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Familie Seferovic in ihrem Wohncontainer. Foto: Nora Helbling

„Weil wir die sind, die wir sind“

Die Hilfsangebote aus der Nachbarschaft für die Flüchtlinge an der Lokstedter Höhe sind enorm. Die Zukunft der Flüchtlinge ist jedoch ungewiss. Für Sinti und Roma ist die Situation im Heimatland meist ohne Zukunft. Wir haben eine junge Flüchtlingsfamilie besucht.

Von Nora Helbling

Gemeinsam mit Zaklin Nastic mache ich mich auf den Weg zu Familie Seferovic. Zaklin Nastic ist Bezirksabgeordnete der LINKEN und hat enge Kontakte zu vielen Flüchtlingen im Containerdorf. Sie spricht fließend serbokroatisch und unterstützt bei Amts- und Arztbesuchen.

Wir klopfen an eine der Containertüren, die alle gleich aussehen, und werden von Sabina und ihrer vierjährigen Tochter Valentina empfangen. Sabina ist 22 Jahre alt und im sechsten Monat schwanger. Kurze Zeit später kommt auch ihr 25-jähriger Mann Hakija zum Gespräch dazu. Die junge Familien rückt auf dem Bett zusammen und erzählt ihre Geschichte.

Keine Zukunft in Bosnien

Sie sind Roma und kommen aus der Stadt Kanaj in Bosnien. Die humanitäre Lage für die Minderheit in Bosnien und Herzegowina ist prekär, das zeigt auch ein Bericht von Human Rights Watch: Roma wird der Zugang zu Wohnungen, Arbeit und Krankenversicherungen verwehrt. Laut Verfassung sind sie vom politischen Leben ausgeschlossen. Die Stigmatisierung ist groß.

Ähnlich erging es auch Familie Seferovic. Ein normales, gesellschaftliches Leben war für sie nicht möglich. Eine Wohnung bekamen sie nicht, sie mussten in einer Baracke leben. Auch die Anstrengungen, eine Arbeit zu finden, waren vergeblich, „weil wir die sind, die wir nun mal sind“, sagt Sabina. Sie waren Beschimpfungen ausgesetzt, als sie sich wehrten kam es zu Gewalt, Hakija wurde schwer verletzt. Es fehlte eine Krankenversicherung, die man nur bekommt, wenn man berufstätig ist. Ein Teufelskreis. Aus der Not heraus sammelte Hakija Müll und Reste, um für Frau und Kind zu sorgen. „Keine Rechte und keine Möglichkeiten“, sagen sie uns. Eine hoffnungslose Situation.

Politik will Asylanträge schneller ablehnen

Bezirksabgeordnete Zaklin Nastic. Foto: Nora Helbling
Bezirksabgeordnete Zaklin Nastic. Foto: Nora Helbling

Doch auch in Deutschland gibt es von Seiten der Politik wenig Hoffnung auf Asyl. Der damalige Innenminister Hans-Peter Friedrich machte im September Stimmung gegen die „Armutseinwanderung“. Nach dem aktuellen Koalitionsvertrag sollen Serbien, Mazedonien und Bosnien und Herzegowina als „sichere Herkunftsstaaten“ eingestuft werden, um „aussichtslose Asylanträge von Angehörigen dieser Staaten schneller bearbeiten und ihren Aufenthalt in Deutschland schneller beenden zu können“.

Die Familie Seferovic hatte aber Hoffnung und kam nach Deutschland. Erst wurden sie in Dortmund untergebracht, dann in Horst und schließlich bei der Lokstedter Höhe. Ihre Geschichte bleibt schwierig.

Zaklin Nastic lernte Sabina zufällig kennen, als sie auf der Suche nach vier Mädchen in der Flüchtlingsunterbringung war, die von einem Tag auf den anderen abgeschoben worden waren. Die Bewohner baten sie um Hilfe für eine junge, schwangere Frau, die starke Krämpfe habe und sich häufig übergebe. Nastic brachte Sabina ins Krankenhaus, man stellte fest, dass sie eine Infektion hat. Diese konnte unter Kontrolle gebracht werden, los wird sie diese aber nicht mehr. Es wurde festgestellt, dass das ungeborene Kind Probleme mit dem Herzen hat. Es schlägt unregelmäßig, setzt zeitweise kurz aus. Ihr wurde eine Risikoschwangerschaft attestiert, sie brauche vor allem Ruhe. Die allerdings ist nur schwer zu bekommen: Denn bleiben dürfen sie nicht, sie sollen abgeschoben werden. Da Sabina durch ihre Situation jedoch reiseunfähig ist, ist die Abschiebung zunächst aufgeschoben, bis nach der Geburt.

Ein Leben in großer Sorge

Das Containerdorf an der Lokstedter Höhe. Foto: Tim Eckhardt
Das Containerdorf an der Lokstedter Höhe. Foto: Tim Eckhardt

Für die Familie heißt das zunächst Erleichterung: Medizinische Versorgung für Mutter und Kind, die sie in Bosnien nicht bekommen würden. Es ist aber ein kurzes Gefühl der Sicherheit. „Viele der Flüchtlinge leben in großer Sorge, leiden an Schlafstörungen, sind psychisch stark belastet durch das, was sie erlebt haben“, berichtet Nastic. In Deutschland ist für viele der Aufenthalt befristet. Immer wieder seien Flüchtlinge an der Lokstedter Höhe in der Nacht abgeschoben worden, ohne Vorwarnung, ohne selbst packen zu dürfen. Die Containerwände sind dünn, die Nachbarn bekommen alles mit, haben Angst.

Wie es für Familie Seferovic im nächsten Jahr weitergeht, ist unklar. Die Chance auf Asyl scheint jedoch schwindend gering. Sie haben Angst um ihr Ungeborenes und die Zukunft ihrer Kinder. „Wir wünschen uns vor allem, dass wir unsere Kinder unter guten Bedingungen großziehen können, sodass sie nicht unter den Umständen aufwachsen müssen wie wir.“

Triff deine neuen Nachbarn: Mehr Informationen über Flüchtlinge in Eimsbüttel in unserer audiovisuellen Pageflow-Reportage.

Flüchtlingsunterkünften in Eimsbüttel: Wir geben einen Überblick über die Standorte und zeigen euch, wo ihr wie helfen könnt.

Laut dem Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma bezeichnet Sinti die in West- und Mitteleuropa beheimateten Angehörigen der Minderheit, und Roma diejenigen der ost- und südosteuropäischen Länder. Nur im deutschen Sprachraum gibt es diese Unterscheidung, außerhalb wird die gesamte Minderheit Roma genannt. Die Lage für Roma ist in weiten Teilen Südosteuropas äußerst prekär. Rechte Gruppen machen Stimmung gegen die Minderheit, sie werden diskriminiert und teilweise verfolgt. Viele Roma-Kinder wachsen unter menschenunwürdigen Bedingungen auf.

Aber auch in Deutschland sind die Vorurteile gegenüber Sinti und Roma stark ausgeprägt. Der sogenannte Antiziganismus ist in der Bundesrepublik ein wachsendes Problem, ein wissenschaftliches Gutachten zeigt. Vorurteile gegenüber „Zigeunern“ sitzen oftmals tief. Sinti und Roma sind bereits seit 600 Jahren in Deutschland beheimatet. Ungefähr 70.000 leben in Deutschland und sind eine anerkannte Minderheit. Allerdings verschleiern viele Sinti und Roma ihre ethnische Zugehörigkeit aus Furcht vor Ressentiments.

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