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"Ich bin meine billigste Arbeitskraft", sagt Friseurin Siiri Pflughaupt. Foto: Rainer Wiemers
Magazin #25

Gemeinsam lauter

Für viele Ladeninhaber aus Eimsbüttel entpuppt sich die Corona-Soforthilfe als finanzieller Bumerang. Warum sich Kleinunternehmerinnen und Selbstständige zusammenschließen.

Von Julia Haas

An einem Holztisch in der Telemannstraße beginnen sie laut zu werden – ­ihre Stim­men zu bündeln. Weil sie bis jetzt überlebt, die Krise aber noch nicht überstanden haben: Unternehmerinnen, deren Namen keine Wirtschaftsmagazine zieren; Selbstständige, die ihre Leidenschaft der Sicherheit vorziehen: Siiri Pflughaupt, Constanze Lux, Linda Langer, Kathrin Plate und Peter Knoll.

Zu fünft sitzen sie an diesem Abend im Erdgeschoss der Telemannstraße 21 – alles Unternehmerinnen und Selbstständige aus Hamburg. Pflughaupt betreibt die Friseursalons I Love Hair in der Schwenckestraße und Methfesselstraße. Lux gründete 2010 ihr Catering-Unternehmen La Douce. Langer zog vor zwei Jahren mit ihrem Geschäft Nachmacher X in den Schulweg. Plate eröffnete mit ihrer Schwester kurz vor dem Lockdown den Modeladen Faire Fritzi. Knoll ist freier Journalist in Hamburg.

An einem Tisch

Im Coworking-Space von Lux haben sie sich getroffen, um über die letzten Monate zu sprechen, sich für die kommenden zu rüsten. Am Kopfende des Tisches hat Lux ihren Laptop aufgeklappt. Sie macht sich Notizen, scrollt in ihren Aufzeichnungen immer wieder hoch und runter. Mit einem Leitfaden versucht sie, Struktur in das unübersichtliche Knäuel voller Sorgen zu bringen. „Wir sind Unternehmer mit Herzblut, wir müssen gehört werden”, sagt sie, die anderen stimmen zu.

Zwischen ihnen auf dem Tisch stehen Glasflaschen, Muffins und eine Schale mit Nüssen. Schnell wird der Flaschenöffner herumgereicht, die Gläser werden mit Limonade gefüllt – weil jetzt alle ihre Stimme brauchen. Pflughaupt sitzt an der langen Tischseite. Während sie den anderen zuhört, nascht sie Nüsse. Wenn sie spricht, eilt sie mit ihren Worten dem Erlebten hinterher. Aufgebrauchte Rentenfonds, aufgestocktes Kurzarbeitergeld sind nur zwei der vielen Themen. Pflughaupt hatte nie Geldprobleme. Dann kam Corona. Um sich zur Ruhe zu zwingen, nippt sie an ihrer Cola. Plate und Knoll knüpfen an, sprechen von Förderrichtlinien und Rückmeldefristen.

„Das ist alles ein Witz”, flüstert Langer kopfschüttelnd und lässt ihren Blick in den hinteren Teil des Raums schweifen. Im Dunklen stehen Schreibtische und Bücherregale, dazwischen ein Schachbrett, das auf das Ende der begonnenen Partie wartet. Was Pflughaupt, Lux, Langer, Plate und Knoll an diesem Abend verbindet, reicht über die Corona-Krise hinaus: Es ist die Leidenschaft für ein Handwerk. Und es ist die Angst, die sie zusammenbringt; die Angst, dass sich das Durchhalten nicht gelohnt hat.

Corona-Soforthilfe entpuppt sich als Bumerang

Während spontane Friseur­be­suche und gemeinsame Shoppingtouren wieder zum Alltag gehören, kämpfen Ladeninhaber weiter mit den Auswirkungen der Krise. Nur langsam kehren sie zum Tagesgeschäft zurück. Doch schon droht vielen der nächste finanzielle Schock: die Rückzahlung der Corona-Soforthilfen. Denn die zu Beginn des ersten Lockdowns ausgeschütteten Hilfen werden in einem Rückmeldeverfahren überprüft.

Damals erhielten Ladeninhaber den von ihnen prognostizierten Liquiditätsengpass für die kommenden drei Monate. Über 500 Millionen Euro zahlten Bund und Finanzbehörde Hamburg im ersten Halbjahr 2020 aus. Wer aber die Förderungen nicht entsprechend den Richtlinien verwendete oder in dem Zeitraum mehr als erwartet eingenommen hat, steht jetzt in der Schuld der Hamburgischen Investitions- und Förderbank (IFB Hamburg).

Pflughaupt rechnet damit, die komplette Summe von 25.000 Euro zurückzahlen zu müssen. Für sie und andere Ladeninhaber drohen die Gelder – mit deren Stärkung im Rücken sie nach vorne blickten – zum Bumerang zu werden. Viele können die Rückzahlungen in der aktuellen Situation nicht stemmen. Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, haben sie sich in einer Interessenvertretung für Kleinunternehmer und Solo-Selbstständige aus Eimsbüttel zu­­sam­­men­geschlossen.

„Naiv, daran zu glauben“

Nach Angaben der Finanzbehörde hat die Hamburgische Investitions- und Förderbank seit März 2020 über 2,5 Milliarden Euro an Fördermitteln ausgezahlt. Das Geld sollte die Munition der von Finanzminister Olaf Scholz abgefeuerten „Bazooka“ sein – eine rückstoßfreie Unterstüt­-zung für Kleinunternehmer und Solo-Selbstständige. „Wir geben einen Zu­­schuss, es geht nicht um einen Kre­dit”, verkündete Scholz zu Beginn der Pandemie in einer Presse­mitteilung.

„Ich war wirklich so naiv, daran zu glauben”, sagt Pflughaupt. Ihre Worte klingen wie ein Geständnis – weniger an ihre Zuhörer als an sie selbst. Ihr Vertrauen in Scholz sei seit dem G20-Gipfel in Hamburg getrübt. Kurz hält sie inne, um den Kanzlerkandidaten mit den Worten „wird ja nur wie ein Hafengeburtstag” zu imitieren. Trotz Skepsis gibt sie ihm Anfang 2020 eine zweite Chance: „Alles ging plötzlich so schnell und unbürokratisch.” Sie nimmt die Unterstützung an. Eine befreundete Friseurin traut dem Geschenk nicht, noch heute klingen ihre Worte in Pflughaupts Ohren: „Siiri, dir schenkt keiner was.” Doch diesmal scheint Scholz alles richtig zu machen.

Von der Krise überrollt

Am ersten Tag, an dem das Online-Portal der IFB geöffnet ist, versucht Pflughaupt mehrmals, ihren Antrag zu stellen – erfolglos. Immer wieder aktualisiert sie die Webseite, kommt aber nicht durch. Um halb fünf am nächsten Tag erreicht sie die WhatsApp-Nachricht eines anderen Friseurs: „Antrag ist raus.” Sofort ist sie auf den Beinen, generiert ihren Log-in, gegen sechs schickt sie den Antrag ab. Vier Tage später wird ihr die maximale Fördersumme für Kleinunternehmen ab zehn Mitarbeitern bewilligt.

„Wenn wir uns zusammenschließen, kann viel daraus entstehen“, sagt Constanze Lux (links), Inhaberin von „La Douce“. Auch Linda Langer (rechts) von „Nachmacher X“ will nicht leise bleiben. Foto: Rainer Wiemers

Im März 2020 haben Kathi Plate und Heike Ferner den Modeladen „Faire Fritzi” in der Osterstraße 136 eröffnet. Foto: Rainer Wiemers

Wie die 36-Jährige setzen auch andere Unternehmer und Selbstständige aus Eimsbüttel auf die Sofort­hilfe. Linda Langer kostet ihr Umzug mit Nachmacher X in ihre „Nachbarschaft” alle Ersparnisse, sie nimmt einen Privatkredit auf. Doch die Umsätze steigen und Langer plant den nächsten Schritt: Mitarbeiter einstellen. Als die Pandemie Hamburg erreicht, hält sie die Situation für „abwegig”; ein Horrorszenario, wie es Regisseure schreiben, zu weit weg von der eigenen Lebensrealität. Aber die Welle überrollt sie, Langer muss ihren Laden schließen. „Die Soforthilfe kam zur richtigen Zeit, ich brauchte sie unbedingt.” Von welchen Bedingungen sie damals ausging? Dass niemand was zurückzahlen müsse, sagt die gebürtige Eimsbüttelerin.

Das Auf und Ab der Krise

Fast 45.000 Schreiben hat das Finanzamt in dem Rück­melde­verfahren versandt; über 11.000 Rückzahlungsforderungen wurden bis zum 13. Oktober gestellt. Das eingeforderte Volumen beläuft sich auf rund 80 Millionen Euro. Die Prüfung entspreche den Förderrichtlinien, sagt Annekatrin Gumpel von der Finanzbehörde Hamburg. Nur seien die Richtlinien bei der Antragstellung nicht von allen so wahrgenommen worden, glaubt sie. Als Referentin für Bürgeranliegen betreut Gumpel Kleinunternehmen und Solo-Selbst­ständige bei Rückmeldungen und -zahlungen.

Dass es schwarze Schafe gab, die die Gelder missbrauchten, Überprüfungen notwendig seien, kann die Friseurin Pflughaupt nachvollziehen. Dennoch bezeichnet sie das Verfahren als ungerecht, den Zeitpunkt dafür als falsch. Weil die Pandemie drei Monate überdauerte. Die Soforthilfe bildet nur den Anfang ab: Sechs Wochen muss sie ihre Salons im ersten Lockdown schließen. Mit der Öffnung im Mai strömen die Kunden zurück. „Jeder Friseur, der in diesem Monat kein Geld verdient hat, hat was falsch gemacht”, meint Pflughaupt. Kundinnen mit aufgetragener Ansatzfarbe setzen die Friseurinnen auf einen Stuhl vor die Tür, andere kassieren sie noch mit nassen Haaren ab.

Trotz des „bombastischen Monats“, wie ihn Pflughaupt bezeichnet, gehen die Umsätze von deutschen Friseurbetrieben im ersten Quartal 2020 um 9,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück. Im zweiten Quartal sind es nach Angaben des statistischen Bundesamts fast 25 Prozent.

Soforthilfe: Was die Richtlinien nicht berücksichtigen

Auch Linda Langer hat im letzten Jahr Umsatzverluste. Mit einer Ausnahme: Im April – kurz nachdem sie die Corona-Soforthilfe beantragt – erreicht sie ein unerwarteter Auftrag, der ihren Liquiditätsengpass verkleinert. In den nächsten Monaten folgen nur wenige Bestellungen. Der Verkauf von selbstgenähten Masken wirft kaum Gewinne ab. Nur die Einnahmen aus dem April bringen Langer durch das Jahr.

Weil Langer und Pflughaupt aber in den Monaten der Soforthilfe höhere Umsätze generierten als geschätzt, drohen ihnen nun Rückzahlungen. Das entspricht zwar den Richtlinien, berücksichtigt aber nicht, was danach passierte. Nach vierzehn Jahren Selbstständigkeit und zwanzig Jahren Arbeit hat Pflughaupt ihre kompletten Ersparnisse während des zweiten Lockdowns auf­gebraucht – für Mieten, Gehälter und Versicherungen. Alltägliche Kaufentscheidungen entwickeln sich mit dem Kontostand im Hinterkopf zum Dilemma: Schweinefleisch, Rindfleisch oder lieber gar kein Fleisch? Nudeln mit Pesto oder Ketchup reichten dann, erinnert sich Pflughaupt.

Krise nicht vorbei

Bis heute prägen Regeln den Ladenbetrieb: „Manche Kunden gehen zu anderen Friseuren, weil sie keine Masken oder Tests verlangen”, erzählt die Salon-Inhaberin. Dass sich die Pandemie nicht nur für sie als wirtschaftlicher Albtraum entpuppt, erfährt Pflughaupt im Austausch mit anderen Selbstständigen. Als sie sich zusammenschließen, folgen schnell erste Reaktionen. Finanzsenator Andreas Dressel lädt die Interessengemeinschaft ins Hamburger Rathaus ein, spricht mit ihnen über die Tücken des Rückmeldeverfahrens.

Drei Tage nach Ladenöffnung mussten die Schwestern von „Faire Fritzi“ in den Lockdown. Wie Pflughaupt beantragten sie damals die Corona-Soforthilfe. Foto: Rainer Wiemers

Pflughaupt ist vom Ergebnis enttäuscht. Auch wenn sich Dressel Hausaufgaben mitnimmt, mit Behörden über strukturelle Probleme sprechen und im Austausch bleiben will, steht fest: Die Richtlinien lassen sich im Nachhinein nicht ändern, der Prozess nicht stoppen. „Ich habe keine Schublade, wo plötzlich 25.000 Euro liegen”, sagt die Friseurmeisterin und fürchtet, mehrere Jahre für solch eine Summe sparen zu müssen. Ein Trost: Dressel verlängert die Stundung von zunächst April auf Ende Dezember 2022. Danach könnten Ratenzahlungs-Vereinbarungen von zwölf bis 24 Monaten wirken. Man wolle, den Zeitraum so verträglich wie möglich zu gestalten, heißt es auf Nachfrage.

Kleinunternehmerinnen und Selbstständige wollen laut bleiben

Ob und inwieweit das reicht, werden die kommenden Monate – vielleicht auch Jahre – zeigen. Bis dahin, aber auch darüber hinaus wollen die Kleinunternehmerinnen und Solo-Selbstständigen aus Eimsbüttel ihre Stimmen an einem Tisch zusammenbringen. Dass sie mit ihrem Entschluss nicht alleine sind, machen andere Branchen vor: Anfang November haben sich Kulturschaffende im offenen Bündnis „Koalition Kultur- und Kreativwirtschaft in Deutschland (k3d)“ zusammengeschlossen. Sie fordern unter anderem, die Wiederbelebung der Kultur- und Kreativwirtschaft nach der Krise zu fördern. Ihr Ziel: gemeinsame Anliegen bündeln. Gemeinsam überleben.

In der Telemannstraße ist es derweil Nacht geworden. Pflughaupt trinkt den letzten Schluck ihrer Cola. Die Aufregung der letzten Stunden scheint verflogen: Die Stimmen sind leiser, die Sätze kürzer geworden. „Ich bin fertig”, sagt Langer auf dem Weg zur Tür. Sechs-Tage-Wochen und kein Urlaub machen ihr zu schaffen. Ihre Müdigkeit stößt auf verständnisvolles Nicken. Doch auch wenn sie sich nach Ruhe sehnen, wollen sie laut bleiben, damit keiner von ihnen geräuschlos verschwindet. Ob hier in der Telemannstraße 21 oder an einem anderen Tisch in Eimsbüttel, sie treffen sich wieder und sie machen ­weiter.

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