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Die Liverbrids auf der Bühne im Hamburger Star Club. Foto: Privatarchiv Mary Dostal
Die Liverbrids auf der Bühne im Hamburger "Star Club". Foto: Privatarchiv Mary Dostal
Eimsbütteler Geschichte

Girls, die Gitarre spielen

Als Rockmusik in den frühen 60ern noch jung, aber schon wild ist, sind die „Liverbirds” die erste rein weibliche Gitarrenband. Die vier Frauen erobern den Hamburger Star Club im Sturm und hätten so groß werden können wie die Beatles. Hätten. Denn es passiert das, was man einfach „das Leben” nennt.

Von Christiane Tauer

Mary Dostal muss ein wenig kichern. Einige ihrer Nachbarn hätten ja erst vor Kurzem erfahren, wer da im feinen Harvestehude seit Jahren neben ihnen wohnt. Ein Mitglied der Liverbirds? Ein echtes Rock’n’Roll-Girl, umjubelt von Fans und einstmals beste Joint-Dreherin von ganz Hamburg? Schwer vorstellbar, wenn man die zierliche 76-Jährige heute sieht. Und doch ist da dieses Blitzen in den Augen, das einen ahnen lässt: Diese Frau hat eine besondere Geschichte zu erzählen.

„Wir waren elektrisiert“

Es ist eine Geschichte, die im legendären Cavern Club ihren Anfang nimmt – dem Ort in Liverpool, der als Geburtsstätte der Beatmusik gilt und die Beatles in 292 Auftritten groß machte. Mary Dostal, damals noch Mary McGlory, ist 1962 gerade 16 Jahre alt, als sie dort gemeinsam mit ihren Cousinen das erste Mal die Beatles sieht. „Wir waren elektrisiert und haben gesagt ‚Das machen wir auch’!”

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Die Mädchen ziehen los, kaufen Gitarren und stellen fest: Wir können ja gar nicht spielen. Doch das schert sie wenig. Mit den Gitarrenkoffern in der Hand schummeln sie sich fortan an den Warteschlangen vor dem Club vorbei und behaupten dreist: „Wir sind die Band.” Das ist zwar glatt gelogen, dafür sind sie als The Squaws – so ihr Bandname – endlich Teil der coolen Cavern-Clique.

„Irgendwann konnten wir uns aber nicht mehr vor einem Auftritt drücken”, erinnert sich Mary Dostal. Um sich nicht zu blamieren, fangen sie und ihre Cousine Sheila an, ernsthaft zu üben – und finden in Valerie Gell und Sylvia Saunders professionelle Unterstützung. „Valerie und Sylvia hatten von uns gelesen und wollten mitmachen.” Als schließlich mit Pamela Birch eine weitere richtige Musikerin zur Gruppe stößt und ihre Cousine ersetzt, ist das Quartett perfekt: Pamela und Valerie singen und spielen Gitarre, Mary spielt Bass und Sylvia geht ans Schlagzeug.

„Girls don’t play guitars“

Fehlt nur noch ein Bandname. Der Liver Bird auf dem Turm des Royal Liver Building, Liverpools Wahrzeichen, wird ihre Inspiration. Und weil man Mädchen in Liverpool damals nicht chicks, sondern birds nennt, passt The Liverbirds umso besser. Dem Durchbruch von „Liverpools first female rock’n’roll band” steht nichts mehr im Weg.

Die vier Liverbrirds gemeinsam in den 1960er Jahren. Foto: Privatarchiv Mary Dostal
Die vier Liverbrirds gemeinsam in den 1960er Jahren. Foto: Privatarchiv Mary Dostal

Die Liverbirds – ausgesprochen Laiverbirds – touren als kleine feminine Sensation durch ganz England und spielen sogar mit den Rolling Stones. Ihr Musikstil ist ähnlich rau, die Stimmen von Pamela und Valerie für Frauen ungewöhnlich brüchig und tief. Sie sind nicht die süßen Mädels und lassen sich auch von einem Satz wie „Girls don’t play guitars” nicht einschüchtern. Den sagt John Lennon tatsächlich zu ihnen, als er sie im Cavern Club zum ersten Mal spielen sieht, während Paul McCartney nur ein müdes Lächeln für sie übrig hat.

Von Liverpool nach Hamburg

Doch denen sollten sie es zeigen. Die Liverbirds machen den nächsten Schritt, werden 1964 von Henry Henroid für den Hamburger Star Club verpflichtet – dem damaligen Olymp der Musikszene. Doch es gibt ein Problem: Sylvia ist noch nicht volljährig. Zwar erlauben ihre Eltern die Tour nach Hamburg, dennoch greift der Jugendschutz. „Sie durfte offiziell nur von 21 bis 21:45 Uhr spielen”, erinnert sich Mary Dostal. „Dann kam die Polizei und brachte sie ins Hotel Pacific, wo wir untergebracht waren.” Natürlich macht sich Sylvia umgehend heimlich auf den Rückweg – Rock’n’Roll Lifestyle eben.

Für die vier Teenager ist Hamburg trotz ihrer Abenteuerlust ein hartes Pflaster. Die Reeperbahn mit ihrer grellen Sex-Werbung schockiert sie. Und weil im Star Club Alkohol ausgeschenkt wird, sorgt das für eine Stimmung, die sie aus dem Cavern nicht kennen – „dort gab es keinen Alkohol, das ist vielen gar nicht mehr bewusst”. Hätten ihre streng katholischen Eltern all das gewusst, sie hätten ihr den Trip nach Hamburg nicht erlaubt.

Aus sechs Wochen werden mehrere Jahre

Doch nun sind die Mädchen an der Elbe und werden von ihren Fans gefeiert. Zum musikalischen Erfolg muss auch ein neues, cooles Image her – Röcke passen definitiv nicht dazu. Keine Geringere als die Eimsbüttelerin Astrid Kirchherr, die schon für das Pilzkopf-Styling der Beatles verantwortlich zeichnete, verordnet ihnen Hosen und Herrenwesten. Mit dem für Frauen damals ungewöhnlichen Outfit ziehen sie auf der Mönckebergstraße schiefe Blicke auf sich, doch das ignorieren die vier.

Hosen, Hemden und Krawatten sind das Markenzeichen der Liverbrids. Astrid Kirchherr hat das Styling kreiert. Foto: Privatarchiv Mary Dostal
Hosen, Hemden und Krawatten sind das Markenzeichen der Liverbrids. Astrid Kirchherr hat das Styling kreiert. Foto: Privatarchiv Mary Dostal

Aus den ursprünglich geplanten sechs Wochen in Hamburg werden mehrere Jahre, die Liverbirds nehmen Alben auf, veröffentlichen Singles wie „Peanut Butter” oder eine Coverversion von Bo Diddleys „Diddley Daddy”, mit der sie 1965 auf Platz 5 der deutschen Charts steigen. Sie treten in der allerersten Sendung des legendären Beat Club von Radio Bremen am 25. September 1965 auf und touren durch ganz Deutschland.

Der Hochpunkt der Liverbrids

Ihr Leben ist wie ein Traum, frei und wild. Nach den Auftritten im Star Club, die bis in den frühen Morgen gehen, fahren die Mädchen mit Jungs, die sie im Club kennengelernt haben, an die Ostsee. Sie treffen andere, prominente Musiker, einmal kommt sogar Jimi Hendrix vorbei und fragt, wo denn Mary wäre. Er hätte gehört, sie würde die besten Joints von ganz Hamburg drehen. Mary Dostal muss grinsen. „Ja, diesen Ruf hatte ich tatsächlich.” Sie betont aber, dass sie nur gedreht und nicht geraucht habe. „Ich hab’s einmal probiert und dann gelassen, es war einfach nichts für mich.” Auch vom damals in Musikerkreisen gängigen Aufputschmittel Captagon lässt Mary rasch die Finger, anders als etwa Pamela Birch. Erste Schatten ziehen am bislang sonnigen Liverbirds-Himmel auf.

Die Liverbrids gemeinsam am Strand. Foto: Privatarchiv Mary Dostal
Die Liverbrids gemeinsam am Strand. Foto: Privatarchiv Mary Dostal

Die letzten Züge der Band

Die Band erreicht den Zenit ihres Erfolgs – und ist zugleich am Scheideweg. Als ein Angebot kommt, in den USA auf Tour zu gehen, lehnen sie ab. Sie hätten angeblich in Las Vegas oben ohne auftreten sollen. Heute weiß Mary Dostal, dass Star-Club-Besitzer Manfred Weissleder das nur behauptet hatte, um sie in Hamburg zu halten. Eine Tour nach Japan treten sie 1968 hingegen an. Sie sollte allerdings das Ende der Band besiegeln.

Aus den Mädchen sind mittlerweile junge Frauen Anfang 20 geworden, mit neuen Lebensentwürfen. Sylvia gibt als Erste ihren Band-Ausstieg bekannt. Sie ist schwanger und schon in Japan nicht mehr dabei. Auch Valerie hört vor der Japan-Reise auf. Ihr damaliger Freund Stephane ist bei einem Autounfall am Maschener Kreuz an seinem 18. Geburtstag so schwer verunglückt, dass er querschnittsgelähmt ist. Valerie heiratet ihn trotzdem und pflegt ihn mehr als 20 Jahre bis zu seinem Tod. Sie selbst stirbt am 11. Dezember 2016.

Pamela und Mary wollen nach dem Ausstieg ihrer Freundinnen zu zweit weitermachen, spielen in Japan mit zwei Ersatzmusikerinnen und merken dann doch: Das war’s, die Luft ist raus. 1968 entscheiden sie, die Liverbirds aufzulösen.

Mary heiratet Frank Dostal, Liedtexter, Musikproduzent, Sänger der Rattles und Gründer des Ja/Nein Musikverlag. Sie bekommt zwei Kinder. Pamela kommt von den Drogen nicht los und arbeitet später als Barfrau in Eppendorf, bevor sie am 27. Oktober 2009 stirbt. Was bleibt, sind Erinnerungen an die erste weibliche Rockband der Popgeschichte, die zwar nie den ganz großen Durchbruch schafft, aber trotzdem Inspiration für unzählige Mädchen und Frauen wird, doch einfach mal selber Musik zu machen.

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