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Der Zuhörkiosk an der U-Bahnstation Emilienstraße.
FOTO: Vanessa Leitschuh
Eimsbütteler Untergrund

Zuhör-Kiosk: Die im Glashaus sitzen

Während die meisten Gespräche im Untergrund wohl eher oberflächlich bleiben, ist dieser Kiosk ein Ort, der tiefer geht. Hier schenken Zuhörer Besuchern ein Ohr.

Von Vanessa Leitschuh

Nächster Halt: Emilienstraße. Ausstieg: Zuhör-Kiosk

Zwei Fremde kommen auf einem Bahnsteig ins Gespräch. Die Unterhaltung geht schnell über eine Plauderei hinaus. Einer der beiden erzählt von persönlichen Anliegen und alltäglichen Kämpfen. Sein Gegenüber versteht, fühlt mit und reagiert, als würden sich die beiden seit langer Zeit kennen. Eineinhalb Stunden sind schnell vergangen. Sie verabschieden sich – und sehen sich wahrscheinlich nie wieder.

Ein seltenes Aufeinandertreffen? Nicht auf dem Bahnsteig der U-Bahnstation Emilienstraße. Denn hier sitzt das Ohr von Eimsbüttel. Was eigentlich eine Schreibstube für den Drehbuchautoren Christoph Busch sein sollte, verwandelte sich schnell zum ersten Zuhör-Kiosk Deutschlands.

In einer Ecke des Glashauses stehen sich zwei Klappstühle gegenüber, grüne Samtvorhänge wehren Blicke von außen ab. Hier darf jeder Platz nehmen und loswerden, was ihm gerade auf der Zunge liegt. Meist liegt es aber tiefer, auf dem Herzen.

Ein Sammelsurium

Im Kiosk fallen die vielen Kleinigkeiten auf, die sich angesammelt haben: Fotografien, Malereien, kleine Stehrumchen. Ein selbstgemaltes Bild einer 85-jährigen Besucherin wünscht alles Gute für das neue Jahr. Am Ende eines jeden Jahres bringt sie eine neue Zeichnung mit guten Wünschen vorbei. Ein Kiosk-Modell im Kiosk steht neben einem Gandhi-Salzstreuer, den Christoph Busch aus England mitbrachte. Es wirkt schlicht, ein wenig improvisiert. Ein Sammelsurium: Verschiedene Dinge, die sich mehr oder weniger zufällig beieinander finden. Genau wie die Menschen und Lebensgeschichten, die hier aufeinandertreffen.

Ganz zu Beginn, als der Kiosk neu und die Finanzierung unsicher war, klopfte eine ältere Frau an die Glasscheibe. Sie hielt einen Kuvert mit dreihundert Euro in der Hand und schenkte Christoph Busch damit eine Monatsmiete. Foto: Vanessa Leitschuh

Auch bei der Entstehung des Kiosks schrieb der Zufall die ein oder andere Zeile ins Skript: 2017 wird Busch auf den leerstehenden Kiosk aufmerksam und meldet sich bei der Hochbahn. Er will dort einen Roman schreiben. Als sich der Autor im Hamburger Untergrund einrichtet, hängt er auch ein Plakat auf: „Ich höre zu! Eine Geschichte oder nur einen Satz. Erlebnisse oder Wünsche. Glück oder Unglück.” Die Idee des offenen Ohres stößt auf Gehör. „Zuhören? Das macht heute ja keiner mehr”, sagen Passanten zu ihm. Nach nur drei Tagen nimmt Busch seinen Laptop nicht mehr mit und hört zu, statt zu schreiben. Der Zuhör-Kiosk wird so bekannt, dass die Menschen an manchen Tagen Schlange stehen.

Helfende Ohren

Im Sommer 2018 merkt Christoph Busch, dass er Helfer braucht, um das Projekt weiter stemmen zu können. Die ersten helfenden Ohren lernt er über einen benachbarten Pastor kennen, und so beginnt die Gruppe an Zuhörern langsam zu wachsen.

Heute sind 14 Ehrenamtliche Teil des Projekts, und der Zuhör-Kiosk kann feste Öffnungszeiten einhalten. Lehrer, Musiker, Spieleentwickler, eine Pastorin, zwei Coaches – die Gruppe ist bunt. Was sie gemeinsam haben: Sie wissen, warum sie zuhören. „Hier dürfen nur Menschen sitzen, die wissen, was sie selbst davon haben”, erklärt Busch. „Nur dann hast du einen ehrlichen Antrieb.” Wenn ein Gespräch auch beim Zuhörenden Gefühle und Gedanken weckt, sei es für beide Seiten wertvoll. Nur wer das zulässt, kann so reagieren, wie auch ein guter Freund antworten würde, sagt Busch.

Wenn die Ohren erzählen

Dabei gehört zu den Grundsätzen im Kiosk: Das Gespräch ist so vertraulich, wie die Gäste es wünschen – nicht mal einen Namen müssen sie nennen. Von jungen Abiturienten, die über elterlichen Druck klagen, bis zur Rentnerin in einer Ehekrise: Oft sind es die traurigen Geschichten, die in dem Kiosk zu Wort kommen. „Die Menschen kämpfen zum Teil seit ihrer Kindheit, um einen Platz im Leben zu finden”, erzählt Busch. Aber die, die den Mut fassen und von ihren Kämpfen erzählen, kommen in den Kiosk, um etwas für sich selbst zu tun. Weil es hilft, darüber zu reden. Das beruhigt den Gründer des Zuhör-Kiosks.

Etwa alle zwei Monate sitzen Eimsbüttels Zuhörer dann zusammen und erzählen selbst von ihren wichtigsten Erlebnissen. „Dabei merkt man erst, wie unterschiedlich die Geschichten und wie verschieden unsere Ohren sind”, erklärt Busch. „Das ist unheimlich schön.” Um das Projekt weiterführen zu können, hofft die Gruppe, einen gemeinnützigen Verein gründen zu können.

Am Ende des Abends bleibt ein Passant vor der Scheibe stehen. Laut Öffnungszeiten ist der Kiosk seit über einer Stunde geschlossen. „Ich wollte schon lange mal sagen, wie toll ich die Idee finde”, sagt der Mann zu Christoph Busch. „Danke”, antwortet das Ohr von Eimsbüttel. „Kommen Sie doch rein.”

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