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Foto: Marianne Bruhns
Anruf in einer Seniorenwohnung des Albertinen-Hauses: Die 79-jährige Renate Sauter wohnt dort seit zwölf Jahren mit ihrem 92-jährigen Mann. Foto: Marianne Bruhns
Magazin #19

Anruf im Seniorenheim: »Wir sterben nicht an einer Krankheit«

Menschliche Nähe ist unser wichtigstes Werkzeug, um in Krisenzeiten Trost zu spenden. Doch gerade die ist zur Gefahr geworden – besonders für Alte und Kranke. Besuchsverbote schneiden sie von der Welt ab. Bedroht und eingesperrt?

Von Alana Tongers

Seit zwölf Jahren wohnt die 79-jährige Renate Sauter mit ihrem 92-jährigen Mann in einer Seniorenwohnung des Albertinen-Hauses in Schnelsen. Corona hat ihren Alltag verlangsamt. Ein Telefonat.


Frau Sauter, wie geht es Ihnen heute?
Die Sonne scheint und mir geht es gut.

Bekommen Sie noch Besuch?
Besuch gibt es zurzeit nur sehr eingeschränkt. Wir sind gebeten worden, keinen Besuch zu empfangen, damit wir das Virus gar nicht erst in die Anlage kriegen.

Fehlt Ihnen etwas besonders?

Der Kontakt zueinander. Wir können nicht einfach mal zu den Nachbarn rübergehen und ein wenig erzählen. Es ist wie als Kind, wenn man etwas angestellt hatte und dafür Stubenarrest bekam.

Ich habe den Vorteil, dass ich einen Mann habe. Von daher fehlt mir der Kontakt zu Mitmenschen nicht so sehr wie anderen. Aber das Telefon steckt ja nicht an. Telefonisch können wir fast alles erreichen, was wir möchten.

Sie telefonieren also mehr als vorher?

Viel mehr! Wenn ich eine Rechnung kriegen würde, käme ich an einem Tag auf den Betrag, den ich sonst im ganzen Monat habe (lacht).

Wissen Sie, wir haben unsere Verwandtschaft auf der ganzen Welt verstreut. Ich habe in Hamburg nur noch einen Angehörigen, ich vermiss das nicht sehr. Aber viele Leute in meinem Bekanntenkreis sind jetzt wirklich alleine. Aber das Anrufen haben die meisten nie begriffen. Die freuen sich, wenn ich mich melde, aber rufen nicht selber an. Dafür sind wir zu alt.

Haben Sie Angst, sich zu infizieren?

Angst nein. Aber Gedanken macht man sich schon. Vor allem wenn wir unterwegs sind – die Leute sind teilweise so unvernünftig.
Aber ich sag immer: Wir sterben nicht an einer Krankheit. Irgendwann müssen wir sterben. Wir sind ja nun alt, und je älter wir werden, desto näher rückt das mit dem Tod.

Was macht Ihnen in diesen Tagen Hoffnung?

Die Hoffnung ist, dass manche daraus gelernt haben und ein bisschen offener sind. Wenn wir im Niendorfer Gehege spazieren gehen, hat uns früher nie jemand gegrüßt. Jetzt grüßen uns die Leute und lächeln. Auch die Jüngeren!

Gestern waren zwei Kindergartenkinder unterwegs. Die ältere Schwester sagte zur Jüngeren: „Komm, wir müssen zur Seite gehen, da kommen zwei alte Leute.“ Da hab ich mich bedankt, und das Mädchen sagt: „Aber ihr dürft doch eigentlich gar nicht raus“. Ich hab ihr geantwortet: „Wir möchten doch auch ein bisschen was von der Sonne haben!“ Man achtet mehr aufeinander. Es ist wärmer geworden in der Welt. Das Gefühl haben wir.

Haben Sie heute noch etwas vor?

Oh ja, wir versuchen immer rauszugehen. Das Niendorfer Gehege ist direkt um die Ecke, da werden wir heute Nachmittag hingehen. Dort kommen wir gut zurecht, weil wir die Schleichwege kennen (lacht).

Was hätten Sie heute normalerweise gemacht?

Mein Mann hätte eigentlich Therapeutisches Krafttraining im Albertinen-Haus, das fällt natürlich aus und fehlt ihm. Wir haben im Moment sehr viel Zeit für uns. Hört sich komisch an bei alten Leuten, nicht?

Was ist momentan das Schönste am Wohnen in der Seniorenanlage?

Wir haben in der Nachbarschaft eine Kirchengemeinde, die kommt mit ihrem Posaunenchor und spielt hier im Hof. Und ein Drehorgelmann kommt regelmäßig. Manchmal singen wir auch mit, wenn wir die Lieder kennen. Außerdem gibt es jeden Donnerstag Freiluftgymnastik. Dann stehen wir auf dem Balkon, winken uns zu und sehen uns. Wir sind eingeschränkte Leute, die es sehr gut haben.

Frau Sauter, lieben Dank für das Telefonat! Und Grüße auch an Ihren Mann.

Ihnen auch. Tschüss!

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