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Den Paternoster wird Torsten Sevecke nach eigenen Worten vermissen. Foto: Leo Papenberg
Bezirksamtsleiter nimmt Abschied

Sevecke: „Eimsbüttel ist wild und ungeordnet“

Kurz nach seiner Wiederwahl hat Bezirksamtsleiter Torsten Sevecke seinen Wechsel zur Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation verkündet. Im Interview erklärt der 54-Jährige, warum für ihn ein Kindheitstraum in Erfüllung geht, welche Herausforderungen auf Eimsbüttel zukommen und warum ihn Harvestehude überrascht hat.

Von Matthias Berger

Herr Sevecke, Ihr Rücktritt als Bezirksamtsleiter ist für viele überraschend gekommen. Warum haben Sie zu diesem Zeitpunkt den Entschluss gefasst, sich auf die Stelle als Leiter des Bereichs Innovations- und Strukturpolitik, Mittelstand und Hafen zu bewerben?

Diese Stelle war öffentlich ausgeschrieben, deutlich nachdem ich zur Wiederwahl stand. Ich habe mich darauf beworben, weil der Themenbereich Hafen und Innovation komplett zu mir passt. Das haben offenbar diejenigen, die die Auswahlentscheidung getroffen haben, auch so gesehen. Ich habe die Stelle ja bekommen.

Sie sagen es passt komplett zu Ihnen. Was prädestiniert Sie denn für diese Stelle?

Ich bin seit über 25 Jahren Verwaltungsbeamter in Hamburg. Ich habe die gesamte öffentliche Infrastruktur in unterschiedlichen Funktionen erlebt. Und das Herzstück der Hamburger Infrastruktur ist ohne Zweifel der Hafen – auch, was die Wirtschaftskraft der Hansestadt angeht. Und man wird auch sagen können, dass der Bereich der Zukunftstechnologien für Hamburg zunehmend an Bedeutung gewinnt. Beide zusammen passen optimal zu mir.

Welche Weichenstellungen sind notwendig, um die Infrastruktur zukunftsfähig zu machen?

Wir brauchen als allererstes einen Standort für ein Fraunhofer-Institut, wo Forschung, Entwicklung und industrienahe Nutzung zusammenkommen. Dann werden wir uns über die Frage der Digitalisierung der Verwaltung und der 3D Druckertechnik in Hamburg unterhalten müssen. Das könnte Hamburg zukunftsfähiger machen. Das werden die großen Herausforderungen im IT-Bereich sein.

„Der Hafen ist der Orientierungspunkt meiner Kindheit“

Kann man sagen, dass für Sie ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen ist?

Das kann man sagen. Ich bin von 1980 bis 1982 als Schauermann im Hamburger Hafen tätig gewesen und nach meiner Bundeswehrzeit noch einmal. Der Hafen ist der Orientierungspunkt meiner Kindheit und meiner Jugend gewesen. Meine Familie hat dort gearbeitet, auf der Werft und im Hafen. Insofern: Ja, das ist schon ein Traum für mich.

Der Hafen ist ein Stück von Eimsbüttel weg. Inwiefern haben Sie noch mit Eimsbüttel zu tun?

Ich wohne hier und ich werde hier weiter wohnen. Wir haben hier den Kleingarten. Ich lebe hier, ich bin politisch hier in Eimsbüttel als Sozialdemokrat verortet. Meinem Nachfolger werde ich aber mit Sicherheit keine Ratschläge geben.

Was muss Ihr Nachfolger mitbringen?

Ganz wichtig ist, dass man sich mit den Themen, die hier vor Ort anstehen, intensiv befasst. Dazu gehört auch, sich in Diskussionen mit den Leuten darüber zu informieren, welche Sichtweisen es in der Bevölkerung gibt. Nicht nur mit der Bezirksversammlung, sondern mit allen Trägern des öffentlichen Lebens. Es kommt darauf an, Gemeinsamkeit darüber herzustellen, wie wir uns Eimsbüttel in den nächsten 20 bis 30 Jahren vorstellen können. Was ganz wichtig ist, ist der Bezirkliche Entwicklungsplan (BEP), den wir für die nächsten Jahre in Eimsbüttel fortschreiben wollen. Das ist ein bewährtes Instrument ganzheitlicher Stadtplanung in Eimsbüttel.

Das Bezirksamt Eimsbüttel war sechs Jahre das Herrschaftsgebiet von Torsten Sevecke. Foto: Matthias Berger
Das Bezirksamt Eimsbüttel war sechs Jahre das Herrschaftsgebiet von Torsten Sevecke. Foto: Matthias Berger

Sie haben die Diskussionen mit den Bürgern angesprochen. Sie waren selbst bei der Infoveranstaltung zum Umbau der Bismarckstraße, Tornquiststraße und des Weidenstiegs dabei. Dort ist sehr kontrovers diskutiert worden. Ist es schwieriger geworden für die Verwaltung, den Bürgern ihre Pläne zu vermitteln?

Ganz im Gegenteil: Wir diskutieren jetzt mit den Bürgern, deswegen wird der Dissens offen. Früher hat beispielsweise die Stadtentwässerung ein Siel geplant, die Straße aufgerissen, Siel rein, Straße wieder zu. Da wurde mit den Bürgern nicht geredet. Jetzt kündigen wir das an und diskutieren das. Diskutieren auch Alternativen. Das finde ich viel besser, als die damals hoheitliche Art der Straßenplanung. Dass Konflikte auftreten und dass man die Konflikte benennt, ist jetzt selbstverständlich. Früher wurden die Konflikte erst am Schluss vor den Gerichten geklärt. Das ist heute anders. Auseinandersetzungen gibt es zwar trotzdem noch, aber die Diskussion wird dort geführt, wo sie hingehört: Nämlich auf den Marktplatz.

Welche Herausforderungen werden auf Eimsbüttel zukommen? Welche Probleme müssen in den nächsten Jahren unbedingt gelöst werden?

Wir haben im Kern drei Hauptaufgaben, die vor uns liegen. Die größte Herausforderung dürfte der Wohnungsbau darstellen. Wir haben im Vertrag für Hamburg zugesagt, 1050 Wohneinheiten pro Jahr zu genehmigen. Das wird eine große Herausforderung. Für das Jahr 2016 schaffen wir das sicher, das ist klar. Wir liegen jetzt schon im Herbst bei ungefähr 1000 Wohneinheiten und werden bis zum Dezember sicher über 1050 Wohneinheiten genehmigen können. Der zweite Bereich wird die Frage: Wie gehen wir mit den noch verbleibenden Flüchtlingen um? Das sind viele. Die müssen in menschenwürdige Quartiere, am besten in Wohnungen, überführt werden. Sie müssen in unsere Gesellschaft integriert werden –  sozial, aber eben auch mit Arbeitsplätzen und Wohnungen. Und die dritte große Herausforderung wird die Ertüchtigung der öffentlichen Infrastruktur werden. Das bedeutet Straßenbau und Instandsetzung von Straßen und Brücken.

„Car-Sharing-Parkplätze sind kein Generalrezept“

Was viele Menschen beschäftigt, ist der Parkdruck. Das kennt jeder, der in Eimsbüttel wohnt, aus eigener Erfahrung. Es gibt Konzepte, öffentliche Parkplätze in Car-Sharing-Parkplätze umzuwidmen. Ist das aus Ihrer Sicht ein gangbarer Weg?

Das wird die Diskussion mit den Beteiligten ergeben. Das ist ja zunächst nur ein Forschungsprojekt, das gemeinsam mit BMW und anderen auf den Weg gebracht wird. Da würde ich jetzt erst mal abwarten, welche Ergebnisse das im Diskurs mit Bewohnern bringt. Ein Generalrezept ist das nicht. Wir werden das Thema Parkdruck insbesondere im Kerngebiet Eimsbüttel nicht dadurch lösen, dass wir eine einzelne Idee wie Car Sharing voranbringen. Es wird ein Mix aus ganz vielen Ideen geben müssen. Und wir werden beobachten müssen, wie das Car-Sharing-Angebot angenommen wird, und ob tatsächlich die Anzahl der Kraftfahrzeuge in den Quartieren zurückgeht. Aber erst wenn die Ergebnisse der Untersuchung vorliegen, lohnt es sich darüber zu spekulieren.

Sie haben den Wohnungsbau angesprochen: Wie kann gewährleistet werden, dass mehr Wohnungen entstehen, die für eine Durchschnittsfamilie bezahlbar sind? Wie kann verhindert werden, dass die Mietpreise weiter steigen?

Man muss zwischen den Neubaumieten und Erstvermietungen sowie den Bestandsmieten unterscheiden. Die Masse der Mietverhältnisse, die wir in Eimsbüttel haben, bestehen seit mehr als fünf Jahren. Ungefähr 180.000 Menschen leben in Eimsbüttel in Bestandsmietverhältnissen. Da müssen wir dafür sorgen, dass die Mieten nicht weiter steigen. Das tun sie in vielen Bereichen nicht. Genossenschaften und SAGA haben ein sehr stabiles Mietniveau. Da gilt der Mietpreisspiegel, und deswegen gehe ich davon aus, dass die Mietentwicklung dort stabil bleibt. Bei den Neubauten und bei den Nachvermietungen ist das eine andere Diskussion. Da wirkt im Grunde genommen nur ein einziges Instrument: Genossenschaften, SAGA und andere Private, die Sozialwohnungsbau oder günstigen Wohnungsbau errichten wollen, müssen zum Zug kommen. Die müssen bauen.

Wie kann man dafür die Rahmenbedingungen schaffen?

Wir haben Einfluss, indem wir Baugenehmigungen erteilen oder Bauplanungsrecht schaffen. Also da, wo wir Bebauungspläne bearbeiten können, können wir auf die Gestaltung des Wohnungsmixes Einfluss nehmen. Dort wollen wir durchsetzen, dass 50 Prozent der Mietverhältnisse die Kriterien für den sozialen Wohnungsbau erfüllen. Bei neuen Bebauungsplänen, die wir selber an den Start bringen, gehe ich davon aus, dass das auch funktioniert. Das haben wir in den letzten Jahren gut hinbekommen. In dem Bündnis für das Wohnen sind Ziele gesetzt, die wir für Eimsbüttel erfüllen werden.

Worauf sind Sie in Ihrer Amtszeit besonders stolz?

Ganz wichtig scheinen mir die wirtschaftlichen Entwicklungen zu sein. Die Arbeitslosenzahlen sind stabil auf sehr niedrigem Niveau. Wir haben es geschafft, die Zahl der genehmigten Wohneinheiten von ungefähr 500 auf mittlerweile über 1000 Wohneinheiten zu erhöhen. Dass die Uni bleibt, ist für Eimsbüttel strukturell ein massiv wichtiges Thema. Es hätte das Gesicht des Bezirks verändert, wenn die Uni weggegangen wäre. Das Gleiche gilt für Beiersdorf. Beiersdorf als Hamburger DAX Konzern hat in Eimsbüttel eine stabile Perspektive. NXP baut hier seinen Standort weiter aus. Der Norddeutsche Rundfunk baut seine Standorte aus, vergrößert sich. Ebenfalls wichtig finde ich, wenn es uns gelingt, die Osterstraße nach über 60 Jahren  zu einer modernen Einkaufsstraße umzubauen. Das ist ein Punkt, der Eimsbüttel im Kerngebiet prägen wird. Auch in Eidelstedt hat es große bauliche Veränderungen gegeben. Mit dem Porsche-Zentrum und Möbel-Höffner sind zwei gute Arbeitgeber dazu gekommen.

Was hätte besser laufen können?

Dass der Bürgerentscheid gegen das Eidelstedt-Center ausgefallen ist, das war ärgerlich.

Was sind ihre Lieblingsorte in Eimsbüttel?

Wo ich sehr, sehr gerne bin, ist der Anleger unten an der Alten Rabenstraße. Da hat man einen faszinierenden Blick über die Alster und auf die Kirchtürme und die Innenstadt. Der zweite Ort, den ich in den sechs Jahren sehr lieb gewonnen habe, ist der Blick aus dem 8. Stock des Bezirksamtes, aus diesem Büro. Wenn hier abends die Sonne untergeht, ist das schon ein spektakulärer Ausblick. Das ist mein Lieblingsort geworden. Und immer noch sehr gerne gehe ich in die Kantine im 12. Stock, die man ja auch mit dem Paternoster erreichen kann.

Von seinem Büro im achten Stock des Bezirksamtes hat Torsten Sevecke den Überblick. Foto: Leo Papenberg
Von seinem Büro im achten Stock des Bezirksamtes hat Torsten Sevecke den Überblick. Foto: Leo Papenberg

„Harvestehude hat gezeigt, das sie doch gar nicht so arrogant sind“

Wie würden Sie die einzelnen Stadtteile des Bezirks mit drei Worten beschreiben?

Eidelstedt ist widerborstig und fröhlich. Niendorf ist sehr beschaulich und hilfsbereit. Schnelsen wird sich in den nächsten Jahren entwickeln. Stellingen hat eine große Zukunft vor sich. Lokstedt wird einer der Stadtteile werden, die ein neues Gesicht bekommen. Hoheluft-West ist sozusagen der Mittelstandsstadtteil. Die sind sehr gleichmäßig da, sehen sich alle sehr ähnlich. Eimsbüttel ist nach wie vor wild und ungeordnet und hat damit wirklich schicke Ecken. Rotherbaum: Uni bleibt, mehr kann man dazu nicht sagen. Harvestehude hat gezeigt, das sie doch gar nicht so arrogant sind wie man früher gedacht hat. Mit der Sophienterasse haben die Harvestehuder gezeigt, dass sie entgegen den allgemeinen Vorhaltungen hoch sozial engagiert, konfliktfreudig und ich finde am Ende sogar extrem demokratisch aufgetreten sind. Das war toll, obwohl das ja ein langer Kampf war.

Sie haben es angesprochen: Eimsbüttel ist wild und ungeordnet. Die Bestrebungen gehen dahin, mehr Ordnung in die Parksituation zu bringen, die Fahrradwege auszubauen. Wie schafft man es, einen so dichten und – wie sie sagen – „wilden“ Stadtteil zu ordnen?

Also Ordnung ist kein Wert an sich im Straßenraum. Als erstes muss der Verkehr funktionieren – und das mit den historischen Rahmenbedingungen, die wir vorfinden. Eimsbüttel wurde dicht bebaut, hat sehr viele Kraftfahrzeuge und einen vergleichsweise engen Straßenraum. Da kommt es zu Nutzungskonflikten, das ist überhaupt gar nicht wegzudiskutieren. Ein paar Veränderungen für die Mobilität sind allerdings erforderlich – insbesondere in Bezug auf den Fahrradverkehr, der eine Zukunft haben wird, weil er schnell, sicher und gut ist. Dazu muss der Staat auch die entsprechende Infrastruktur zur Verfügung stellen. Ich glaube nicht, dass wir in der Stadt „Fahrradautobahnen“ brauchen. Aber die Gelegenheit, schnell zur Uni oder in die Innenstadt zu kommen, das ist ein Wert. Man muss allerdings immer zur Kenntnis nehmen, dass die Bürger ihre Autos haben. Und die müssen irgendwo stehen. Zwangsweise Parkraum so zu reduzieren, dass im Grunde eine rechtswidrige Parksituation erzwungen wird – das ist falsche Politik, das wird es auch nicht geben.

Die Situation ist nicht weit entfernt davon. In Teilen von Eimsbüttel ist es bereits jetzt die Regel, dass dort rechtswidrig geparkt wird.

Die Regel würde ich nicht sagen, das kommt aber vor. Wie können an einigen Stellen den Kontrolldruck erhöhen, aber am Ende kommt man damit auch nicht richtig weiter. Die Frage ist, wie viele Stellplätze wir auf andere Weise herstellen können. In der Osterstraße diskutieren wir darüber, dass wir möglicherweise freie Kapazitäten im Karstadt-Parkhaus für Anwohner nutzen können. Man kann auch überlegen, ob weitere Tiefgaragen im Kerngebiet erforderlich sind, zum Beispiel unter den Sportplätzen. Die Erfahrungen mit den Betreibern sind aber nicht ermutigend. Wir haben das an der Gustav-Falke-Straße versucht, haben eine Ausschreibung gemacht, haben gefragt: Wer will denn? Gemeldet hat sich keiner. Deshalb haben wir den Sportplatz ohne Tiefgarage gebaut.

Letzte Frage: Wie schwer wird Ihnen die letzte Fahrt mit dem Paternoster fallen?

Das werde ich am 30. September sehen. Aber der Paternoster ist schon ein wunderbares Transportmittel, das richtig gut zu dem modernen Leben passt, weil es so angenehm langsam geht, so gleichmäßig und trotzdem dafür sorgt, dass jeder rechtzeitig in sein Büro kommt. Das ist schon doll das Ding. Aber ich freue mich auch schon auf den Aufzug in den 3. Stock in meinem neuen Dienstgebäude am alten Steinweg. Ich habe in den letzten 30 Jahren als Soldat und Beamter unterschiedliche Funktionen gehabt. Da waren einige dabei, bei denen ich ungern gegangen bin, und welche, bei denen ich freudiger gegangen bin. Das Bezirksamt Eimsbüttel gehört zu den Stellen, die ich ungern verlasse. Aber es kommt was Neues, das ist halt so.

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