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Willkommen zuhause. Foto: WG

Zwischen Windel und Gin Tonic

WG-Kolumne #3: Eine Geburt ist die natürlichste Sache der Welt?

Eine Kolumne über die Möglichkeiten alternativer Lebensentwürfe. In der Reihe “WG-Kolumne – Zwischen Windel und Gin Tonic” berichtet unsere Autorin aus ihrer Eimsbütteler Studierenden-WG: Eine Wohnung, ein Pärchen, ein Baby und sie.

schedule Lesezeit ca. 2 min.

Die Mitbewohnerin läuft durch die Wohnung – immer auf der Suche nach der schmerzfreiesten Position. Das Auto springt natürlich nicht an und ich beiße vor Aufregung in die Bettkante. Das ist meine WG: Sie (28), ich (26), er (27) und das Mini (38. Woche). Noch ein paar Stunden to go.

Eine Geburt sei etwas Schönes, heißt es. Der natürlichste Vorgang der Welt, wird oft behauptet. Trotzdem wird selten en détail darüber gesprochen, wie eine Geburt vonstattengeht und wie sie wirklich abläuft, erfährt man auch als Frau meist erst, wenn man schon mitten drin steckt.

“Als Hebamme kann ich aktuell nicht empfehlen, Kinder zu bekommen”, schreibt eine Hebamme aktuell im Ze.tt-Magazin. Die Arbeitsbedingungen werden immer schwieriger, den Hebammen bleibt kaum Zeit, sich um jede werdende Mutter in dem Maße zu kümmern, in dem es wünschenswert wäre. Das hinterlässt ein mulmiges Gefühl.

Wehen?

An einem Dienstagabend geht es los. Krämpfe und die kurze Verunsicherung: erste Wehen? Oder nur ein Magendrücken? “Wenn es Wehen sind, wirst du es schon wissen”, haben sie gesagt. Dennoch ist man beim ersten Kind verunsichert. Alles fühlt sich so neu an.

Nach ein paar Stunden werden die Wehen stärker und Esther und Gustav fahren ins Krankenhaus – mit dem Taxi, der Subaru springt ja nicht an. Regen mag er immer noch nicht. Gegen drei Uhr nachts sind sie wieder da. Es sind zwar Wehen, aber es könne noch Stunden dauern. Stunden, haben sie gesagt. Es werden Tage.

Schöne Momente

Mittwoch: Gegen sechs Uhr morgens geht es das zweite Mal ins Krankenhaus. Um acht Uhr ist Team Baby wieder zuhause – das Krankenhaus hat keine Betten frei. Später erfahren wir, dass das an diesem Wochenende ein generelles Problem darstellte. Die Harburger Mariahilf Klinik schloss wegen Personalengpässen zeitweilig sogar ihre Kreißsäle. Einsparungen und Kostendruck bestimmen mittlerweile häufig das System der deutschen Geburtshilfe.

Die erste große Empörung weicht der Feststellung, dass es wesentlich schöner ist, die ersten Phasen einer Geburt zuhause zu verbringen. Wehen werden wegmassiert, wir sitzen neben Esther, die in der Badewanne liegt, zählen Wehen, freuen uns gemeinsam auf die neue Mitbewohnerin. Am Abend bin ich davon überzeugt zu wissen, warum eine Geburt etwas Schönes sein kann. Es geht zurück ins Krankenhaus.

Momente der Verzweiflung

Donnerstag: Ich möchte meine Aussage revidieren. Der dritte Tag in Wehen läuft – Esther und Gustav sind wieder zuhause. Trotz starker Wehen hat sich seit 24 Stunden nichts mehr getan. Team Baby hat Montagnacht das letzte Mal geschlafen. Esther hat seit Dienstag wegen der starken Schmerzen nichts mehr essen können und sich zu allem Überfluss noch übergeben. Ich finde das alles gar nicht mehr schön.

Mittlerweile weiß ich nicht mehr, wer mir vor Erschöpfung als erstes vor die Füße fällt. Esther wird immer blasser, Gustav ist beinahe grün im Gesicht. Gegen Mittag dann die Erleichterung: Die Fruchtblase platzt – das Zeichen, dass es nun vorwärts geht. Team Baby tanzt einen “Die-Blase-ist-geplatzt-Freudentanz” in der Küche.

Willkommen

Es dauert nochmal acht Stunden und endlich, endlich ist es geschafft. Die neue kleine Mitbewohnerin ist da. Sie ist gesund, kräftig, der Mama geht es gut und Team Baby ist schwer erleichtert.

Abends gucke ich in den Spiegel: Aus Sorge um Esther habe ich einen Stressauschlag bekommen und diverse Adern sind in meinem rechten Auge geplatzt. Schon nach vier Stunden dürfen Esther und unser neuestes WG-Mitglied das Krankenhaus verlassen. Willkommen zuhause.

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