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Dagmar Prüter an Kasse 8: Seit fast zwanzig Jahren arbeitet die Eimsbüttelerin im Edeka Niemerszein an der Osterstraße. Foto: Johanna Grabert
Magazin #20

Lebensweisheiten von Kasse 8

Nach Corona-bedingter Pause ist sie zurück: Dagmar Prüter ist 79 Jahre alt und arbeitet seit 19 Jahren als Kassiererin in der Osterstraße. Geschichten einer Eimsbütteler Berühmtheit.

Von Johanna Grabert

Unser Sonnenschein ist wieder da!”, freut sich eine junge Frau an der hintersten Kasse bei Edeka Niemerszein. Schon von weitem leuchtet ihr weißer Haarschopf unverkennbar: Es ist Frau Prüter – sie ist zurück. Und die Kunden begrüßen sie strahlend.

Dagmar Prüter ist die wohl bekannteste Kassiererin Eimsbüttels. Die 79-Jährige arbeitet seit 19 Jahren als Aushilfe in dem Edeka nahe der U-Bahn Osterstraße. Bei der Arbeit trägt sie stets eine gestreifte Bluse, darüber eine dunkle Weste. Die schwarze Brille locker auf der Nasenspitze, das Brillenband hängt um ihren Hals. Mit ihrer fröhlichen und lustigen Art hat sie sich in die Herzen der Eimsbütteler geschnackt. Viele Kunden nennen sie liebevoll Daggi.

„Wie im Gefängnis”

Im Februar erkrankte Prüter an einer Grippe. In ihrem Alter gehört sie zur Corona-Risikogruppe, und so verzögerte sich ihre Rückkehr um viele Monate. „Das war vielleicht ‘ne Strafe. Ich habe mich gefühlt wie im Gefängnis”, erzählt sie und tappt mit ihren lackierten Fingernägeln auf dem Tisch. Sie habe sich gut beschäftigen können: mit Handarbeiten, malen, spielen. Aber direkte Kontakte fehlten ihr furchtbar. Umso mehr freute sie sich über zahlreiche Anrufe: Kunden boten an, für sie einzukaufen. Doch den einen Tag außer Haus ließ sie sich nicht nehmen.

Auf der Straße und im Supermarkt traf sie Kunden und Kollegen. „Frau Prüter”, fragten sie, „wann kommen Sie endlich wieder?” Eigentlich sollte sie erst zurückkommen, wenn Normalität eingekehrt ist – aber das dauerte ihr dann doch zu lange. Dank der Hygienemaßnahmen hatte sie keine Angst, sich zu infizieren, fragte bei ihren Vorgesetzten nach. „Am Ende knuddelst du wieder die Kunden”, sorgte sich ihre Chefin. Doch im Juni kehrte Dagmar Prüter zurück in den kleinen Raum hinter Kasse 8. „Endlich frei!”, beschreibt sie das Gefühl bei ihrer Rückkehr.

Ein Autogramm von Frau Prüter

Drei Paare haben sich schon an ihrer Kasse kennengelernt. Ein Kunde, ein Theologieprofessor, widmete ihr sogar sein Buch. Entgegen hanseatischer Klischees sind die Eimsbütteler an ihrer Kasse kein bisschen wortkarg. Man scherzt und lacht. So mancher schüttet ihr sein Herz aus. Momentan erzählen viele ältere Menschen, wie sie unter der Corona-Krise leiden. Erst am Morgen klagte eine Dame: „Ich bin so alleine.” Prüter rät zu positivem Denken: „Lachen, lachen, lachen – das ist die beste Medizin für alles.”

Manchmal beschwert sich jemand, die 79-Jährige würde nicht schnell genug arbeiten. „Das kümmert mich nicht”, erklärt sie bestimmt. Solche Kunden könnten an eine andere Kasse gehen. Ihre Fans sind in der Überzahl. Eine Kundin erzählt, dass Daggis Autogrammkarte bei ihr in der Küche hänge: Ihr Gesicht mache sie morgens glücklich. Da ist sie nicht die einzige. Etwa 4.500 Autogrammkarten hat die Kassiererin schon verteilt.

Foto: Johanna Grabert

Prüters Ausstrahlung ist keine Alterserscheinung: Schon ihre Chefin in der Lehre für Damenmode fand, dass ein Tag, der mit Daggis Anblick beginnt, ein guter sei. „Ein größeres Kompliment kann man nicht kriegen”, lacht die Verkäuferin.

Nach der Lehre arbeitete sie in einem Geschäft für Herrenmode am Jungfernstieg. Auf einen Abstecher in die Arbeit mit Versicherungsschäden folgten viele Jahre als Geschäftsführerin eines Strickwarengeschäfts in Eimsbüttel. Als es zu Lieferschwierigkeiten kam, entschied sie, den Laden aufzugeben. Sie bat ihre Nachbarin beim Supermarkt nachzufragen, ob sie dort arbeiten könne. „Ist sie lustig?”, wollte Inhaber Volker Wiem wissen. Schon war Dagmar Prüter Teil des Teams.

Mit ihren Chefs, Andrea und Volker Wiem, ist Prüter mittlerweile gut befreundet. Sie teilen viele gemeinsame Geschichten. Als Daggi zum Beispiel 2018 zur SWR-Fernsehshow „Sag die Wahrheit” eingeladen war, rannte ihr Chef am Morgen des Auftritts durch halb Baden-Baden, um Haarspray zu besorgen. Zum Schluss saß Prüters Haarwelle wie gewohnt – der Abend war gerettet.

Eimsbütteler Berühmtheit

Autogramme, Fernsehauftritte – Dagmar Prüter ist eine kleine Berühmtheit. Eines Tages rief ihre Tochter an. „Das darf ja wohl nicht wahr sein”, habe sie in den Hörer gerufen. Sie hatte im Wartezimmer durch eine Zeitschrift geblättert und darin ihre Mutter entdeckt. Daggi lächelte ihr von einem Foto mit dem ehemaligen Profi-Fußballer und jetzigen HSV-Präsidenten Marcell Jansen entgegen.

Dagmar Prüter untermalt ihre Geschichten mit lebhafter Betonung und großen Gesten. Während sie erzählt, schweift ihr Blick ruhelos umher, als würde das Erlebte an ihrem inneren Auge vorbeiziehen. Immer wieder erhaschen ihre Augen ein bekanntes Gesicht. Dann breitet sich blitzschnell ein großes Lächeln auf ihrem Gesicht aus und sie streckt den Arm, um zu winken. „Hallo Till!”, ruft sie durch die Fensterscheibe jemandem zu, der gerade vorbeiläuft.

So lange sie es gesundheitlich schafft, will Prüter weiter kassieren. Volker Wiem scherzt, dass die beiden zusammen in Rente gehen. Dann wäre sie über 90 Jahre alt. „Mal sehen”, lacht Dagmar Prüter. Sie wirft einer Kundin zum Abschied eine Kusshand zu. Dann nimmt sie ihren Rollator und geht nach Hause in Richtung Feierabend.

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