Schanze: Früher war mehr Piano
Das Schanzenviertel hat sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Ein Pianohaus zeugt von einem fast vergessenen Kapitel.
Von Julia HaasZwischen Dönerläden und Biomarkt stehen in der Schanzenstraße 117 Klaviere und Flügel im Schaufenster. Wie passt klassische Klavierkultur in das quirlige Schanzenviertel von heute? Yvonne Trübger, die das gleichnamige Pianohaus führt, hört diese Frage oft. Ihre Antwort kommt ohne Zögern: „Wir waren schon hier, als die Schanze noch kein Ausgehviertel war.“
Als die Schanze ein Kornfeld war
Mitte des 18. Jahrhunderts liegt das heutige Schanzenviertel in ländlicher Ruhe – Felder umgeben das Schulterblatt. Während das Leben hier gemächlich verläuft, beginnt sich jenseits des Ärmelkanals die Welt grundlegend zu verändern: In Großbritannien nimmt die industrielle Revolution Fahrt auf. Mit der „Spinning Jenny“ revolutioniert der Baumwollweber James Hargreaves das Textilhandwerk – mehr Garn, weniger Arbeit. Eine Erfindung mit weitreichenden Folgen.
Knapp hundert Jahre später greift der industrielle Wandel auch auf Hamburg über. Ab 1842 wird rund um das Schulterblatt gebaut, gehämmert und geplant. Das Schanzenviertel wächst in die Höhe. Mit der Eröffnung des Sternschanzenbahnhofs wird das Gebiet für Fabrikanten noch attraktiver.
1850 verlässt ein Klavierbauer aus dem niedersächsischen Seesen Deutschland – auf der Suche nach besseren Chancen. Heinrich Engelhard Steinweg besteigt in Hamburg mit seiner Familie den ersten deutschen Transatlantikdampfer Richtung New York. Dort gründet er „Steinway & Sons“, ein Unternehmen, das bald zu den bedeutendsten Klavierherstellern der Welt zählen soll.
Der Klavierhandel blüht
Wenige Jahre später betritt ein anderer Klavierbauer die Bühne Hamburgs: Friedrich Reinhold Trübger, Klavierstimmer und Instrumentenmacher, zieht von Jena in die Hansestadt. In der Altonaer Straße gründet er eine kleine Werkstatt. In seiner Nachbarschaft arbeiten bereits andere Klavierbauer.
„Wenn man als Klavierbauer damals etwas gelten wollte, ging man in die Schanze“, sagt seine Urenkelin Yvonne Trübger heute.

Um die Jahrhundertwende ist Hausmusik mehr als Freizeit – sie ist Teil des gesellschaftlichen Lebens. Wer etwas auf sich hält, besitzt ein Klavier. Das Pianohaus Trübger wird zur ersten Adresse für anspruchsvolle Kundschaft. Die wachsende Nachfrage lässt das Unternehmen nicht nur bauen, sondern auch handeln – mit Instrumenten anderer Hersteller.
„Steinway Piano-Fabrik” eröffnet in Schanzenstraße
Dass das Geschäft mit dem Klavier in der Schanze läuft, scheint sich auch auf der anderen Seite der Welt herumzusprechen. Um den weltweiten Markt besser zu bedienen, entscheidet sich Steinway für eine Hamburger Niederlassung. In der Schanzenstraße eröffnet 1880 die „Steinway Piano-Fabrik”.
Obwohl die Konkurrenz wächst, floriert das Pianohaus Trübger. Sein Gründer kann von diesem Erfolg nur kurz zehren. 1894 stirbt Friedrich Reinhold Trübger – seine Frau Doris führt den Betrieb fort.
1906 übernimmt der jüngste Sohn, Friedrich Reinhold Trübger II, das Geschäft. Er ist damals 22 Jahre alt und voller Tatendrang. Trübger vergrößert den Betrieb und zieht in die Schanzenstraße 117. In der Innenstadt eröffnet er eine „Cityfiliale”. Der Klavierhandel blüht.

Die Bomben lassen das Viertel verstummen
Der Zweite Weltkrieg bringt das Schweigen. Die Holzvorräte der Steinway-Fabrik werden zu Gewehrkolben und Bunkerbetten verarbeitet. Auch im Pianohaus Trübger steht der Betrieb still. „Niemand brauchte mehr Klaviere“, sagt Yvonne Trübger.
Dann kommt die Nacht des 24. Juli 1943: Der Feuersturm trifft Hamburg mit brutaler Härte. Das Schanzenviertel geht in Flammen auf. Die Fabrik von Steinway wird vollständig zerstört, Trübger verliert über 300 Klaviere.
„Was übrig geblieben ist, hat mein Großvater gegen Lebensmittel getauscht, um zu überleben“, erzählt Yvonne Trübger heute.
„Die Verbindung zur Schanze ist zu stark“
Nach der Währungsreform 1948 beginnt der Wiederaufbau: Friedrich Reinhold Trübger III führt den Familienbetrieb in der Schanzenstraße weiter. Mit 18 Klavierbauern und neuen Handelsverbindungen kehrt wieder Musik in die Werkstatt.

Heute führt Yvonne Trübger das Unternehmen, das seit 153 Jahren besteht, in vierter Generation. Sie blieb, als das Viertel Probleme mit Drogen hatte. Und als die G20-Krawalle benachbarte Fensterscheiben bersten ließen. „Die Verbindung zur Schanze ist zu stark“, sagt sie. Hier, zwischen Szene-Cafés und Plattenläden, hält das Pianohaus Trübger die Erinnerung wach – an eine Zeit, in der in der Schanze noch mehr Piano war.
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