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So sah die Cholera-Station vor dem Marienkrankenhaus 1892 aus. Foto: Georg Koppmann, Museum für Hamburgische Geschichte
So sah die Cholera-Station vor dem Marienkrankenhaus 1892 aus. Foto: Georg Koppmann, Museum für Hamburgische Geschichte
Magazin #19

Wie eine Krankheit Hamburg und Eimsbüttel für immer veränderte

Eine Krankheit wütet in Hamburg, legt die Stadt lahm. Menschen dürfen ihre Häuser nicht verlassen. Das Gesundheitssystem bricht zusammen. Es ist der Sommer 1892 – und die Stadt stinkt zum Himmel.

Von Vanessa Leitschuh

Denn ein unsichtbarer Feind macht sich im Wasser breit. Ein Bazillus, der die Hansestadt verändern wird: das Bakterium Vibrio cholerae. Später wird man von der Krankheit der Armen, von der Wohnkrankheit sprechen, der Zusammenhang zwischen elenden Wohnverhältnissen und der Zahl der Todesopfer wird sich nicht leugnen lassen.

Denn sie trifft vor allem diejenigen, die zusammengepfercht in den Gängevierteln der Stadt leben. Labyrinthartige Gassen zwischen dicht gedrängten Fachwerkhäusern, vor allem Hafenarbeiter und ihre Familien leben hier.

Der Tod aus dem Wasser

Der erste Arbeiter erkrankt in der Nacht zum 15. August, er hatte den Auslass der Kanalisation am Kleinen Grasbrook überwacht. Am nächsten Tag erkranken zwei weitere, am Tag darauf vier. Die Katastrophe verbreitet sich wie das Lauffeuer des Großen Brandes 50 Jahre zuvor. Nur steht den Hamburgern in diesem Sommer ein unsichtbarer Widersacher gegenüber. Behörden und Senat leugnen die Seuche, sie denken ans Geschäft: Der Ausbruch einer Epidemie würde den Handel schwer treffen.

Die Stadt wurde damals über das Wasserwerk in Rothenburgsort mit Elbwasser versorgt – allerdings völlig ungefiltert. Oft werden kleine Aale im Frischwasser gesichtet. „Aale, Aale – frisch aus Willis Wasserleitung”, scherzen Verkäufer auf dem Fischmarkt damals. Zwar war der Bau eines modernen Filterwerks im Jahr zuvor gestartet, doch in diesem August wird klar: Man hatte zu lange gewartet. Etwa eine Woche nach dem ersten Cholerakranken gelangt der Erreger in den Haupteinlass des Wasserwerks. Binnen Stunden verbreiten sich die Keime in ganz Hamburg.

Wasserkochstation in der Hamburger Neustadt während der Cholera-Epidemie 1892. Foto: E. Damm, Museum für Hamburgische Geschichte

Eimsbüttel – vor den Toren der Stadt

Das wachsende Eimsbüttel liegt damals noch vor den Toren Hamburgs. Seit Aufhebung der Torsperre 1861 kroch die Stadt immer weiter auf die Dörfer zu. Im Cholera-Jahr ist Eimsbüttel noch Vorort von Hamburg, doch das einstige Dorf boomt. Längst ist es der Rolle als idyllische Sommerfrische, wo vornehme Hamburger ihre Landsitze haben, entwachsen.

Ein Jahrhundertprojekt hatte wenige Jahre zuvor das Gesicht Eimsbüttels rapide verändert: Der Bau des Freihafens und der Speicherstadt sorgte zwischen den Jahren 1884 und 1888 für die rasante Besiedlung des Viertels. Mit dem Bauprojekt hatte sich Hamburg den Rang als führender Welthafen gesichert. Aber auch in Kauf genommen, dass 16.000 Menschen ihre Wohnungen verloren, als die dortigen Gängeviertel abgerissen wurden.

Die Gängeviertel der Alt- und Neustadt aber waren geblieben. Als Bakteriologe Robert Koch nach Hamburg kommt, um den Krieg gegen die Cholera zu führen, ist er entsetzt. „In keiner anderen Stadt habe ich solche ungesunden Wohnungen, Pesthöhlen und Brutstätten angetroffen”, urteilt er. „Meine Herren, ich vergesse, dass ich in Europa bin!“

Als Ursache der Seuche macht Koch eindeutig das Elbwasser verantwortlich. Wie recht er hatte, zeigt sich vor allem im an Altona grenzenden Eimsbüttel. Altona hat ein von Hamburg unabhängiges Wassernetz, das bereits seit 1859 über eine Filteranlage verfügt. Während die „stark durchseuchten” Orte St. Pauli und Eimsbüttel über das Wasserwerk in Rothenburgsort versorgt werden, war der Hamburger Hof am Schulterblatt 24 – obwohl politisch zu Hamburg gehörend – ans Altonaer Netz angeschlossen. Keiner der 345 Bewohner des Häuserkomplexes erkrankt. Die angrenzenden, mit Hamburger Wasser versorgten Häuser, haben dagegen hohe Opferzahlen zu beklagen.

Cholera-Baracken des Allgemeinen Krankenhauses Eppendorf im Jahr 1892. Foto: SHMH, Museum für Hamburgische Geschichte

Der Shutdown

Koch ergreift umfangreiche Maßnahmen: Schulen, Tanzhallen, Vergnügungsstätten sollten schließen, Plakate die Bevölkerung informieren. Wasser wird nun abgekocht, und Desinfektionskolonnen ziehen von Wohnung zu Wohnung. Ein beißender Chlorgeruch hängt über der Stadt.

Die Krankenhäuser, darunter das Allgemeine Krankenhaus Eppendorf, sind längst überfüllt. Kranke werden in Cholerabaracken untergebracht, einige davon Beim Schlump Ecke Monetastraße. Die Anwohner sind aufgebracht, sie fürchten die Ansteckung in einer so dicht bevölkerten Gegend.

Nach zehn Wochen geht die Zahl der Neuerkrankten zurück. Fast 17.000 der knapp 600.000 Einwohner Hamburgs hat der Erreger bis dahin befallen, 8.605 Menschen getötet. Die Folgen der Epidemie werden das Stadtbild verändern: Die Gängeviertel werden nach und nach verschwinden, dadurch Tausende Menschen vertrieben. Die neuen Wohnungen sind zu teuer für Hafenarbeiter und ihre Familien, sie werden in die Arbeiterviertel der Stadterweiterungsgebiete ziehen.

Zwei Jahre nach der Seuche, 1894, wird Eimsbüttel zum Stadtteil Hamburgs erklärt und zählt jetzt zu den am dichtesten besiedelten Gebieten der Stadt. „Die Gebäude Alt-Eimsbüttels […] verschwinden immer mehr von der Bildfläche. […] Die Häuser mit Strohdach sind jetzt bis auf 2 oder 3 verschwunden. Aber auch die alten Gartenhäuser werden weniger. Viele derselben sind der Speculation zum Opfer gefallen und an ihrer Stelle erheben sich hohe Etagenhäuser, vielleicht sogar Terrassen“, meldeten die Hamburger Nachrichten am 12. Juli 1896.

Bis zur Jahrhundertwende leben fast 65.000 Menschen hier. Im Jahrzehnt darauf wächst das frühere Dorf zur eigenen Großstadt innerhalb Hamburgs mit mehr als 100.000 Bewohnern – und vom dörflichen Charakter war nicht viel geblieben.

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