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Tanja Lazarevic ist Sozialarbeiterin und gehört zum Team der Kemenate. Foto: Lea Freist
Die Kemenate in Eimsbüttel ist ein Zufluchtsort für Frauen. Alle sollen sich Willkommen fühlen. Foto: Lea Freist
Obdachlos ist auch weiblich

Raum nur für Frauen

Fast ein Viertel der Obdachlosen in Hamburg sind Frauen. Das Leben auf der Straße ist für sie meist gefährlicher als für Männer: Sie sind schutzloser, werden sexuell belästigt. Oder sie halten es in einer Beziehung trotz Gewalt aus, übernachten bei flüchtigen Bekannten. Für wohnungslose Frauen gibt es nur wenige Einrichtungen, die etwas Ruhe und Zuflucht bieten. Eine davon liegt in Eimsbüttel: der Tagestreff „Kemenate“.

Von Lea Z. Freist

Mitten in Eimsbüttel, drei Minuten zu Fuß vom U-Bahnhof Emilienstraße entfernt, können sich Frauen in Not tagsüber treffen. Im ersten Stock eines roten Klinkergebäudes in der Charlottenstraße finden sie dort vor allem eins: Ruhe. „Einen eigenen Raum für sich, wo man keine Angst haben muss und seine Sachen sicher aufbewahren kann“, diesen Wunsch hört Sozialarbeiterin Tanja Lazarevic oft von den wohnungslosen Frauen.

Die „Kemenate“, das war ursprünglich ein beheizter Raum in mittelalterlichen Burgen. Schon damals bewohnten überwiegend Frauen das Zimmer, und auch heute in Eimsbüttel ist die Kemenate ein Ort, der ausschließlich Frauen vorbehalten ist. Darauf können sich die Besucherinnen verlassen. „Hier haben Männer keinen Zutritt“, betont Lazarevic, die eine von vier Mitarbeiterinnen ist. „Während die Waschmaschine läuft, können die Frauen im Bademantel rumlaufen.“

Von Frauen für Frauen

Im Jahr 1988 wurde der Trägerverein der Kemenate gegründet. Wohnungslose Frauen würden die Tagesaufenthalte, die auch für Männer zugänglich sind, nicht nutzen, stellten die Vereinsgründerinnen damals fest. Vier Jahre später eröffnete der Tagestreff für Frauen, zunächst an der Bellealliancestraße.

Durchschnittlich 31 Frauen haben im Jahr 2014 täglich diesen Rückzugsort aufgesucht. Gestern seien es sogar 56 Besucherinnen gewesen, sagt Lazarevic und trinkt einen Schluck Kaffee. Da werde es auf den 220 Quadratmetern auch mal eng und laut. Die Einrichtung umfasst zwei große Aufenthaltsräume mit Büchern und einem Aquarium, bunten Kissen und roten Sofas, einen Ruheraum, Schließfächer für persönliche Gegenstände, Waschmaschinen und Duschen. Internet und Telefon sind so begehrt, dass sich die Besucherinnen in eine Warteliste eintragen müssen.

Das Hab und Gut findet in Schließfächern platz. Foto: Lea Freist
Das Hab und Gut findet in Schließfächern platz. Foto: Lea Freist

Die Besucherinnen wollen oft anonym bleiben – und dürfen es auch, wie Lazarevic bemerkt. „Wenn sie möchten, können sie bei uns eine Postadresse einrichten, nur dann – oder wenn wir behördlich tätig werden sollen, brauchen wir ihren richtigen Namen“, erläutert sie.
Die Räumlichkeiten bieten vielen wohnungslosen Frauen eine Tagesstruktur und einen Treffpunkt: „Ich bekomme hier viel Hilfe, günstiges Essen und Hygieneartikel. Außerdem treffe ich andere Frauen in meiner Lage und kann reden“, sagt eine 36-Jährige, die sich Viera nennt. Sie kommt seit zweieinhalb Jahren regelmäßig in die Kemenate und lebt seit zehn Jahren in Hamburg – fünf davon auf der Straße. Ursprünglich stammt sie aus der Slowakei. Viera ist eine gepflegte Frau, die großen Wert auf ihr Äußeres legt. Bis vor Kurzem hatte sie noch einen Containerplatz zum Schlafen, den sie aber verloren hat. „Eine Wohnung mit eigenem Bett wäre für mich alles“, erzählt sie.

Obdachlos ist auch weiblich

Obdachlos nennt man Frauen wie Viera. Weil sie keinen festen Wohnsitz haben, kein Zuhause. In Hamburg haben im ersten Halbjahr 2015 circa 2.500 Wohnungslose in öffentlichen Unterbringungen gelebt, davon 520 im Bezirk Eimsbüttel, so Marcel Schweitzer, Sprecher der Sozialbehörde. Eine Studie aus dem Jahr 2009 besagt, dass 22 Prozent der obdachlosen Menschen in Hamburg Frauen sind. Die Dunkelziffer sei allerdings deutlich höher, betont Andrea Hniopek, Dozentin an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) und Sozialarbeiterin. Sie leitet im Caritasverband die Abteilung Existenzsicherung. Frauen ohne Wohnung seien unauffällig, ja fast: unsichtbar. Weil sie die Straße eher meiden und in Notunterkünfte gehen. Doch: Die meisten Notunterkünfte richten sich an Männer. Es gibt lediglich eine staatliche, ganzjährige Notunterbringung ausschließlich für Frauen, das „FrauenZimmer“ in Borgfelde. Allerdings werden Frauen, die keinen Anspruch auf Sozialleistungen haben, weil zum Beispiel ihr Asylantrag abgelehnt wurde, nicht aufgenommen.

„Wenn Sie abends nach Geschäftsschluss durch die Hamburger Innenstadt laufen, die Mönckebergstraße, die Spitalerstraße entlang – sehen Sie mehrheitlich Männer, die draußen schlafen. Sich alleine irgendwo hinzulegen, ist für Frauen zu gefährlich“, sagt auch Lazarevic. In der Fachliteratur spricht man von der „verdeckten weiblichen Wohnungslosigkeit“. Viele Frauen ohne Wohnung seien alleine unterwegs und achteten besonders auf ihr Äußeres, auf Kleidung und Körperpflege. Sie verstauen ihre Habseligkeiten im Koffer. Man soll ihnen ihr Schicksal nicht ansehen. Frauen würden außerdem Unterschlupf bei Bekannten suchen, was häufig mit sexueller Gegenleistung verbunden sei, erklärt Hniopek.

Die Kemenate ist ein Zufluchtsort für Frauen. Alle sollen sich Willkommen fühlen. Foto: Lea Freist
Die Kemenate in Eimsbüttel ist ein Zufluchtsort für Frauen. Alle sollen sich Willkommen fühlen. Foto: Lea Freist

Meisterinnen schwieriger Lebenslagen

Dass ihre Obdachlosigkeit meist verdeckt und unauffällig bleibt, liegt an den Fähigkeiten der Frauen, ihre Situation zu kompensieren. Mit Organisationstalent und vielen Ressourcen. „Frauen sind Meisterinnen darin, schwierige Lebenslagen zu bewältigen, oft von Kindesbeinen an“, ergänzt Hniopek. Dennoch: Für weibliche genauso wie männliche Obdachlose sind Trennung und Scheidung laut den Sozialarbeiterinnen immer noch die Hauptgründe, aus denen Menschen obdachlos werden.

Auch Hackenporsche, Rucksäcke und Isomatten gibt es in der Kemenate. Für Besucherinnen, die nichts besitzen, sind diese umsonst. Besonders beliebt ist die Kleiderkammer. Dunkle Hosen, helle Jacken, Jeans, feste Schuhe und Oberteile: Zweimal in der Woche hat sie geöffnet. Die Sozialarbeiterinnen verlosen Nummern, und dann darf sich jede Besucherin zehn Minuten lang mit Kleidung eindecken. Angebote, die ausschließlich über Spenden finanziert werden, erklärt Tanja Lazarevic.

Gemeinsam kochen

In der Küche wird gemeinsam gekocht. Beim Vorbereiten der Gerichte kommen die Mitarbeiterinnen mit den Besucherinnen ins Gespräch. „Wir erfahren was von den Problemen und Sorgen der Frauen“, erzählt die Kemenate-Mitarbeiterin, während sie die letzten Gabeln und Messer in eine Schublade zurücksortiert. Gleich öffnet der Tagestreff. Viermal in der Woche wird eine warme Mahlzeit angeboten – mit Gemüse von der Hamburger Tafel. Am Wochenende kocht eine Frau für die Gruppe: „Frauen erfahren beim Kochen Bestätigung, werden gebraucht.“ Die Kemenate grenzt sich dabei bewusst von den „Armenspeisungen“ in der Stadt ab. 50 Cent kostet eine Mahlzeit. An ihrem Geburtstag bekommen die Frauen 7,50 Euro und können davon Kuchen kaufen, der für alle reichen muss. „Die Frauen sollen selbst Verantwortung für ihr Leben übernehmen und kalkulieren“, bemerkt Lazarevic.

Der Fernsehraum der Tagesaufenthaltsstätte. Hier können Bedürftige Spiele spielen, essen, fernsehen und im Warmen sitzen. Foto Karoline Gebhardt

Winternotprogramm für Obdachlose

Am 01. November ist das bisher größte Winternotprogramm in Hamburg gestartet. Die Zahlen der obdach- und wohnungslosen Menschen in der Hansestadt steigen.

Gefördert wird die Kemenate aus Haushaltsmitteln der Sozialbehörde. Allerdings basieren viele ergänzende Angebote auf Spenden. So können die Friseurin und Fußpflegerin finanziert werden, die die Einrichtung einmal im Monat besuchen. Oder auch die zehntägige Sommerreise nach Föhr. Wer mit will, trägt sich auf eine Liste ein. Die ersten zehn fahren mit auf die Insel. „Ein Highlight im Jahr“, freut sich die Sozialarbeiterin.

Tanja Lazarevic meint, dass die Nachfrage ständig steigt, denn immer mehr wohnungslose Frauen tauchen in der Kemenate auf. Dass es diesen „rein weiblichen“ Tagestreff gibt, verbreite sich hauptsächlich über Mundpropaganda.
Lazarevic fordert von der Stadt, mehr frauenspezifische Angebote, insbesondere in zentralen Stadtteilen wie Eimsbüttel, einzurichten. Viele Besucherinnen müssten schon früh aus der Charlottenstraße aufbrechen, um noch den Bus zu erreichen, der sie zurück in eine Massenunterbringung fährt.

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