Total verfilzt
Lebensgroße Maske. Foto: Anja von Bihl
Kunst in Niendorf

Total verfilzt

Masken, Figuren, Handpuppen, Damenhüte und einige Prominente, alle aus Filz, sind ab dem Wochenende in Niendorf zu bewundern. Die Ausstellung der Künstlerin Sigrid Timm beginnt am Freitagnachmittag.

„Das hört sich jetzt vielleicht komisch an,“ sagt Sigrid Timm, „aber manchmal wird es einfach, was es werden will.“ Die Künstlerin geht mit einer ziemlich genauen Vorstellung an ein Werk heran – und dann kommt der Moment, wo es unter ihren Händen ein Eigenleben beginnt und vielleicht einen Ausdruck oder kleine Besonderheiten entwickelt, die sie nicht so vorhergesehen hat. Oder auch nicht: Gerade steht sie überlegend vor einem lebensgroßen Maskenkopf mit einer blonden Perücke. Der Ausdruck gefällt ihr noch nicht, ist es der Mund? Blaue oder doch lieber die grünen Augen? Später noch mal sehen.

Vom Schaf zur Filzkunst

Sigrid Timm arbeitet mit federleichtem Material: mit Schaf- und Merinowolle, die sie zum Vlies oder zu einem breiten Strang geformt kauft. Dutzende von Wollballen in vielen Farben füllen einen ganzen Raum auf deckenhohen Regalen in ihrem Atelier. Und so wird aus Wolle Filz: Auf der Arbeitsplatte schichtet die Künstlerin mehrere Lagen kreuzweise in der richtigen Größe und Form übereinander, dabei fühlt sie Unebenheiten und gleicht sie aus, damit später kein Loch entsteht. Das luftige Kissen wird mit Seifenwasser getränkt und flach gedrückt.

Um die gewünschte Form zu erhalten, kommt eine Schablone darauf, um deren Kante wird der Filz herum gebogen und darauf eine neue Wollschicht gestapelt, durchnässt und in Form gedrückt. So ist es möglich, dass zum Beispiel Hals und Kopf einer Handpuppe in einem Stück ohne jede Naht entstehen. Und sogar der auf- und zuklappbare Mund wird gleichzeitig mit eingearbeitet. Das „Klappmaul“ ist eine ihrer Spezialitäten: „Ich kenne außer mir eigentlich keine Filzerin, die das macht.“

Die "Heilige Familie" und ihre Schöpferin Sigrid Timm. Foto: Anja von Bihl
Die “Heilige Familie” und ihre Schöpferin Sigrid Timm. Foto: Anja von Bihl

Die Figur muss nun einen bis zwei Tage trocknen. Auf die einfarbige Fläche werden mit einer Filznadel die roten Wangen und die weiteren Gesichtszüge, bei Tieren das Fellmuster aufgebracht: Ganz feine Lagen Wolle in den gewünschten Farben legt Sigrid Timm auf das Gesicht oder den Körper. Die müssen dann in stundenlanger Stichelarbeit mit den Widerhaken der Nadel im Filz befestigt werden. Ebenfalls aus Filz hat sie einen Vorrat aus Augen und Mündern, Augenbrauen, Ohren und Zähnen angefertigt und wählt daraus das Passende aus.

Seit 2000 stellt die Niendorferin ihre Gestalten aus Filz her. Zuvor arbeitete sie mit Ton und flocht filigrane Wesen aus Blumendraht. Auch in Kursen hat sie Ihre Kunst schon weitergegeben, besondere Freude hat ihr ein Kurs in einer Schulklasse gemacht. Ein halbes Jahr lang konnten die Kinder einmal in der Woche ihren Spaß am Gestalten mit Filz entdecken.

Blick in die Werkstatt

Sigrid Timm zeigt ihre Werke nicht nur in Hamburg; mehrmals im Jahr werden sie an anderen Orten ausgestellt, im Mai sind sie beispielsweise in Lübeck und später in Konstanz am Bodensee zu sehen. Dort ist sie im Laufe der Jahre in eine Gruppe von Künstlern hinein gewachsen; hier tanzen ihre Masken mit im Fasnachtszug, zu dem die ganze Stadt auf den Beinen ist.

Bei ihrer Werkschau am Wochenende können Interessierte auch einen Blick ins Atelier werfen.
Ort: Passborghöhe 9 in Niendorf
Termine: Freitag und Samstag 17 bis 21 Uhr, Sonntag 12 bis 17 Uhr.
Am Wochenende vom 31. März bis 2. April ist die Ausstellung zu den gleichen Zeiten noch einmal zu sehen.

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