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Die Blinden Passagiere. Foto: Steffen Gottschling.
Die Blinden Passagiere. Foto: Steffen Gottschling.

Blinde Passagiere volle Fahrt voraus!

Am Freitag spielt das Ensemble „Blinde Passagiere“ mit blinden und sehenden Darstellern sein aktuelles Stück „Gestrandet in Bombay – Die See-Revue an Bord der 50er“.

Von Nele Deutschmann

Die Zuschauer erwartet ein ganz besonderer Theaterabend: Eingebettet in ein vielfältiges 50er-Jahre-Programm bietet das Ensemble aus blinden Laiendarstellern und professionellen sehenden Schauspielern eine unterhaltsame und liebevoll erarbeitete Musical-Freude. Die Live-Combo Row-Boys unterstützt sie dabei musikalisch. Präsentiert wird das Ensemble vom Blinden und Sehbehindertenverein Hamburg.

Seit 2008 entwickelt die außergewöhnliche Truppe unter der Leitung von Jörn Waßmund Theatererlebnisse. Der studierte Theaterpädagoge hat schon mit den unterschiedlichsten Gruppen zusammengearbeitet. Vor den Blinden Passagieren realisierte er beispielsweise Projekte mit Schülern, alten und jungen Menschen oder Unternehmenstheater mit Managern. Auch die Theatertruppe theater 36 mit geistig behinderten Laiendarstellern leitet er.

Poker, eine Hafenkneipe und ein bisschen Liebe

Außergewöhnliche Proben: Wie erlernt man Gestik und Mimik, wenn man von Geburt blind ist? Foto: Blinde Passagiere.
Außergewöhnliche Proben: Wie erlernt man Gestik und Mimik, wenn man von Geburt blind ist? Foto: Steffen Gottschling.

Vor sechs Jahren entstand die Idee ein Stück über das Sehen und Nichtsehen – das trügerische Auge – zu gestalten. Erst im Arbeitsprozess kam der Gedanke auf, das Nichtsehen wörtlich zu nehmen und mit Blinden zu arbeiten. An der ehemaligen Kultur Bühne Bugenhagen entstand das erste Stück Blindfische und Sehfische. Dass die Proben anders ablaufen, als gewöhnliche Proben ist klar. Etwaige Unsicherheiten waren jedoch schnell beseitigt. Durch Workshops, theaterpädagogische Übungen und Schauspieltraining wurde die Arbeit miteinander erprobt und die Laien an die schauspielerische Arbeit herangeführt. Das gegenseitige Verständnis und die Faszination beider Seiten für einander sind wichtige Punkte Waßmunds Arbeit. Der Freiberufler erweist sich dabei als Allroundtalent. Neben der Organisation, Öffentlichkeitsarbeit und Regie schreibt er auch die Stücke selbst.

Schon bei der Premiere des ersten Stücks war klar: Dieses Projekt wird weiterleben. Blindfische und Sehfische kam beim Publikum gut an. Gerade weil es kein Betroffenheitsstück war – bei den Blinden Passagieren darf ruhig gelacht werden. Die Arbeit zum nächsten Stück begann mit dem Wunsch „etwas mit Musik zu machen“. Ein Liederabend wurde konzipiert, der sich schnell zu einem ganzen Musical mauserte.

Mit dem neuesten Stück Gestrandet in Bombay! – Die See-Revue an Bord der 50er touren die Blinden Passagiere nun durch die Stadtteile Hamburgs. Auch ein Gastspiel in Hildesheim wurde bereits absolviert und Anfang Mai wird es in Dortmund zu sehen sein.

Das Ensemble besteht aus vier blinden und drei sehenden Schauspielern. Foto: Steffen Gottschling.
Das Ensemble besteht aus vier blinden und drei sehenden Schauspielern. Foto: Steffen Gottschling.

Eine Schiffscrew strandet im Bombay der 50er Jahre. Sie verlieren ihr Schiff beim Poker und müssen fortan die Hafenkneipe eines windigen Amerikaner bewirtschaften. Mit einigen dramatischen Wendungen steuert das Stück auf seinen Höhepunkt zu. Die Passagiere entwickeln ein Showkonzept, dass die Wende für die Kneipe und ihr geliebtes Schiff bringen soll. In einem erneuten und entscheidenden Pokerspiel setzen sie alles auf eine Karte.

Die kleinen Momente

Eingebettet ist die Revue in einen 50er-Jahre-Abend. Bereits ab 17.30 Uhr werden die Gäste mit Käseigel oder Kaltem Hund bewirtet und können sich auf den Abend einstimmen. Allerlei stilechte Möbel und Kleidungsstücke sorgen dabei für das richtige Ambiente. Im Nachhinein findet eine 50er-Jahre-Party in der nahegelegenen Bar Karussell statt. Übrigens, wer in 50er-Jahre-Gaderobe erscheint, bekommt einen Sekt auf Kosten des Kapitäns.

Das Konzept des Abends entspricht dem Verständnis Waßmunds eines gelungenen Theaterabends. Zuschauer und Darsteller treffen aufeinander. Die Begegnungen findet der 47-Jährige sehr spannend: „Kleine Momente sollen entstehen“. Er wolle „was erzählen, jemanden berühren, bewegen, anregen oder auch für einen Moment in eine andere Welt eintauchen lassen“. Wenn darüber hinaus im Publikum über das gemeinsame Erleben etwas stattfindet, habe er seinen Auftrag erfüllt. Seine künstlerische Verwirklichung stellt Waßmund hinten an. „Ich mache Theater für das Publikum.“

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