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Ein Arzt des UKE hat eine App zur Online-Selbsthilfe bei Depressionen ins Leben gerufen. Foto: Alicia Wischhusen
Ein Arzt des UKE hat eine App zur Online-Selbsthilfe bei Depressionen ins Leben gerufen. Foto: Alicia Wischhusen
Gesundheit

Depressionen: Die Therapie vom Bot

Ein Arzt des Universitätsklinikums Eppendorf hat eine App zur Selbsthilfe bei Depressionen entwickelt. Das Angebot soll Kindern und Jugendlichen helfen, die Wartezeit auf einen ambulanten Therapieplatz zu überbrücken.

Von Alicia Wischhusen

„Es hat angefangen, als ich 13 war“, sagt die heute 17-jährige Juli. „Erst mit sexuellem Missbrauch, später kam Mobbing dazu.“ Bis heute habe sie zwei Suizidversuche hinter sich, erwähnt sie in einem Nebensatz, als sei es eine Randnotiz.

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Im vergangenen Jahr war sie wegen ihrer Depression in der Kinder- und Jugendpsychiatrie (KJP) im Universitätsklinikum Eppendorf in Behandlung. Seither testet Juli die App MySoul, die der Leiter der KJP, Michael Schulte-Markwort, entwickelt hat. MySoul ist ein Messenger, der das Warten auf einen Therapieplatz für Kinder und Jugendliche überbrücken soll.

Die Hälfte der Kinder nicht in Behandlung

Müde, antriebslos, anteilnahmslos – das Gefühl, deprimiert zu sein, kennen die meisten. „Eine Depression im medizinischen Sinne ist aber etwas völlig anderes als eine vorübergehende Phase der Niedergeschlagenheit oder ein Stimmungstief, das bei fast jedem Menschen im Laufe des Lebens ein- oder mehrmals auftritt“, sagt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Nicht nur Erwachsene, auch immer mehr Kinder und Jugendliche sind von der psychischen Krankheit, die mittlerweile als „Volkskrankheit“ gilt, betroffen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden aktuell drei bis zehn Prozent aller Jugendlichen zwischen zwölf und siebzehn Jahren an einer Depression. „50 Prozent dieser Kinder sind nicht in Behandlung“, sagt Professor Michael Schulte-Markwort.

Die durchschnittliche Wartezeit auf einen von der Krankenkasse finanzierten Psychotherapieplatz betrage in Hamburg etwa 18 Wochen, berichtet die Bundespsychotherapeutenkammer. Bundesweit seien es sogar rund 20 Wochen.

Ein Bot, der ermutigt

Auch Schulte-Markwort bekommt seit Jahren mehr Anfragen, als er bearbeiten kann: „Seit Jahren sind wir, bin ich sehr überlaufen.“ Aus seiner Not heraus kommunizierte er zunächst per Whatsapp mit seinen Patienten. Obwohl er das selbst als „fast kriminell“ bezeichnet, habe er gleichzeitig die Schnelligkeit und Effizienz dieses Kommunikationsweges erkannt. Aus dieser Intention heraus entwickelte Schulte-Markwort die App MySoul, einen Messenger, der automatisiert Therapien durchführen kann und im Gespräch die Suizidgefährdung der Heranwachsenden abfragt. Die App ist seit Dezember letzten Jahres online und kostet einmalig 200 Euro, momentan wird sie von etwa 150 Kindern und Jugendlichen genutzt.


Nachdem MySoul die Symptome des Nutzers mit Ja-oder-Nein-Fragen geklärt hat, ploppt im Chatverlauf für rund 20 Sekunden ein Erklärvideo zum jeweiligen Schweregrad der Krankheit auf. Darin erklärt der Arzt, welche Symptome für das entsprechende Krankheitsbild typisch sind. Dreimal täglich meldet sich MySoul dann und fordert die Aufmerksamkeit des Patienten für etwa zehn Minuten. „Du verdienst Unterstützung“, ermutigt der Messenger sein Gegenüber. „Du arbeitest wirklich gut mit.“

Die App MySoul soll Kindern und Jugendlichen bei Depressionen helfen. Foto: Alicia Wischhusen
Die App MySoul soll Kindern und Jugendlichen helfen, die Wartezeit auf einen Therapieplatz zu überbrücken. Foto: Alicia Wischhusen


Die App therapiert per Chat und mit Videoclips, die Schulte-Markwort für die Patienten aufgenommen hat. Über einen zweiten Chat, „Therapeuten“, ist eine direkte Kommunikation zwischen dem Benutzer und dem Therapeuten möglich. Anders als bei einer ambulanten Therapie erfordert MySoul keine wöchentlichen Termine beim Therapeuten. Lediglich ein Arztkontakt zur Diagnose und eine Einverständniserklärung der Eltern sind notwendig.

Der matte, glanzlose Blick

Letzteres hält Juli für problematisch. Kinder und Jugendliche ohne Therapieerfahrungen haben oft Schwierigkeiten, sich mitzuteilen, meint sie. Vor allem den eigenen Eltern von der persönlichen Gefühlslage zu erzählen, sei für viele Jugendliche eine unüberwindbare Hürde. Sie bezweifle, dass sie von alleine auf ihre Eltern zugehen, um sich deren Einverständniserklärung einzuholen.


„Als meine Eltern von meiner Depression erfahren haben, waren sie schockiert“, erzählt Juli. Dabei sei ihre Mutter selbst Therapeutin. Für Eltern ist eine Erkrankung des eigenen Kindes oft schwer zu erkennen. „Meine Eltern dachten wahrscheinlich, dass das nur eine Phase der Pubertät ist“, lacht sie.

Wie viele andere hatte Juli es geschafft, sich zum Schutz eine Fassade aufzubauen. „Manche Depressive leiden unter einem Versiegen ihrer Tränenproduktion und können deshalb während ihrer tiefsten depressiven Phasen nicht einmal Tränen vergießen“, weiß Volker Faust, Arzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie.

Was kann eine Online-Therapie leisten?

„Natürlich ist MySoul kein Ersatz für eine intensive Behandlung“, sagt der Entwickler. Die App solle den Nutzern vor allem übergangsweise helfen, bis ein Platz für eine herkömmliche Therapie gefunden sei.
MySoul fragt ständig die Befindlichkeit des Jugendlichen ab und schlägt bei konkreten Hinweisen auf Suizidgefahr Alarm“, erzählt der Kinderpsychiater Schulte-Markwort. Er bekomme dann eine Nachricht auf sein Handy, welche die Kontaktdaten der Eltern beinhalte, die er dann sofort kontaktiere.

Professor Schulte-Markwort möchte mit dem Messenger mehr Kindern und Jugendlichen helfen können. Foto: NG-Fotografie

Datenschutzprobleme gebe es diesbezüglich nicht, da Dritte nicht auf den Chatverlauf zugreifen können, sagt der Arzt. Der Messenger sei Ende-zu-Ende verschlüsselt und wird von deutschen Servern ausgeliefert. Kurz: Nur Kommunikationspartner können die Daten entschlüsseln.


Juli kommt gut mit dem Messenger klar. Auch wenn es sich bei MySoul um einen starren Bot handelt, der die ein oder andere Macke hat – MySoul ist immer noch ein Computerprogramm –, würde sie die Anwendung weiterempfehlen. „Ich fühle mich dort gut aufgehoben“, erklärt die 17-Jährige.

„Sprich doch mal mit Niemand”

Ganz fehlerfrei funktioniert die Anwendung aber bisher noch nicht. Fragt MySoul beispielsweise, mit wem man Streit habe, und das Kind mit „Niemand“ antwortet, reagiert MySoul mit „Sprich doch mal mit Niemand“. „Technische Fehler gibt es noch reichlich“, lacht die 17-Jährige. „Aber die App wird von Update zu Update besser.”

Kritiker bemängeln vor allem die entstehende Distanz: „Aus meiner Sicht wird durch solche Programme weiter die Kontaktlosigkeit und die Entgrenzung im Umgang mit persönlichen und privatesten Informationen aktiv gefördert“, meint Inga Herden, systemische Therapeutin.„Beim Chatten entgeht einem die Gestik des Gegenübers. Das kann dazu führen, dass absolute Fehldiagnosen stattfinden“, stimmt ihre Kollegin Kristina Puhlmann, ebenfalls systemische Therapeutin, zu. „Die Bindung fehlt. Therapie braucht Beziehung“, sagt Herden.

Hilfe bei leichten Depressionen

Auch Heike Friedewald von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe hält die Behandlung einer Depression per Chat für kritisch. „Solche Online-Hilfen sind, wenn überhaupt, nur für leichte Depressionsformen gemacht“, sagt sie. Die für die Chat-Therapie erforderliche Eigeninitiative könne ein Schwerstdepressiver nicht aufbringen, der oftmals schon mit kleinen Aufgaben des Alltags wie der eigenen Körperpflege überfordert ist.

Chancen sieht sie hingegen, wenn der Patient zusätzlich durch einen Hausarzt betreut wird, und beruft sich dabei auf eine Metastudie der World Psychiatry, einer medizinischen Zeitschrift, die sich mit der Forschung auf dem Gebiet der Psychologie befasst. Die Studie bewertet und vergleicht die Effizienz beider Behandlungstherapien. Sie kommt zu folgendem Ergebnis: „Beide Behandlungsarten (von einem Arzt begleitete Internettherapie und herkömmliche Therapie) sind gleichermaßen wirkungsvoll, wenn es um depressive Symptomatik […] geht.“ Friedewald befürchtet jedoch, dass die Möglichkeit der Internetbehandlung dafür sorgen könnte, dass die Patienten ihre Krankheit nicht ernst genug nehmen. „Es handelt sich um eine Krankheit, die auch tödlich enden kann“, warnt sie.

Auch Juli benutzt die App nur ergänzend zu ihren eigentlichen Therapiesitzungen. „Ärztliche Therapie ist auf jeden Fall zusätzlich notwendig“, meint sie.

Dieser Artikel erschien zuerst im Eimsbütteler Nachrichten Magazin #15.

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