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Gérard Walther in seinem Atelier im Künstlerhaus Sootbörn in Niendorf.
Gérard Walther in seinem Atelier im Künstlerhaus Sootbörn in Niendorf. Foto: Julia Haas
Magazin #41

Der Mensch im Raum – zu Besuch im Künstlerhaus in Niendorf

Der französische Künstler Gérard Walther wirkt im Künstlerhaus Sootbörn in Niendorf. Er malt anonyme Menschen im Raum – die Verbindungen sind fließend.

Von Julia Haas

Während Gérard Walther in seinem Atelier in Niendorf sitzt, über Kunst und die Welt spricht, liegt ein Skizzenblock neben ihm. Zeichnen, sagt er, sei ein Drang, den er nicht kontrollieren könne. Mitten im Gespräch passiert es: Er greift zum Edding. Sein Blick wandert in die Ferne, die Hand bewegt sich wie von selbst. Ein Baum vor dem Fenster, dann eine Figur auf dem Papier, Walther dazwischen.

„Mensch des Südens“

Gérard Walther ist Künstler. Er verwandelt Farben, Pappe und Stoffe in figurative Werke. Menschen ohne Gesicht und Identität – mal düster und dystopisch, mal heiter und lebensfroh. „Ich male, wie ich empfinde“, sagt er. Immer aber geht es um den Menschen. Walther versteht sich als Vermittler.

Geboren 1943 im südfranzösischen Carcassonne, bezeichnet er sich selbst als „Mensch des Südens“. Auf dem Tisch in Niendorf steht ein Teller mit geschnittenen Pfirsichen. Er beißt hinein – ein Stück Sonne für den Gaumen. Draußen, vor der Fensterfront des Künstlerhauses Sootbörn in Niendorf, ziehen graue Wolken vorbei. Flugzeuge donnern über das Gebäude. Morgens sei es am lautesten, erzählt er, aber das störe ihn nicht. Es sind die Flieger in Richtung Süden.

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Äußere Kräfte

Nach Hamburg kam er der Liebe wegen. In Frank­reich hatte er Malerei studiert, dann lernte er seine spätere Ehefrau kennen – sie arbeitete damals als Au-pair in seiner Heimat. Sie war es, die ihn überzeugte, ihr nach Hamburg zu folgen. Ihre Heimat wurde seine. „Mit Hamburg war es Liebe auf den ersten Blick“, sagt er. Wenn er eine Regatta auf der Außenalster beobachtete und die Sonne schien, habe er sich gefühlt wie in Nizza.

In Walthers Kunstwerken verschmelzen Raum und Figur – und bleiben doch voneinander zu trennen. Der Mensch im Fokus, der Raum die äußere Kraft, die wirkt und über­wunden werden kann.

In Hamburg trennte sich Walther zunächst von der klassischen Malerei. Er studierte Grafikdesign und arbeitete für den Designer Peter Schmidt, bekannt unter anderem für die Parfümflakons von Jil Sander und Hugo Boss. Später wechselte Walther zum Otto-Versand – nach rund zwölf Jahren holte ihn die Kunst dort wieder ein.

Jeder Mensch ist gleich

Wenn man ihn fragt, was ihn inspiriert, lacht er. Die Frage scheint ihm absurd, als wolle man wissen, warum jemand atmet. „Ich bin immer inspiriert“, sagt er schließlich. Manchmal tue es fast weh, weil da immer etwas sei, das er zu Papier bringen müsse – ein Geburtsschmerz.

Heute Morgen im Bus sah er einen Mann auf einer Bank sitzen. Sofort hatte er Stift und Papier in der Hand. Jetzt zeugen die schwarzen Konturen in seinem Skizzenblock von dieser kurzen Szene. Zu zeichnen sei ein Spaß, aber auch eine Notwendigkeit, sagt er. Kein Hobby – ein Bedürfnis. „Ich brauche es wie Wasser.“

Walther mit den Galeristen Bianca und Volker Daniel: In ihrer Galerie "Daniel und die Kunst" in der Hafencity finden sich viele seiner Werke wieder.
Walther mit den Galeristen Bianca und Volker Daniel: In ihrer Galerie „Daniel und die Kunst“ in der Hafencity finden sich viele seiner Werke wieder. Foto: Oliver Reetz

Ohne Grenzen und Unterschiede

In seinem Atelier stapeln sich Bücher und Ordner in den Regalen. Wenn Walther nicht zeichnet, liest er – und macht sich Notizen. Literatur prägt ihn, vielleicht ebenso stark wie seine Kindheit. Als Junge lebte er in Nordafrika, wo sein Vater als Diplomat tätig war. Der Islam habe ihn sofort fasziniert, erzählt er. Er lernte Arabisch, um mit den anderen Kindern spielen zu können. Neue Kulturen kennenzulernen, empfindet er bis heute als Bereicherung. Die Schatten der Gebäude zu spüren, den Duft von Obst zu riechen, das Lachen der Menschen zu hören.

Wenn er darüber spricht, wie sich einige Länder über andere erheben, überschlagen sich seine Worte. Das Lächeln verschwindet, Hitze steigt auf. „Warum schaffen wir keine gerechte Welt?“, fragt er. „Warum schafft die Politik das nicht?“

Fragen, die auch in seine Kunst einfließen. Der universelle Mensch, ohne Unterschiede, ohne Grenzen – beeinflusst von der Umwelt, mal zum Guten, mal zum Schlechten. Mit seinen Werken will Walther die Augen öffnen, zeigen, dass das Leben schön und zugleich vergänglich ist. Und dass alle Menschen wertvoll sind.

„Man müsste zwei Leben haben“

Heute ist Gérard Walther 82 Jahre alt. Wenn er in seinem Atelier sitzt und auf sein Leben zurückblickt, zieht er eine positive Bilanz. „Ich habe viel Glück gehabt“, sagt er. Als er noch bei Otto arbeitete, klingelte eines Tages das Telefon – ein Anruf von ganz oben. Man sah Walthers ­Talent und unterstützte ihn dabei, das Leben wieder ganz der Kunst zu widmen, erzählt er.

Immer wieder waren es äußere Umstände, die Walthers Lebenswege formten. Er war der Mensch im Raum. „Jeder Mensch ist ein Zufallsprodukt“, sagt Walther. „Und doch hat jeder seine Aufgabe.“ Seine war immer die Kunst – mal hielt ihn der Raum davon ab, mal führte er ihn zu ihr zurück.

Heute sagt er: „Man müsste zwei Leben haben – eines zum Entwerfen und eines zum Realisieren.“ Manchmal habe er das Gefühl, zu wenig realisiert zu haben. Doch wenn man sich in seinem Atelier umschaut, zweifelt man daran.


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