Kleingärtner wehren sich gegen Beiersdorf
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Grundstücksverkauf

Kleingärtner wehren sich gegen Beiersdorf

Mit der neuen Konzernzentrale hat sich Beiersdorf zu Eimsbüttel und Hamburg bekannt. Dazu wird auch eine künftige Erweiterung eines Werks in Erwägung gezogen, wofür eine größere Kleingartenfläche gekauft werden soll. Die Kleingärtner sind gegen die Pläne und haben eine Petition ins Leben gerufen.

Erst letztes Jahr wurde bekannt, dass an der Julius-Vosseler-Straße der Kleingartenverein “Gartenfreunde der Mühlenkoppel” einer Wohnanlage weichen wird.  Nun soll in Lokstedt die nächste Kleingartenfläche verkauft werden: Diesmal im Süden in unmittelbarer Nähe zur Beiersdorf AG. Dort hat sich der Konzern ein Grundstück für die Erweiterung der Produktion gesichert. Erst vor kurzem hatte Beiersdorf erklärt, am Heimatstandort Hamburg-Eimsbüttel eine neue Konzernzentrale und ein neues Forschungszentrum zu bauen und dafür 230 Millionen Euro zu investieren.

Betroffene Laubenbesitzer und Anwohner sind nicht begeistert vom Verkauf. Deshalb wurde die Inititative “Lebenswertes Lokstedt” ins Leben gerufen. Zudem wurde von ihnen eine Online-Petition gestartet, die das Problem öffentlich machen soll und an die Bürgerschaft adressiert ist. Laut Stadt Hamburg wird im zweiten Quartal 2018 über den Verkauf in der Bürgerschaft abgestimmt. Bei Nichtzustimmung ist der Vertrag unwirksam.

Initiative “Lebenswertes Lokstedt”

Einer der Köpfe der Initiative ist Andreas Glaser, ein Kleingartenpächter, der auch vom Kauf betroffen ist. Wie viele der Betroffenen kritisiert er, dass kaum Informationen über den geplanten Verkauf zu erhalten waren. “Bevor wir überall Flyer verteilt haben, wusste kaum ein Anwohner davon, dass die Kleingärten überhaupt verkauft werden sollten”, erzählt er.

Die Flyer, von denen er spricht, waren eine Einladung für ein Treffen, das Anfang Oktober stattfand. Rund 200 Leute waren anwesend, um gegen die Pläne von Beiersdorf zu mobilisieren. Einigkeit bestand darin, dass man alles Mögliche in Bewegung setzen sollte, um den Verkauf zu verhindern. Die Kleingärten sollen erhalten bleiben.

Bleiben die Gärten die nächsten 20 Jahre? Foto: Fabian Hennig
Bleiben die Gärten die nächsten 20 Jahre? Foto: Fabian Hennig

20 Jahre oder doch kürzer?

Noch ist der Verkauf jedoch nicht abgeschlossen, die Bürgerschaft muss dem noch zustimmen. Sollte der Verkauf jedoch über die Bühne gehen, greift eine Vereinbarung, die zwischen der Stadt, dem Konzern und dem Landesbund der Gartenfreunde Hamburg (LGH), dem Dachverband der Kleingärten, unterzeichnet wurde. Laut dieser wurde eine Dauer von 20 Jahren ausgehandelt, so lange sollen die Kleingärten bestehen bleiben.

Dirk Sielmann, Vorsitzender des LGH, ist von der Vereinbarung überzeugt. “Wenn wir nichts unternommen hätten, wären die Kleingärten in Privatbesitz gekommen. Dann wären auch alle Rechtsansprüche darauf erloschen.” Durch den Vertrag jedoch würden diese fortbestehen, wozu beispielsweise der Anspruch auf eine neue Gartenlaube gehört. Die Dauer ist jedoch nicht bindend, sobald ein neuer Bebauungsplan vorliegt, darf den Kleingärtnern gekündigt werden. Glaser hält die 20 Jahre deshalb für “Augenwischerei”.

Bisher gibt es nach Angaben der Beiersdorf AG und des LGH jedoch keine Pläne für einen Neubau. “Und selbst wenn, würde es noch Jahre dauern, bis ein neuer Bebauungsplan vorliegt, und dieser würde dann auch mit allen Beteiligten besprochen werden.” Ähnlich äußert sich der Konzern. “Wir haben derzeit keine Erweiterungspläne.”, antwortet eine Pressesprecherin auf Nachfrage.

Entschädigung und Umsiedlung

Sollte aber tatsächlich der Fall eintreten, dass den Pächtern vor Ablauf der 20 Jahre gekündigt wird, erhalten die Kleingärtner eine Entschädigung. Diese ist Bestandteil der Vereinbarung. Gekündigte Kleingartenpächter haben dann Anspruch auf eine neue Laube.

Diese habe einen Wert um 10.000 Euro, erklärt Sielmann, und könne zehn Jahre mietfrei bewohnt werden. Die Stadt komme für Kosten wie Stromkabel- und Wasseranschluss auf, die Laube könne also schlüsselfertig übergeben werden. Außerdem hat sich Beiersdorf verpflichtet, bei einer Kündigung Flächen aus eigenem Bestand zur Verfügung zu stellen.

Von dieser Lösung sind jedoch nicht alle Kleingärtner überzeugt, so auch nicht Glaser. Nach seiner Einschätzung würden zum Beispiel für eine neu hergerichteten Garten um die 20.000 bis 25.000 Euro fällig. Ebenso bezweifelt er, dass die neuen Flächen in der Nähe liegen werden, “wahrscheinlich eher ganz weit draußen”. Viele Betreiber werden dann wohl mit dem Kleingärtnern aufhören, mutmaßt er.

Standortumzug abgewendet?

Für die Stadt Hamburg ist das ein klares Bekenntnis von Beiersdorf für die Zukunft des Unternehmens in der Stadt. Nach einer Umfrage im Auftrag der Stadt sind drei Viertel der Hamburger der Meinung, dass die Industrie eine „wichtige bis unverzichtbare Rolle“ für die Stadt einnimmt. Nichtsdestotrotz vermutet eine Behördensprecherin, dass der Verkauf der Kleingartenanlagen wohl an die Entscheidung von Beiersdorf geknüpft war, sich zu Hamburg und Lokstedt zu bekennen. “Dann wären sie vermutlich aus Hamburg weggegangen”, erklärt sie die Lage von Beiersdorf. Ein Unternehmen dieser “Gewichtsklasse” brauche die Option sich zu entwickeln und wachsen zu können.

Eine Sprecherin von Beiersdorf erklärt, dass die Standortentscheidung immer von sehr vielen Faktoren abhänge. “Für Beiersdorf wäre es wichtig, am Standort langfristig Flexibilität und Steuerungsmöglichkeiten zu erhalten.” Auf Anfrage erklärt Beiersdorf zur Standortentscheidung: “Wenn der Erwerb der Kleingärten nicht möglich gewesen wäre, hätte die Entscheidung auch für einen anderen Standort getroffen werden können.”

“Ich mache nichts Großes mehr für meinen Garten”, sagt Glaser deshalb, und “viele andere ebenfalls nicht. Große Investitionen werden hinten angestellt.” Trotz der 20 Jahre würden sie nicht mehr sicher planen können und sich fragen, ob es sich noch lohnt, etwas für den Garten zu tun. Eine Kleingartenbetreiberin, die anonym bleiben möchte, meint, dass sie schon in fünfter Generation ihre Laube betreibt, vor über 100 Jahren sei dort erstmals ein Kleingarten entstanden. Deshalb findet sie es sehr bedenklich, dass die Parzellen bald nicht mehr da sein könnten. Die Kleingärtner wollen dies auf jeden Fall verhindern.

 

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