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David Lebuser ist Profi-Rollstuhl-Skater. Seine Skills teilt er bei „Sit’n’Skate” mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung. Foto: Rainer Wiemers
Eidelstedter Stadtteilmagazin

Radsport: Skaten im Rollstuhl

Als David Lebuser mit Anfang zwanzig plötzlich querschnittsgelähmt ist, denkt er: Das war’s jetzt. Heute ist er Deutschlands bester Rollstuhl-Skater. Und bringt Kindern mit Behinderung in Eidelstedt bei, sich nach dem Fallen wieder aufzusetzen.

Von Alana Tongers

Das Rollstuhl-Skaten kam mit einem krachenden Sturz nach Deutschland. Irgendwo in Brandenburg, zwischen Reha-Klinik und McDonald’s-Parkplatz. Da lag er, auf dem Rücken, auf dem Beton, sein Rollstuhl neben ihm, die Räder drehten sich noch.

Ein paar BMXer kamen angerast, ließen ihre Bikes in der Halfpipe liegen, beugten ihre Köpfe über ihn. Die Blicke halb besorgt, halb ungläubig. „Spinnst du?”, fragten sie. „Willst du dich umbringen?” Doch David Lebuser liegt auf dem Boden und kann nicht aufhören zu lachen. Alles war gut, endlich wieder.

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Wenn sich die Skate-Szene in Eidelstedt trifft

Samstag im Mai, mittags, es ist ruhig, Eidelstedt wirkt verschlafen. David Lebuser knallt die Türen seines Transporters zu, rollt über den Parkplatz des Jugendhauses Ackerpoolco. Die gefärbten Haare hat er unter eine Kappe gesteckt, er trägt Vans, einen schwarzen Hoodie, „Sit’n’Skate” steht darauf, „Destroying Stereotypes” darunter, er streicht über den Aufdruck. „Sorry, hab’ gerade erst den Fleck gesehen.”

Einmal im Monat trifft sich die nationale Skate-Szene in Eidelstedt. Auf den Parkplatz fährt ein Auto mit Kennzeichen Bielefeld, er winkt. Kurz darauf eines aus Celle. Draußen heben sie Rollstühle aus Kofferräumen, drinnen bauen sie Rampen aus Holz auf. Kaffee wird aufgesetzt, Gebäck ins Foyer gestellt. An jedem ersten Samstag im Monat veranstaltet David Lebuser mit seinem Verein „Sit’n’Skate” einen offenen Skatetreff im Ackerpoolco. Dort bringt er vor allem Kindern und Jugendlichen mit Behinderung das Skaten im Rollstuhl bei.

„Hardcore Sitting”

Rollstuhl-Skating heißt eigentlich WCMX, eine Abkürzung für Wheelchair-Motorcross, und ist eine Mischung aus Skaten und BMX, die im Rollstuhl gefahren wird. Erfunden hat sie der Amerikaner Aaron „Wheelz” Fotheringham, der Tony Hawk der WCMX-Szene.

2006, mit 14 Jahren, landete er als erster Rollstuhl­­fahrer einen Backflip. Mittlerweile schafft er den Salto auch vorwärts, rückwärts sogar doppelt. Seine Videos werden millionenfach geklickt, er steht im Guiness-Buch der Rekorde, war mit dem Sender MTV auf Tour, auf Instagram folgen ihm eine halbe Million Menschen. „Hardcore Sitting” nennt er seinen Sport auch. Zerschmetterte Rollstühle und verschrammte Arme gehören dazu. WCMX kann Extremsport sein.

So extrem wie in Fotheringhams Videos geht es in Eidelstedt erst einmal nicht zu. Im Foyer des Jugendzentrums hängen halbierte Skateboards unter der Decke, die Wände sind voller Sticker und Tags mit Edding. Eltern erholen sich bei einem Kaffee von der langen Fahrt, Kinder rollen in die Halle. Smalltalk über die Bundesliga in der einen Ecke. Austausch über neue Rollstuhl-Reifen in der anderen.

David Lebuser ist Profi-Rollstuhl-Skater. Seine Skills teilt er bei „Sit’n’Skate” mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen mit Behinderung. Foto: Rainer Wiemers
David Lebuser ist Profi-Rollstuhl-Skater und Initiator von „Sit’n’Skate”. Foto: Rainer Wiemers

Das erste Mal haben sie sich in der Halle in Eidelstedt 2016 getroffen, damals noch unregelmäßig. Es kamen nicht viele Kinder. Manchmal waren es nur zwei, einmal war jemand alleine da. Was dann passiert ist, weiß Lebuser nicht genau. Aber mittlerweile ist die Halle fast jedes Mal voll, um die zwanzig Kinder, Jugendliche und Erwachsene skaten heute zusammen.

Die Treffen von „Sit’n’Skate” sind offen, in den drei Stunden kommen Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen, die unterschiedlich fit sind und auf unterschiedlichen Niveaus skaten. Da ist Aylin, rosa T-Shirt, rosa Helm, rosa Rollstuhl, die neun Jahre alt ist und zu den besten jungen Skaterinnen Deutschlands gehört. Da ist Dominik, der heute zum ersten Mal dabei ist und mit Kippstützen am Rollstuhl fährt. Einige Kinder rasen durch die Halle, andere fahren vorsichtig, probieren sich an den Aufbauten langsam aus.

Am Anfang, erzählt Lebuser, dachten viele, Rollstuhl-Skating sei nur was für die „ganz fitten Kids”. Für die, die ein bisschen verrückt sind. Mittlerweile seien auch Kinder mit schwereren Behinderungen dabei. Die so oft „Das kannst du nicht” hören. Wenn sie das erste Mal über eine Rampe fahren, vielleicht sogar erste Tricks schaffen… David Lebuser lächelt. Er sei froh, dass sie mittlerweile diese Mischung in der Gruppe haben.

„Scheiße, jetzt werde ich mit der Pferdedecke durch den Park geschoben”

Vor seinem Unfall war David Lebuser kein Skater, zumindest kein guter. Als Jugendlicher machte er Radsport. „Da war ich eher grobmotorisch mit meinen Beinen unterwegs und nicht super kickflip-tauglich”, erinnert er sich. Aber die Skate-Szene zog ihn trotzdem an. Die Klamotten, die Musik, die Attitüde. War eben cool. Er probierte sich an der Gitarre aus, schrammelte mit Freunden zusammen, sie gründeten eine Band. „Das war alles grottenschlecht und hat nicht mal für Punkrock gereicht”, sagt er. „Aber wir hatten Spaß.” Rauchten, tranken, feierten zusammen.

2008, da ist David 21, stürzt er nach einer Party einen Treppenschacht hinunter. Vermutlich versuchte er betrunken das Geländer hinunter zu rutschen. Das haben ihm Freunde erzählt, die ihn suchten, auf dem Boden fanden, den Krankenwagen riefen. David Lebuser selbst kann sich an den Unfall nicht mehr erinnern. Er wird operiert, für 24 Stunden ins künstliche Koma versetzt.

Mit der Diagnose Paraplegie L3 wacht er auf. Sein Rücken ist zertrümmert. Gebrochene Wirbelsäule. Querschnittsgelähmt. Da ist erst Ungläubigkeit, dann der Schock, dann die Vorurteile, die Bilder, die er nicht loswird. In seinem Umfeld hat niemand eine Behinderung. Die, die er auf der Straße wahrnimmt, stempelt er ab. Bemitleidenswert. Hilfsbedürftig. „In dem Moment dachte ich: Scheiße, jetzt werde ich mit der Pferdedecke durch den Park geschoben.” So lag er in dem Bett in der Klinik. Konnte sich nicht alleine umdrehen. Wollte er etwas trinken, musste er nach der Pflegerin klingeln. Die Zeit schien zu kriechen.

Halt geben

In Eidelstedt rauscht die Halle, die Rollstuhlreifen summen auf dem Boden, immer wieder durchbrochen von einem Knallen. So klingt es, wenn die jungen Skaterinnen und Skater in die Rampen brettern, wenn die Holzwippe auf den Boden prallt, wenn sie sich von der Halfpipe stürzen. „Drop” nennt sich das.

Oben sitzen Aylin und Anne, zählen gemeinsam, skaten dann gleichzeitig die Abfahrt hinunter. David Lebuser beugt sich zu Dominik hinunter. „Ist das schwer?”, fragt der Junge ihn. Lebuser zeigt auf die Rampe, „fangen wir dort drüben an.” Sie fahren gemeinsam, Dominik auf der Rampe, Lebuser daneben. Er soll ein Gefühl für den Kipppunkt bekommen, lernen, wie es ist, gegen Widerstand anzufahren, dann loszulassen. David Lebuser hat eine Hand immer in der Nähe. Nicht aufdringlich. Aber er will die Kinder wissen lassen, dass er da ist. Halt geben.

Wie der Rollstuhl zur Befreiung wurde

David Lebusers Rettung war der Fernseher über seinem Krankenhausbett. Er schaltet ihn ein. 7.500 Kilometer entfernt in Peking finden die Paralympics statt. Auf dem Bildschirm sieht er Menschen im Rollstuhl, ohne Pferdedecke, die Basketball, Tennis, Rugby spielen, fechten, Handbike fahren. Tagelang schaut er alle Wettkämpfe, saugt jede Bewegung auf. Ist überrascht, wie elegant, wie schnell und spannend Rollstuhlsport sein kann.

Spätestens als David Lebuser auf Youtube sieht, wie sich Aaron Fotheringham meterhohe Rampen herunter stürzt, wie er durch die Halfpipes fliegt, wie er in scharfen Kurven auf einem Rad über den Asphalt brettert, wird ihm klar: Ich kann alles über Behinderung vergessen, was ich weiß. Nach Tagen im Bett bekommt er ihn, den ersten Rollstuhl. „So ein richtig schreckliches Krankenhausteil.” Der gar nicht zum Fahren, eher zum Geschoben-werden da ist. Orthopädischer Schuh statt Sneaker. Aber das ist egal.

Lebuser fährt den Flur auf und ab. Nach unten in die Lobby, holt dort Eis für alle, die ihn besuchen. Hoch und runter, immer wieder, einfach um zu fahren. Nach all den Tagen im Bett, kann er wieder selbst entscheiden wo er abbiegt. Plötzlich ist der Rollstuhl kein Stigma mehr, nichts, an das er gefesselt ist. Sondern die Befreiung.

Was ein Vorbild ist

Wenn David Lebuser in Eidelstedt durch die Halle gleitet, hat das etwas von schweben. So leicht, so leise, so schnell rauschen die Räder seines Rollstuhls über den Boden. „Wir nennen ihn liebevoll ‚kleiner Angeber’”, sagt eine der Mütter am Seitenrand. Lebuser gehört mittlerweile zu den besten Rollstuhl-Skatern Deutschlands. Er hat einen Weltmeister-Titel gewonnen, hat in Venice Beach mit Aaron Fotheringham geskatet. Sein Vorbild ist mittlerweile ein Freund geworden.

Er selbst hingegen hat lange mit seiner Vorbild­funktion gehadert. David Lebuser trägt die Haare in verwaschenem Blau, hat Tattoos, geht auf laute Konzerte, trinkt auch mal Bier, flucht. Auf seinem Rollstuhl klebt ein St. Pauli-Sticker. Vorbilder, denkt er, müssen die sein, bei denen alles glatt läuft, nach Plan, „Musterknaben eben”.

„Ich dachte: Ey hallo, ich hab ‘nen Unfall im Suff gehabt, bin Punkrocker, trink Bier – was soll ich für ein Vorbild für eure Kinder sein?” Mittlerweile hat er verstanden, dass es nicht darum geht, ein perfektes, bewundernswertes Leben zu führen. Sondern dass es reicht, er zu sein, David, „der Typ mit Behinderung, der skatet und ein selbstbestimmtes Leben führt.”

„Was soll da noch passieren?”

Trotzdem sei er froh, die Vorbildfunktion mittlerweile nicht mehr allein zu erfüllen. Lebuser nickt zu Aylin hinüber. Aylin hat mit dem Skaten angefangen, nachdem sie ein Video von David gesehen hat. Er ist ihr Aaron Fotheringham. Da ist sie gerade zweieinhalb Jahre alt. Sie hat einen Instagram-Kanal, dem tausend Menschen folgen. Sie hat eigene Sticker, sie kleben auf den Rollstühlen der anderen Kinder. „Zieh durch, zieh durch”, ruft sie einem Jungen zu, der auf die Wippe zufährt. Sie fährt die Halfpipe entlang, reißt dabei die Arme nach oben, dreht sich in der Mitte der Halle, wie eine Ballerina.

Foto: Rainer Wiemers
Auf ihrem Instagram-Kanal folgen der Skaterin Aylin (links) tausend Menschen. Foto: Rainer Wiemers

„Am Anfang habe ich jedes Mal einen Herzinfarkt bekommen”, erzählt Aylins Vater, der am Hallenrand steht. Und jetzt? Er schaut zu seiner Tochter hinüber, die mit ihrem rosa Rollstuhl schon wieder zur Hälfte über der Rampe hängt. Die bei den deutschen Meisterschaften und den Weltmeisterschaften mitfährt. „Was soll da noch passieren?”, meint er und lacht.

„Ich lag auf dem Boden und hab mich gefreut“

Noch im Krankenhaus startete für David Lebuser das Rollstuhltraining. Doch die wenigen Stunden reichen ihm nicht. Die Kippstützen, die manche Rollstühle haben, um Stürze zu verhindern, schraubte er ab und versteckte sie unter dem Krankenhausbett. Auf dem Parkplatz der Klinik übte er, fuhr Bordsteinkanten hoch und Treppen hinunter. Oft lag er auf dem Boden. „Die Schwestern haben das gehasst. ‚Wehe, wir müssen dir irgendwann den Kopf zunähen’, haben die gesagt.”

Es folgte eine Reha, sechs Monate ­verbrachte David Lebuser in einer Klinik in Brandenburg. Manchmal, wenn er das Krankenhausessen nicht mehr sehen konnte, fuhr er zu einem McDonald’s in der Nähe. Auf dem Weg entdeckte er den Skatepark. Dort stürzen sich Skaterinnen in die grauen Beton-Buchten, BMXer springen über Geländer aus Metall. Die Klinik ist nah dran, aber wirkte weit weg. Der Skatepark blieb im Kopf, abgespeichert neben den Videos von Aaron Fotheringham.

Als Lebuser in der Klinik lernte, selbstständig vom Boden in den Rollstuhl einzusteigen, fuhr er los, zum Skatepark, spontan, alleine. „Wenn ich auf die Fresse falle, weiß ich ja, wie ich zurückkomme”, dachte er sich. Er überlegte nicht lange, tat es den BMXern nach, fuhr mit dem Rollstuhl in die Halfpipe, das erste Mal – und fiel. Der Sturz machte ihm keine Angst. „Ich lag auf dem Boden und hab mich gefreut, über dieses Gefühl der Freiheit.” Er zog sich hoch, zurück in den Rollstuhl und versuchte es nochmal.

Fallen lernen

In Eidelstedt bringt er den Kindern genau das bei: Dass Stürzen und Wieder-Aufsetzen genauso wichtig ist wie das Fahren. Zusammen üben sie das Fallenlassen. Es geht auch darum, abtrainierte Reflexe wieder anzutrainieren. Aber nicht nur die Kinder müssen das lernen – vor allem deren Eltern. Kinder mit Behinderung würden von ihren Eltern häufig behütet, oft zu sehr. Während andere Kinder ständig mit aufgeschrammten Knien und blauen Flecken vom Spielplatz kommen, sei jede Verletzung bei ihnen ein Drama.

„Kinder mit Behinderung haben auch ein Recht darauf, auf die Schnauze zu fliegen”, sagt David Lebuser. Das gehört dazu. Zum Skaten. Und zum Leben sowieso.

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