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Der Nationalsozialismus zwang Ida Ehre, die Bühne zu verlassen. Als der Krieg endet, kehrt die jüdische Schauspielerin zurück. Und mit ihr das Theater in der Hartungstraße: die Hamburger Kammerspiele.
Ida Ehre, jüdische Schauspielerin, gründete im Jahr 1945 die "Hamburger Kammerspiele". Foto: Picture Alliance / DPA I DB Gus
Magazin #29

Ida Ehre: Ihr Theater der Menschlichkeit

Der Nationalsozialismus zwang Ida Ehre, die Bühne zu verlassen. Als der Krieg endet, kehrt die jüdische Schauspielerin zurück. Und mit ihr das Theater in der Hartungstraße: die Hamburger Kammerspiele.

Von Julia Haas

Auf den Trümmern des Kriegs baute Ida Ehre ein Fenster zur Welt. Sie erhellte, was im Verborgenen lag. Und bot eine Bühne: den jüdischen Dichtern, internationalen Autoren, freien Geistern.

„Ida Ehre war ein Leuchtturm…

…sie brachte Licht ins zerstörte Hamburg”, sagte Altkanzler Helmut Schmidt im Jahr 2009. Damals, zwanzig Jahre nach Ida Ehres Tod, erinnerte er an die Mutter der Hamburger Kammerspiele.

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs eröffnete die jüdische Schauspielerin das Theater in Harvestehude. Schulen, Plätze und Vereine tragen Ida Ehres Namen. Ihre Bedeutung für das künstlerische Nachkriegsdeutschland ist bis heute unvergessen.

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Hier wollen wir ihre Geschichte erzählen – und sie selbst zu Wort kommen lassen. Mit Zitaten und Ausschnitten aus ihrer 1985 veröffentlichten Autobiografie „Gott hat einen größeren Kopf, mein Kind…”.

Der Anfang

Ida Ehres Geschichte beginnt rund 900 Kilometer südöstlich von Hamburg – im heutigen Tschechien. In Prerau, damals Österreich-Ungarn, wird die Tochter jüdischer Eltern am 9. Juli 1900 geboren. Nach dem frühen Tod ihres Vaters wächst Ehre mit fünf Geschwistern und ihrer Mutter in Wien auf.

Dass sich Idas Leben und die Bühne miteinander verweben, zeichnet sich früh ab. Mit ihren Geschwistern spielt sie schon als Kind „Theater”. Als sie einer Nachbarin ein Gedicht vorträgt, sagt diese zu ihrer Mutter: „Ja, aber um Gottes willen, Frau Ehre, dieses Kind muss doch zum Theater gehen.”

Mit 16 Jahren sieht Ida zum ersten Mal eine echte Bühne. In ihren Memoiren erinnert sie sich an diesen Tag:

Mein Gott, das ist Theater, da kann man auf der Bühne stehen, da sprechen die Leute. Und die anderen sitzen im Zuschauerraum und hören zu. Großartig!”

Ida Ehre im Bühnenlicht

Es dauert nicht lange, bis sie von den Zuschauerrängen auf die Bühne wechselt. Schauspieler und Lehrerinnen erkennen Idas Talent. Sie erhält Schauspielunterricht, später ein Stipendium an der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Wien. Ihr erstes Engagement bringt die 19-jährige Ida ans Stadt­theater Bielitz, ehemals in Österreich-Schlesien, damals unter polnischer Regierung.

Ida spielt ihr Debüt als Viola in Shakespeares „Was ihr wollt”. Weitere Rollen folgen – auch in Deutschland. In Königsberg übernimmt sie erstmals die Regie eines Stücks. Aufträge in Stuttgart, Mannheim und am Berliner Lessingtheater zieren Idas Lebenslauf.

„Die Hamburger Kammerspiele sind ohne Ida Ehres Beispiel und ohne ihr Vorbild, mutig neue Stücke der Gegenwart zu entdecken, nicht denkbar“, sagt eine Pressesprecherin der Kammerspiele. Foto: Bo Lahola

In den 1920er-Jahren lernt sie den Arzt Bernhard Heyde kennen. „Wir wurden einander vorgestellt und haben sofort einen furchtbaren Streit miteinander gehabt.” Dennoch bleiben die beiden in Kontakt. Ein halbes Jahr später fragt Heyde: „Können Sie sich vorstellen, meine Frau zu werden?” Ehre verneint. „Dann werde ich so lange fragen, bis sie es sich vorstellen können.” 1928 heiratet die jüdische Schauspielerin den katholischen Arzt. Sie bekommen eine Tochter. Dann folgt der Bruch in Ida Ehres Leben.

Die dunkle Pause

1933 ergreift Hitler die Macht. Die im selben Jahr gegründete „Reichsfilmkammer” richtet sich gegen jüdische Filmschaffende. Drehbuchautoren, Regisseure, Kameramänner, Schauspieler und Schauspielerinnen müssen ihre Berufe aufgeben. Ida Ehre zählt zu ihnen. Sie muss eine versprochene Filmrolle aufgeben, ebenso wie ihre Theaterengagements. Im Scheinwerferlicht darf fortan nur stehen, wen die Nationalsozialisten dulden.

Die Berufung verloren, zieht Ida Ehre mit ihrer Familie nach Böblingen. Ihr Mann eröffnet eine Arztpraxis. Ehre arbeitet als Arzthelferin.

Als in der Nacht des 9. November 1938 Steine ins Schlafzimmer fliegen, beschließt die Familie zu fliehen. In Hamburg besteigen sie einen Frachter, der sie nach Chile bringen soll. Ehe sich Ida Ehre in Sicherheit wiegt, dreht der Dampfer kurz vor den Azoren um: Der Krieg ist ausgebrochen. Das Schiff muss zurückkehren.

„Leben möchte ich nur in Hamburg“

Ida Ehre strandet mit Mann und Tochter in Hamburg. Viele Jahre später, kurz vor ihrem Tod wird sie schreiben:

„Ich kenne viele Städte, auch herrliche Städte, aber ­leben möchte ich nur in Hamburg.”

Nach ihrer Ankunft in Hamburg lebt die Familie in einem katholischen Auswandererheim am Hauptbahnhof. Ein Jahr später zieht sie nach Uhlenhorst. Ihrem Mann legen die Nazis nahe, sich scheiden zu lassen. Er tut es nicht – und wird dadurch „wehrunwürdig”. Das „Privileg der Mischehe” ­verhindert, dass Ida Ehre ­sofort verhaftet wird.

In den Händen der Nazis

Sie reist nach Wien, um ­ihre Mutter zu ­besuchen. Ihre Mutter, von der sie so viel gelernt hat: „Ich habe immer versucht, nach ihren Worten zu leben: Liebe und Toleranz – nicht hassen, nur lieben.” Dort ­angekommen, sieht Ehre sie ein letztes Mal, als sie auf einem ­Last­wagen in Richtung Theresien­stadt transportiert wird.

„Schließlich sah ich sie, hoch ­aufgerichtet zwischen all den anderen armen Menschen. Ich hörte noch ihre Worte: ‚Auf Wiedersehen, meine geliebten Kinder.’ Sie wurde in Theresienstadt umgebracht.”

Ida Ehre kommt 1943 im KZ Fuhlsbüttel in Schutzhaft. Haus 5, Saal 5. Den engen Raum teilt sie sich mit 40 Frauen – Jüdinnen, Holländerinnen, Russinnen. Menschen, die nicht ins System der Nazis passen. „Ich sagte mir: Du musst versuchen, so weiterzuleben wie bisher.” Ihre Mutter – „hoch aufgerichtet zwischen all den anderen” – dient ihr als Vorbild. Ehre glaubt nicht, freizukommen. Sie fürchtet: Auf Fuhlsbüttel folgt das Vernichtungslager.

„Ich habe das Theater damals nicht vermisst. Um mich herum spielte sich greifbareres Theater ab, es war viel ­schrecklicher in seiner Echtheit, in seiner Nähe zum Menschen.”

Das Wiedererwachen

Es kommt anders: Nach sieben Wochen Haft wird sie entlassen. Ein Kontakt ihres Mannes zu Heinrich Himmler soll das Undenkbare ermöglicht haben. Ida Ehre wird an diesem Tag zum zweiten Mal geboren. Ihre Autobiografie beginnt sie mit den Worten, die sie an diesem Tag hört: „Sie sind frei.”

Nach Kriegsende bleibt sie in Hamburg und kehrt zur Schauspiel­erei ­zurück. 1945 engagiert sie das Deut­sche Schauspielhaus. Im Stück „Jeder­mann” von Hugo von Hofmannsthal tritt sie in der Harvestehuder St. Johannis Kirche auf. Damals denkt sie nicht daran, ein Theater auf­­zumachen. „Es hat mir immer genügt, Schauspielerin zu sein.” Im Gespräch mit ihren Schau­spielkollegen ­ändert sich das.

Auf die Frage, wie sie sich heutiges Theater vorstelle, antwortet Ehre:

„Wie schön wäre es, wenn man das Theater machen könnte, das zwölf Jahre lang gefehlt hatte. Fast möchte ich es ein ‚Theater der Menschlichkeit’ nennen, ein ‚Theater des guten Willens’.”

Ihre Kollegen drängen sie, ihre Worte zu verwirklichen. Doch wo? Ida Ehre sucht die Theaterabteilung der britischen Besatzung in der Rothenbaumchaussee auf. Dort trifft sie John Olden, den britischen Theateroffizier. Sie unterhalten sich auf Englisch, und doch hört Ehre seinen österreichischen Akzent.

„‚Sagen Sie, sind Sie Wiener?’ Er lachte und bejahte es. Von diesem Moment an wurden wir Freunde.”

Das Theater der Menschlichkeit

Olden setzt sich für sie ein und vermittelt ihr das Theater in der Hartungstraße. Früher ein jüdisches Logenheim und Gemeinschaftshaus, während des Kriegs eine Deportations-Sammelstelle, hatten es die Engländer nach Kriegsende in ein Kabarett verwandelt. Noch im Jahr 1945 pachtet Ida Ehre das Theater. Die Hamburger Kammerspiele eröffnen, das „Theater der Menschlichkeit” ist geboren.

Am 10. Dezember 1945 öffnet sich erstmals der Vorhang unter der Regie von Ida Ehre. Mit ihrer Premiere will sie ein Zeichen setzen. Sie lässt das Stück „Leuchtfeuer” vom amerikanischen Autor Robert Ardrey spielen. Schon der Titel sollte einen Neubeginn, eine Hoffnung signalisieren. Es handelt vom Krieg, von Humanität und Menschlichkeit.

„Wir wussten ja zwölf lange Jahre gar nicht, dass es Stücke dieser Art gab.”

Eine Legende, kaum dass es stattgefunden hatte: die Uraufführung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“ am 21. November 1947. Borchert selbst erlebte die Uraufführung seines bekanntesten Werkes nicht mehr. Er starb einen Tag vor der Premiere im Alter von 26 Jahren. Foto: Hamburger Kammerspiele

Hamburger Kammerspiele

Ida Ehre zeigt in den Kammerspielen, was lange versteckt wurde. Sie bringt internationale Theaterstücke nach Hamburg. Der Offizier John Olden unterstützt sie dabei. Er besorgt die Texte aus dem Ausland, Ehre bringt sie auf die Bühne. Sie will mit dem Theater dort anknüpfen, „wo die Fäden durch Zensur oder Feindschaften zerrissen worden sind”.

„Das Theater muss nur dem einzigen Ziel dienen, dem Ziel aller echten Kunst: die ewigen Wahrheiten zu suchen und ihnen Ausdruck zu verleihen.”

Lob und Kritik

Nach Krieg und Gräueltaten der Nazis in Deutschland zu bleiben, zu leben und zu wirken – nicht alle können Ehres Entscheidung verstehen. Neben Lob und Glückwünschen erreichen die Theaterintendantin nach der Eröffnung ihres Theaters kritische Stimmen – insbesondere aus dem Ausland. Juden und Jüdinnen fragen, wie sie in dem Land arbeiten könne, in dem sie so viel verloren habe. Ida Ehre verteidigt sich.

„An Leuten, von denen ich wusste, dass sie stramme Nazis waren, bin ich einfach vorbeigegangen, ich habe ihre freudige Begrüßung überhaupt nicht gesehen. Warum sollte ich zu diesen Menschen hingehen und sagen: ‚Sie Nazischwein!’ Was habe ich davon?”

„Etwas, was die Müdigkeit aus den Herzen treibt“

Am 21. November 1947 wird Wolfgang Borcherts Stück „Draußen vor der Tür” in den Hamburger Kammerspielen uraufgeführt. Borchert hatte das Heimkehrerstück, das die Rückkehr eines Kriegsgefangenen in den Alltag thematisiert, eigentlich als Hörspiel verfasst. Als Ida Ehre es zum ersten Mal liest, weiß sie: Das Stück muss auf die Bühne. Sie überzeugt den todkranken Dichter, es fürs Theater umzuschreiben – mit Erfolg.

„Es war ein Stück, das meinen Grundsätzen folgte: Ich hatte das Gefühl, etwas tun zu müssen, was den Menschen die Schläfrigkeit aus den Augen nimmt, die Müdigkeit aus den Herzen treibt. Ich wollte sie zum Denken bringen.”

Die Kammerspiele verändern sich

Die Währungsreform 1948 wirft die Kammerspiele in eine finanzielle Krise. Das Privattheater kann mit den Gagen subventionierter Staatstheater nicht mehr konkurrieren. Schauspieler wandern ab, das Ensemble wird aufgelöst. Statt Repertoire wird in den Kammerspielen En-Suite gespielt. Keine hauseigenen Inszenierungen, die über mehrere Monate im Spielbetrieb bleiben, stattdessen einzelne Produktionen, die unabhängig voneinander folgen. Das Geld ist knapper geworden für Stücke, die Ehre gerne spielen würde, die aber keine Kassenfüller sind.

„Und wenn mir heute manchmal gesagt wird, die ‚Kammerspiele’ seien nicht mehr das Theater, das es mal war – nun ja, die Zeiten haben sich geändert, die Anforderungen sind andere geworden.”

Die letzten Jahre

Vier Jahre vor ihrem Tod wird Ida Ehre als erste Frau zur Ehrenbürgerin Hamburgs ernannt. Helmut Schmidt schreibt damals: „Wir haben dieser jüdischen Mitbürgerin für vieles zu danken. Wer aber sie nur ein wenig kennt, der muss sie lieben!”

Ida Ehre leitete die Kammerspiele bis zu ihrem Tod 1989. Ihr halbes Leben, 44 Jahre, widmete sie dem Theater in der Hartungstraße.

„Diese Jahre waren für mich unendliche Freude, unendliche Sorge, aber ich brauchte keine Angst mehr zu haben. Angst hatte ich in all den Jahren der Barbarei, der Tyrannei. Ich bin kein Held, bin nicht der Ansicht, mir könnte nichts geschehen.”


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