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Magazin #18

Der „Good Cop“ von Eimsbüttel

Strafzettel, Handschellen und harte Worte kommen beim Polizisten Jörg Sölter höchst selten zum Einsatz. Als Bürgernaher Beamter oder „Bünabe” setzt er bewusst auf andere Methoden. Ein Tag mit dem Good Cop von Eimsbüttel.

Von Catharina Rudschies

Wenn Jörg Sölter in diesen Tagen seine Runde durch das Viertel läuft, bereitet er die Bürger schon auf seinen Abschied vor. „Nur noch bis Juli, dann gehe ich in den Ruhestand”, erzählt er einer Cafébetreiberin. „Ach, dann gehen Sie doch sicher die ganze Zeit Skifahren, oder?”, erwidert sie. Man kennt sich untereinander – von Sölters täglichen Streifgängen durch sein Revier, in dem das Café liegt. Aber auch, weil das Lokal schon mehrfach Opfer von Einbrüchen wurde. Jörg Sölter schaut sich die noch sichtbaren Aufbruchspuren an der Tür und dem Fenster an und gibt Tipps, wie die Betreiberin sich besser vor Eindringlingen schützen kann.

Als Bürgernaher Beamter, auch „Bünabe” genannt, wird er in der Regel nicht zu einem Einsatz gerufen. Seine Aufgabe ist es, mit den Menschen auf der Straße in Kontakt zu treten, ansprechbar zu sein für Probleme und Sorgen der Bürger. „Im Gegensatz zu den Beamten im Streifendienst können wir uns für die Anliegen der Anwohner Zeit nehmen”, erklärt Sölter.

Früher arbeitete Jörg Sölter bei der Bundespolizei, ab 1983 dann bei der Schutzpolizei in Eimsbüttel. Da ging es auch mal um Fälle wie Messerstechereien, Drogen oder Morde. Sölter erlebte mehrmals, wie ein Mensch mit einer Waffe auf ihn zukam. „Mir ist aber nie etwas passiert, toi toi toi!”, so der Polizist. Als Bünabe geht seit 2005 alles etwas ruhiger zu. Sölter kümmert sich um Fälle wie Nachbarschaftsstreits, Stalking oder Verkehrsdelikte. Außerdem sorgt er auf Stadtfesten und Laternenumzügen für Sicherheit oder leistet Präventions- und Aufklärungsarbeit – zum Beispiel zu Einbruchschutz oder dem Enkeltrick.

Als „Bünabe“ zieht Jörg Sölter seine Runden durch Eimsbüttel. Foto: Catharina Rudschies

Seit Trickbetrüger in alten Menschen leichte Beute sehen, hat es die Polizei schwerer. Mittlerweile geben die Betrüger sich nicht mehr nur als Enkel, sondern sogar als Polizisten aus. „Selbst uns lassen einige alte Menschen heute nicht mehr herein, weil sie Angst haben, dass wir keine echten Polizisten sind”, erzählt Jörg Sölter. Manchmal sind es aber nur noch die Polizisten, die bei älteren, sozial isolierten Menschen nach dem Rechten schauen können. Das ist ein Problem.

Unter dem Namen „Cop4U” ist Sölter auch erster Ansprechpartner für Schulen. In der Regel geht es da um Probleme, die Lehrer mit Schülern haben oder umgekehrt. „Aber wir hatten auch schon mal ei- ne Prügelei zwischen Eltern, die sich nicht einigen konnten, wer beim Bringen der Kinder mit dem Auto Vorfahrt hatte”, erzählt er und lacht. Während die Bürgernahen Beamten in St. Georg immer wieder mit Drogen und Gewalt zu tun haben, sind in Eimsbüttel die „Elterntaxis” ein wiederkehrendes Problem.

Manchmal hart, meistens fair

Als Bünabe läuft Jörg Sölter jeden Tag durch sein zugeordnetes Gebiet. Von der Troplowitzstraße zur Unnastraße, am Weiher entlang zum Ring 2, die Osterstraße hoch, in den Heußweg bis zur Fruchtallee. Wohl kaum ein anderer kennt das Gebiet so gut wie er. „Ich kenne mich hier besser aus als in Elmshorn, wo ich wohne”, sagt er amüsiert. Und auch er ist auf den Straßen Eimsbüttels bekannt. „Herr Sölter!”, hört er da immer wieder. Von Inhabern der anliegenden Geschäfte und Einrichtungen. Oder „Der Bünabe!” von Schulkindern, die ihm auf dem Gehweg entgegenkommen.

Im Gespräch mit seinen Mitmenschen ist Sölter zunächst immer freundlich, egal ob er einem Bürger behilflich ist oder ihn ermahnt. „Nanana, Sie wollten hier doch sicherlich nicht mit dem Fahrrad fahren?”, fragt er den Radfahrer, der gerade auf dem Bürgersteig entlang fährt. Er breitet seine Arme aus und stellt sich ihm in den Weg – mit einem Lächeln auf den Lippen. „Natürlich höre ich auch viele Ausreden. Aber solange die Menschen Einsicht zeigen und sich entschuldigen, bleibt es meist bei einer Verwarnung”, erzählt Sölter. Würden sie die Schuld hingegen von sich abweisen, bekämen sie auch einen Strafzettel.

Die Bürgernahen Beamten versuchen, weniger über Konfrontation als über klärende Gespräche mit den Bürgern in Kontakt zu treten. Dabei sei manchmal ein Spagat nötig, erzählt Eimsbüttels Bünabe: „Auf der einen Seite wollen wir das Echo der Bürger hören. Auf der anderen Seite erklären wir, warum die Polizei bestimmte Dinge macht.” So wolle man das Verständnis fördern und die Arbeit der Polizei transparenter machen. „Wir sind auf die Mitarbeit der Bevölkerung angewiesen. Wir brauchen sie als Auge vor Ort”, erklärt Sölter. Deshalb habe die Polizei auch die Kampagne „In Hamburg schaut man hin” gestartet, die Bürger dazu anregen soll, alles zu melden, was ihnen merkwürdig erscheint.

Immer ruhig und freundlich geht es dann aber doch nicht zu. „Manchmal ist man auf der Straße auch unbeliebt”, konstatiert Sölter. Zum Beispiel wenn er mal wieder ein Verbrenner-Auto abschleppen lassen muss, weil der Fahrer es vor einer Elektroladesäule geparkt hat. „Da müssen wir hart sein, sonst kauft sich keiner Elektroautos.” Oder wenn Großevents wie der G20-Gipfel in die Stadt kommen. Da fragten viele Bürger: „Warum findet das in Hamburg statt?”

G20: Der interessanteste Einsatz seines Lebens

„Uns Polizisten gefiel das auch nicht”, erzählt Sölter. „Aber da werden wir ja nicht gefragt.” Während des mehrtägigen Events sei die Polizei an ihre Grenzen gekommen, trotz der zusätzlichen Einsatzkräfte aus ganz Deutschland und dem Ausland. Auch die Bünabes waren im Einsatz. Nicht an erster Front, aber vor Ort. Sie waren für die Sicherung der Staatsgäste verantwortlich. 20 Stunden und mehr hätten sie die Tage gearbeitet. „Es war der größte und interessanteste Einsatz, den ich je erlebt habe”, erzählt Sölter.

Im Juli dieses Jahres geht Jörg Sölter in den Ruhestand. Er freut sich, dass er dann wieder mehr Zeit für seine Hobbys hat. Trotzdem wird er auch einiges vermissen. Vor allem die Gespräche mit den Bürgern und seine Kollegen, mit denen er so lange zusammengearbeitet hat. Seit 37 Jahren ist er bei der Eimsbütteler Polizei. „Ich bin hier so ein Urgestein”, sagt er und lächelt freundlich, wie es sich für einen wahren Bünabe gehört.

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