienpaarung ist eine keusche Angelegenheit.

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