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Die Statue von Carl Hagenbeck und seinem Löwen gehört seit Jahrzehnten zum Bild des Zoos. Foto: Toni Gunner
Völkerschauen

Petition fordert Entfernung des Carl-Hagenbeck-Denkmals

Menschen, ausgestellt und vorgeführt neben Tieren im Zoo: Was heute unmöglich scheint, etablierte Carl Hagenbeck ab 1875 in Europa. Jetzt fordert eine Petition, sein Denkmal im Tierpark zu entfernen.

Von Alana Tongers

Seit Jahrzehnten thront sie zwischen den Tiergehegen, gehört für viele zum Zoobesuch dazu. Nun fordert eine Petition unter dem Hashtag #notmyhero, das Carl-Hagenbeck-Denkmal im Tierpark zu entfernen und die Carl-Hagenbeck-Straße in der Kreisstadt Stendal umzubenennen. Über 7.000 Menschen haben sie bislang unterzeichnet – darunter auch der Rapper Samy Deluxe.

Initiatorin ist Johanna Brinckman. Die 29-jährige Fotografin lebt und arbeitet in Los Angeles, ist aber in Eimsbüttel aufgewachsen. Die „Black Lives Matter“-Proteste vor der eigenen Haustür in den USA haben sie dazu bewegt, sich mit der Kolonialgeschichte Deutschlands auseinanderzusetzen. Sie liest viel, schaut Dokumentationen, hört Podcasts. Bis sie auf den Namen Carl Hagenbeck stößt, den sie bis dahin nur mit dem Zoo ihrer Kindheit in Verbindung bringt.

Ausgestellt neben Tieren

Doch Carl Hagenbeck ist nicht nur Gründer des Tierpark Hagenbecks, er hat auch sogenannte „Völkerschauen“ in Europa etabliert. Ab 1875 stellt der Geschäftsführer neben Tieren auch Menschen aus – vornehmlich aus Ostasien, Afrika und dem Nordpolargebiet. In inszenierten Schauen werden sie als primitiv, wild und exotisch dargestellt, das europäische Bild des Fremden bedienend. „Es handelte sich um erniedrigende, überspitzte und größtenteils erfundene Darstellungen der ausländischen Kulturen“, erklärt Brinckman in der Petition.

Johanna Brinckman wusste selbst lange nicht um die Geschichte des Tierparks – und will deswegen aufklären. Foto: Privat

Oft führen Wissenschaftler medizinische Untersuchungen und Versuche an den Kindern und Erwachsenen durch. Auf den langen Tourneen durch ganz Europa infizieren sich viele der zur Schau gestellten Menschen mit Pocken und Lungenerkrankungen. Um 1881 stirbt eine achtköpfige engagierte „Eskimo-Truppe“ – weil man sie nicht impfte. Etliche weitere Todesfälle sind verzeichnet, häufig verschleppen die ausgestellten Menschen die Krankheiten später in ihre Heimatländer. Auch Übergriffe durch das Publikum sollen keine Seltenheit gewesen sein.

Letzte Völkerschau 1931

Mindestens hundert solcher Schauen veranstaltete der Tierpark Hagenbeck, gilt damit als größter Organisator in Europa. Die „Völkerschauen“ werden zur kommerziell erfolgreichen Massenunterhaltung mit Millionen Besuchern und prägen das Geschäft von Hagenbeck über Jahre. Mit „Kanaken der Südsee“ fand 1931 die letzte Schaustellung des Tierparks statt.

Heute werden die „Völkerschauen“ von Historikern als rassistisch und prägend für späteres koloniales Denken eingeordnet. Der Tierpark Hagenbeck äußert sich auf seiner Website hingegen verhalten zur eigenen Geschichte. Die Schauen hätten unter „zweifelhaften Umständen“ stattgefunden: „Aus heutiger Sicht nicht mehr vertretbar, gaben die Völkerschauen damals einer breiten Bevölkerungsschicht erstmals Einblicke in fremde Kulturen und die Lebenswelt weit entfernt lebender Völker“, heißt es.

„Das ist überhaupt keine Auseinandersetzung“, findet Brinckman. In der Konsequenz wüssten viele Hamburger nicht um die rassistische Vergangenheit des Zoos – obwohl die Völkerschauen gut dokumentiert sind. Information gibt es aus erster Hand in Hagenbecks eigens verfasster Biografie. Über die erste von ihm veranstaltete „Lappland-Schau“ von 1875 schreibt er:

„Schön konnte man unsere Gäste gerade nicht nennen. Ihre Hautfarbe ist ein schmutziges Gelb, der runde Schädel ist mit straffem, schwarzen Haar bewachsen, die Augen stehen ein wenig schief, die Nase ist klein und platt.”

Carl Hagenbeck, „Von Tieren und Menschen“ (S.82)

Denkmal für Opfer statt Hagenbeck

Mit ihrer Petition will Brinckman die Kritik um die Person Carl Hagenbeck in die Öffentlichkeit bringen. „Menschen tun gute Dinge, Menschen tun schlechte Dinge. Das machen wir alle“, so die Initiatorin. Trotzdem sei es falsch, die Statue unkommentiert stehen zu lassen. Sie sei damals in einem positiven Licht errichtet worden: Für Carl Hagenbeck, den Tier- und Menschenfreund. „Und dieses Bild wird vom Tierpark auch weiterhin aufrecht erhalten und weitergegeben.“

Ihre Wunschvorstellung? Ein runder Tisch mit der Geschäftsführung des Tierpark Hagenbeck, der Kulturbehörde und einem Historiker oder ihr als Initiatorin. Gemeinsam könne man dann entscheiden, ob man das Denkmal ganz entfernen oder in anderer Form damit umgehen wolle. In einer Sache ist sich die Fotografin aber sicher: Im Tierpark soll künftig an die erinnert werden, die unter den „Völkerschauen“ litten – die ausgestellten Menschen.

„Tierpark Hagenbeck“ schweigt

Brinckman fordert den Tierpark Hagenbeck auf, sich klar von den Völkerschauen zu distanzieren. „Ich will niemanden persönlich angreifen“, betont sie. Sie wolle keinen „Shitstorm“ um die Familie Hagenbeck auslösen, sondern den Anstoß zur Veränderung geben. „Man muss aus Fehlern lernen und sie nicht verharmlosen und unter den Teppich kehren.“ Der Weg dahin wird steinig werden: Hagenbeck schweigt trotz mehrmaliger Kontaktversuche der Eimsbütteler Nachrichten zu den Forderungen.

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