Das Buchholzer-Dreieck an der Kieler Straße
Ehepaar Buchholz im Lichte ihres ganzes Stolzes. Foto: Holger Vogel
Camping im Winter

Das Buchholzer-Dreieck an der Kieler Straße

Wenige Meter von der Kieler Straße entfernt liegt “Camping Buchholz”. Ungeachtet des rauschenden Verkehrslärms der sechs-spurigen Bundesstraße, der nahen Autobahn A7 und dröhnender Flugzeuge am Himmel fühlen sich die Gäste dort pudelwohl. Text und Fotos: Holger Vogel

Reno Buchholz schüttelt den Kopf. “Wenn ich Urlaub mache, dann im Hotel und nicht auf dem Campingplatz.” Buchholz, schütteres, braunes Haar, spitzbübisches Lächeln, steht nicht im Verdacht, mit goldenen Gabeln zu essen. Trotzdem: Auch im Urlaub noch Camping, das muss nicht sein, meint der Besitzer des Campingplatzes “Camping Buchholz” an der Kieler Straße.

Ein Familienbetrieb, den der 42-Jährige zusammen mit seiner Frau Bianca führt. In vierter Generation. Nachvollziehbar, dass Buchholz im Urlaub ein heimeliges Hotel bevorzugt und nicht ein zugiges Zelt.

Männer in Bademäntel

Dieses Jahr feiert “Camping Buchholz” seinen 60. Geburtstag. Jetzt kann der Inhaber die Jubiläums-Plakette mit der goldenen 50 an der Einfahrt des Platzes abmachen und gegen eine Plakette mit einer 60 drauf tauschen.

Langsam dämmert es an diesem vierten Adventssonntag. Gegen 8 Uhr erwacht der Campingplatz. Morgendlich grüßt das Murmeltier: Männer in Bademänteln und Badelatschen schluffen zum Duschraum gegenüber der Rezeption; den Kulturbeutel in der Hand, das Handtuch über der Schulter.

Die Camper duschen sich die Müdigkeit aus den Gliedern. “Obwohl es im Winter weniger Kandidaten gibt, die nach einer Kieznacht den Fischmarkt besuchen und sich ein Schlafdefizit einfangen”, berichtet Buchholz.

Werder-Fan auf HSV-Terrain

Reinhold Sternberg war nicht auf dem Fischmarkt, sieht im Nieselregen aber ein bisschen so aus. Zusammen mit seiner Frau genießt er die Jungfernfahrt mit seinem neuen Wohnmobil. Den Campingplatz hat er im Internet gefunden: “Der Platz ist total korrekt. Die Duschen sind super und sauber”, lobt der Werder-Bremen-Fan aus der Nähe von Delmenhorst.

Selten habe er so gut geschlafen wie in dieser Nacht im Wohnmobil, obwohl es nur einen Einwurf weit vom verfeindeten Hamburger Volksparkstadion parkt. “Wir haben gleich nochmal gebucht. Zu den Harley Days kommen wir wieder.”

Begeistert vom freundlichen Personal

Eine kurze Zufahrt links neben dem Haus an der Kieler Straße 374 führt hinein ins Camperglück. Umgeben von Pappeln, Buchen und Wohnhäusern liegt dort das 3000 Quadratmeter große Areal. Eine geteerte Straße in der Mitte, von der rechts und links die Stellplätze abgehen.

Die Parzellen sind durch gelbe Baustellenlampen und kleine Heckenbäumchen markiert. Ein Kleinod für die letzten Abenteurer dieser Zeit, die alle begeistert sind von der stadtnahen Lage des Platzes, von der vortrefflichen Verkehrsanbindung mit Bus und Bahn und vom freundlichen Personal.

“Die Stellplätze sind zu klein.”

Großzügig überhören sie das Rauschen der stark befahrenen, sechsspurigen Kieler Straße und stören sich nicht daran, dass Flugzeuge tief am Himmel über Stellingen fliegen. Eine Kritik hagelt es allerdings oft: “Die Stellplätze sind zu klein.”

Mit dieser Kritik kann Reno Buchholz leben, gewinnt ihr Positives ab: “So lernen sich die Gäste zwangsläufig besser kennen und kommen schnell ins Gespräch.”

1000 Kilometer Anfahrt zum Einkaufen

Eine Prise Freiheit und Abenteuer weht an diesem schmuddeligen Adventssonntag über den Platz – aber kein Heiliger Geist. “Die meisten meiner Gäste flüchten vor Weihnachten. Einen Adventskranz findet man hier wohl nicht”, gewährt Buchholz Einblick in das Seelenleben seiner rastlosen Gäste.

Eine davon ist Valeska. Sie kommt aus der Nähe von Frankfurt am Main und ist rund 500 Kilometer mit ihrem Dethleff-Wohnmobil gen Norden gefahren. Macht hin und zurück 1000 Kilometer. In Hamburg hat sie nur geshoppt. “Ganz schön bescheuert”, findet sie selbst und streichelt ihren siebenmonatigen Stitch. Eine Französische Dogge, die sie langsam ans raue Camperleben gewöhnt.

“Mit dem Wohnmobil bin ich frei”

Rund 10.000 Kilometer reißt die 39-Jährige im Jahr ab. “Mit dem Wohnmobil bin ich frei, kann machen, was ich will”, bekräftigt sie mit ihrer kecken Bommelmütze. In vier Jahren wird ihr Wohnmobil 30 Jahre alt, bekommt das lang ersehnte “H” aufs Kennzeichen.

Sie redet darüber wie über den runden Geburtstag des besten Freundes. Als sie den Kopf durch die halb geöffnete Tür ihres Dethleff steckt, fragt ihr Stellplatz-Nachbar, ob sie einen Kaffee möchte. Keiner campt alleine.

Schon das Fernsehen berichtete

Reno Buchholz weiß, dass sein Campingplatz außergewöhnlich, vielleicht einzigartig ist. Viele TV-Sender waren da. Regionale und überregionale Zeitungen trugen die Faszination “Camping Buchholz” ins Land. Eine Faszination, die Reno und Bianca täglich erfahren.

“Gerade im Sommer geht es multikulti zu: Japan, Kanada, Skandinavien, Australien. Die Gäste kommen aus der ganzen Welt”, schwärmt die 36-Jährige. Im Winter sei es ruhiger, aber nicht langweilig.

Multikulti aus dem Wok

Ihr Mann erinnert sich gut an Chinesen, die ihren Wok rausholten und landestypisches Essen zubereiteten. “Direkt aus dem Kiesbett”, so der Inhaber, der sich bewusst ist, dass es bei ihm auf dem Platz anders zugeht als auf einem Platz für Dauercamper an der Ostsee.

Bei “Camping Buchholz” gehe es nicht um die Fragen: Wer campt länger hier? Wer hat mehr Rechte? Wer steckt wie sein Gebiet ab? “Unsere Klientel ist auf der Durchreise, längst nicht so verbohrt wie viele Dauercamper.” Auf die Frage, ob es mal richtig Ärger unter den Campern gegeben habe, schütteln beide energisch den Kopf.

Die Richtung führt zum Ziel

Valeskas Nachbar mit dem Kaffee heißt Boris Wöltjen. Der Bremer gehört wie die Hessin zur Gruppe “Dethleffs Oldtimer”. Eine Clique von Wohnmobil-Enthusiasten aus der ganzen Republik, meistens im Modell Globetrotter unterwegs.

Alle paar Wochen treffen sie sich am gemeinsamen Reiseziel. Verbunden durch die Leidenschaft für das Campen, in Kontakt über Whatsapp und Facebook. Wenn Wöltjen am Freitag von der Arbeit kommt, weiß er meist nicht, wo er Samstag aufwachen wird.

In den Bergen oder an der See – alles ist möglich. “Ich fahre einfach los. Die Richtung kenne ich grob. Wo es schön ist, halte ich an.” Zweimal im Monat verfahre er so, berichtet der 42-Jährige.

Der Campingplatz war mal eine Gärtnerei

Hamburg zwölf Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg. Die kleine Gärtnerei an der Kieler Straße liegt immer noch in Schutt und Asche. Das Geschäft mit Blumen und Obst läuft schlecht. Da fällt Inhaber Heinz Buchholz eine Entscheidung, die die ganze Familiengeschichte revolutioniert.

Der Uropa von Reno Buchholz sattelt um: von der Gärtnerei auf einen Campingplatz. “Eine glorreiche Idee”, sagt Urenkel Reno fast sechs Jahrzehnte später. Stets und stetig mausert sich der Campingplatz. Die Zahl der Übernachtungen steigt, das Areal wird größer.

All you can eat Frühstück

Meist schlafen die Gäste Ende der 1950er Jahre in Zelten, das Geld reicht nicht für einen Wohnwagen oder gar ein Wohnmobil. “Mein Urgroßvater hat jedem noch eine Schippe Heu ins Zelt gehauen. Damit die Gäste weicher liegen.” Bescheidener Luxus vor dem Wirtschaftswunder. Es gebe sogar noch heute Gäste aus der Schweiz, die damals schon dabei waren.

Die Zeiten, da in den 1970ern morgens 200 Brötchen geliefert wurden und die Industriekaffeemaschinen röchelten und ächzten, sind passé. Die meisten Camper versorgen sich selbst. Oder sie holen sich ihre Brötchen an der Rezeption ab.

Es gibt noch ein Frühstücksbuffet für 5,80 Euro pro Gast. All you can eat. Früher beherbergte die Rezeption eine Schankwirtschaft. Bis 24 Uhr ging es hoch her an der Kieler Straße. Alles Geschichte.

Ein Nachtwächter bewacht die Wagen

Am Samstagabend, dem Vorabend des vierten Advents, sind bis auf einen letzten Mohikaner alle Camper ausgeschwärmt, erkunden Hamburg. Die Wohnmobile schlafen auf ihren knapp 25 Quadratmeter großen Stellplätzen – verlassen, verdunkelt und verriegelt.

Nur in einem Wagen brennt noch Licht. Als sich die Wohnmobiltür öffnet, wabert Musik von Jimi Hendrix aus den Boxen. Peter Wächter aus Amberg in der Oberpfalz hält seinem Namen gehorchend die Wacht über den Campingplatz, denn auch Reno Buchholz hat um 20 Uhr Feierabend gemacht.

“Hamburg ist irre”

Mit der unqualifizierten Frage, ob die Oberpfalz zu Bayern oder Rheinland-Pfalz gehöre, ist das Gespräch fast schon zu Ende, bevor es überhaupt begonnen hat. “Tiefstes Bayern”, knarzt er mit bajuwarischem Zungenschlag.

Wegen des Berufs sei er hier und bleibe vielleicht noch zwei Monate. Möglicherweise auf diesem Campingplatz. Der Softwareentwickler antwortet kurz und präzise, nimmt kein Wort mehr in den Mund als nötig.

Mangels Alternativen campe er auf diesem Platz. Vor ihm auf dem Tisch flackert ein Computermonitor. “Hamburg ist irre”, fährt er fort. Als Musikfan würde er am Liebsten zweimal in der Woche auf eines der zahlreichen Konzerte gehen.

Nur die “schlechten Radwege” in der Hansestadt stören den bekennenden Radler. Ende des Gesprächs. Er schließt die Tür und hört wieder Jimi Hendrix.

Sultan putzt jeden zweiten Tag

Unterstützt wird das Ehepaar Buchholz von Tante Rosemarie, die sich um die Büroarbeiten kümmert “und das richtig gut macht”, loben der Neffe und Chef. Sie habe das Auge und die nötige Ruhe. Mit zum Team gehört auch Sultan aus Afghanistan, der jeden zweiten Tag gründlich putzt. “Unsere Perle”, nennt ihn Reno. Sultan heiße wirklich Sultan.

In einer anderen Angelegenheit steht der Inhaber vor einem Rätsel: In neun von zehn Fällen komme die Frau zur Anmeldung in die Rezeption. Die Männer würden inzwischen brav und geduldig im Wagen warten. “Wahrscheinlich müssen sie sich auf das Einparken konzentrieren”, lächelt er und wird wieder zum Spitzbuben.

Alles ein Abwasch

Dass Abwaschen richtig Spaß macht und nicht zwangsläufig Spülhände verursacht, zeigen Annette Weber und ihr Partner Gerd Kiwitt vor den drei Spülbecken im Abwaschraum. Der Abwaschraum heißt so, weil man genau dort das dreckige Geschirr abwaschen kann.

Das Paar aus Osnabrück albert herum wie kleine Kinder, bis sie ihn ermahnt: “Pass´ auf! Sonst geht der Teller noch kaputt.” Spülmaschine ist spießig. Bei Campern ist Handwäsche hip.

Die Nutzung des Raumes mit den monotonen grauen Fliesen ist inbegriffen im Preis von 29 Euro für die Übernachtung von zwei Personen auf einem Stellplatz. Wie auch Wlan, die Entsorgung des Inhalts der Chemietoilette und die heiße Dusche inklusive sind.

Strom kostet extra

Strom am Stellplatz kostet vier Euro pro Tag oben drauf. Die beiden hatten ein tolles Wochenende, waren bei der “Night of the Proms” mit den Simple Minds, haben sich Hamburg angeschaut.

“Man ist so frei, muss sich keine Wohnung suchen, kann dort stehen, wo Platz ist”, schwärmt Annette Weber, die spät durch ihren Partner zum Campen gekommen ist, es schnell schätzen und lieben gelernt hat. Noch abtrocknen und dann geht es gut gelaunt die A1 runter nach Osnabrück.

Auf dem Campingplatz kennengelernt

Bianca und Reno Buchholz sind seit zehn Jahren verheiratet. Seit zweieinhalb Jahren führen die beiden den Campingplatz mit und in ihrem Namen. Die Frage liegt nahe, ob sie sich beim Campen kennengelernt haben? Sie verneinen.

Als Reno kurz die Rezeption verlässt, packt Bianca die Gelegenheit beim Schopf und aus: “Doch, wir haben uns auf einem Campingplatz kennengelernt! In Ammersbek hatten meine Großeltern einen Dauerplatz, und er war Gast.” Campen war damals unter den frisch Verliebten kein Gesprächsthema.

“Wir waren jung und hatten anderes im Sinn“, sagt sie vielsagend. Diesmal lächelt sie spitzbübisch. Erst nach und nach habe sie sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, ihren Mann auf dessen eigenen Campingplatz zu unterstützen.

Er arbeitete als Rettungsschwimmer

Dieser erinnert sich genauer an die ersten Begegnungen der beiden. Er habe als Rettungsschwimmer die Aufsicht am Bredenbeker Teich gehabt. “Dort habe ich auf dem Campingplatz übernachtet, wenn ich keine Lust mehr hatte, nach der Arbeit nach Hause zu fahren.”

Sohn und Stammhalter Collin ist jetzt elf. Er macht sich gut im Geschäftsbetrieb, kann schon Rechnungen schreiben, Brötchen aufbacken und den Gästen erklären, wie sie zu Hagenbecks Tierpark kommen.

Sie sollen zelten 100 Jahre lang

Die Eltern wünschen sich, dass Collin irgendwann einmal den Campingplatz an der Kieler Straße übernimmt. “Er muss es nicht. Wenn Collin möchte, kann er sich erst ganz woanders ausprobieren und austoben.”

Wie Reno, der als Junge quasi auf dem Campingplatz aufwuchs und dann als Rettungsschwimmer, Bademeister und selbstständiger Händler arbeitete, bevor er vor zweieinhalb Jahren den Schlüssel zum Campingplatz an der Kieler Straße in die Hand nahm.

Dann wird Reno ernst. Kein Spitzbuben-Lächeln mehr, als er einen anscheinend großen Wunsch äußert: “Die 100 Jahre Camping Buchholz wollen wir doch gerne voll machen.” Bianca nickt. Spätestens dann wäre wieder eine goldene Plakette an der Zufahrt fällig.

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