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Eine ganze Nation trägt dieser Tage Jogginghosen. Foto: Alana Tongers
Glosse: Sechzehnter Teil

Corona-Tagebuch: Warum Karl Lagerfeld jetzt Jogginghosen schneidert

Martin Busche zählt mit uns allen die Tage, die uns Corona stiehlt und führt ein öffentliches Tagebuch: subjektiv, ehrlich, schonungslos. Bis Corona uns hoffentlich scheidet.

Von Martin Busche

Donnerstag, 16. April

Es gibt mittlerweile alles. Musik zu Corona, Rezepte zu Corona, der Virus hat sogar eine eigene Modelinie. “Jogger, featured by Corona”. Ernsthaft. Kein Witz.
Wer was auf sich hält in diesen Tagen, trägt Jogginghose und weil fast alle Menschen etwas auf sich halten, tragen fast alle eine.

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Natürlich auch bei uns in Eimsbüttel, meine Nachbarin, die mit dem Bruce Lee als Mann, trägt gerade Grau gemustert, farblich passend zum neuen Weber-Grill auf ihrem Balkon. So sind sie auf den Sonnenplätzen der Straße. Da wo der Balkon Sonne hat, nicht nur Schatten wie bei mir. Wo Balkone so groß sind, dass überhaupt ein Webergrill dort Platz hat. Meiner ist winzig, nur ein Rost, keine Ruhezone für das Rumpsteak vom Baumarkt. Die “Sonnenkinder“ drüben brauchen auch einen Staubsauger, um ihren Balkon zu reinigen, ich nur eine kleine Dreckschaufel und die auch nur selten, weil Dreck Platz braucht, um sich häuslich einzurichten, mein Balkon aber keinen Platz hat. Schon gar nicht für einen Webergrill. Bruce Lee trägt übrigens gar nichts – oben rum. Typisch Bruce Lee eben. 

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Foto: Alana Tongers

Die ganze Nation trägt Jogginghosen

Auch auf der Straße geht alles in Jogger. Der schnelle Läufer hier auf meiner Straßenseite bevorzugt simples Schwarz. Kurz und ein bisschen knapp an den entscheidenden Stellen. Wie früher Kevin Keagan in den siebziger Jahren, der Fußballspieler. Früher fand ich das normal. Heute nicht so. Kommt das jetzt auch wieder? Bitte nicht.


Die Mutter mit dem Baby kann ich jetzt nicht sooo genau erkennen, sieht ja blöd aus, wenn ich mich so weit aus dem Fenster hänge. Reicht wenn ich drin liege. Die Leute glauben ja eh schon… ach, sollen sie doch glauben, was sie wollen.
Das Baby trägt auf jeden Fall nur Strampler. Keine Jogginghosen. Das ist schon mal gut. Brauchen Babys schon Jogginghosen?

   
Die restliche Nation offenbar schon. Ganz Deutschland trägt mittlerweile welche, soweit ich das von der Mansteinstraße aus erkennen kann. Wer hätte das vor Corona gedacht? Da trug man Jogger bestenfalls auf dem Kiez. “Model Pluder”, optimiert für Männer: Grau, weit, nur echt mit Gummibund. Schnell rauf, schnell runter. Zeit ist da bekanntlich Geld. Ihr versteht.

Von XXXXXS bis XXXXXL


Wer heutzutage keinen Jogger trägt hat die Kontrolle über sein Leben verloren. Verstehe schon, dass sich Karl Lagerfeld mehrmals in seinem Grab umgedreht hat, sagt man sich, gerüchteweise. Das muss aber nicht stimmen, es gibt auch Stimmen aus seinem Umfeld die behaupten, er würde dort jetzt selber welche schneidern. Solijogger, sozusagen. “Modell Corona, made by Karl”. Speziell für die, die den Laden am Laufen halten. Kann schon sein. War ja kein schlechter Kerl der Karl, hört man so, immerhin echter Hamburger, nur ein bisschen eigen. Modell Corona wäre dann aber “Limited Edition”. Sehr skinny, sehr sehr, sehr skinny. Absolut. Sondergröße XXXXXS. Dafür sehr trendy, Schwarz natürlich.


Schade, nichts für mich. Ich bin mehr der Typ Peter Altmaier. Wir beiden bevorzugen große Größen, XXXXXL sozusagen. Eher luftig geschnitten, sehr luftig. Nicht was Karl mal einfach so auf Lager hat. Haben will, könnte man auch sagen.
Ich komme aber auch so klar, nehme grundsätzlich denen nichts weg, die was brauchen. Das gilt auch für Jogger. Meine tuts auch noch. Ich habe nämlich auch eine, ganz ehrlich, nicht lachen. Schick ist sie, find ich jetzt so, Andere nicht. Da bin ich ehrlich. Grau, mit weißen Streifen. Sie ist sogar Marke, weit vor Corona gekauft. Sehr weit vor Corona. Da hat Freddy Quinn noch gelebt und Hans Rosenthal, “das ist Spitze gehüpft”. Ach ja, die Zeit verfliegt ja so schnell. Ich trage Nike, allerdings Made in Thailand. Das habe ich vorher nicht gewusst. Sorry. Guckt ihr euren Hosen vorher immer in die delikatesten Stellen, bevor ihr sie kauft? Nur um zu erfahren, was vielleicht dann doch nicht so stimmt? Ich nicht, lasse auch Hosen gerne ihre kleinen Geheimnisse.

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Hose: Martin Busche. Foto: Martin Busche

Jogginghosen nach Maß

Nebenbei: In XXXXXL ist die Auswahl auch nicht so groß. Wichtig ist, dass sie passt. Problem: Sie passt eben nicht. Ist deutlich zu lang. Ich weiß nicht warum. Eigentlich konnte das nicht sein, sah echt gut aus – von weitem. Okay, ich hätte sie auch anprobieren können. Aber “Schnell rauf, schnell runter” ist nicht so mein Ding. Der Laden war auch nicht auf dem Kiez. Auf jeden Fall engt die Länge ihre Funktionalität extrem ein. Laufen geht so gerade noch, wenn man die Hosenbeine dabei hochzieht. Joggen ist aber schwer. Ich hab das mal probiert. Nur kurz. Wie früher drei Wetter Taft: Das Wetter stimmt, die Hose sitzt, fast, irgendwie. Schwupps, lag ich auf der Fresse. 

 
Ich lasse meine Hose seitdem zwar Jogginghose sein, so emotional. Nutze sie aber in erster Linie um meinem Schrank einen sportlichen Touch zu geben. Sie versteht sich da auch gut mit meiner Badehose, meinem Fahrradhelm und den Bergschuhen. Alle vier kennen gar nichts anderes als den Shutdown. Sind damit auch zufrieden.
Klar, ich hätte die Hose auch mal kürzen lassen können, kostet 11,50 Euro beim Schneider. Ich war sogar schon mal da, hab mich erkundigt. Aber dann kam Corona dazwischen, vorher der Abstieg des HSV, davor der Aufstieg von St. Pauli, noch vorher der deutsche WM-Titel, 1968 bekanntlich die 68er, 1964 meine Geburt. 1955 die von Jan Vedder. 1918 die spanische Grippe. Ich hatte echt keine Zeit. Vielleicht gehe ich das Projekt nach dem Shutdown an. Kann sein. Aber wer trägt dann noch Jogginghosen.

Bis morgen.


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