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Zum letzten Mal verwandelt sich die Kottwitzstraße in eine Kunstmeile. Foto: Andreas Hertz-Eichenrode
Zum letzten Mal verwandelt sich die Kottwitzstraße in eine Kunstmeile. Foto: Andreas Hertz-Eichenrode
Magazin #30

Im Kottwitzkeller gehen die Lichter aus

Die Veranstalter vom Kottwitzkeller sagen: „Licht aus.” 2023 wird sich die Kottwitzstraße zum letzten Mal in eine Kunstmeile verwandeln.

Von Christiane Tauer

Fast drei Jahrzehnte, verpackt in drei Kartons. Wolfgang Scholz fährt mit den Fingern über den Rand der unzähligen Fotos. Zielsicher holt er eines hervor, das dunkle Treppenstufen zeigt. Auf jeder Stufe steht eine Kerze, durch die halb geöffnete Tür am Ende der Treppe fällt Licht ins Bild.

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Sofort sind sie da, die Erinnerungen. Wolfgang Scholz rückt seine Brille zurecht. Hinter den Brillengläsern, in seinem Blick, ist Wehmut zu erkennen. „Unsere erste Ausstellung”, sagt er. Es war 1996, das Thema hieß „Licht”. Die Kerzen-Installation auf den Kellerstufen in der Kottwitzstraße sollte den Auftakt zur Kunstmeile Kottwitzstraße bilden.

Zurück zu den Wurzeln

2023 wird es wieder eine Kunst­meile geben. Sie wird analog zur ersten Ausstellung „Licht aus” heißen und die letzte des Kottwitzkellers sein. Zehn Kunstschaffende werden in zehn Räumen ihre Werke zeigen – und einen Schlusspunkt nach 27 Jahren setzen. „Die Ausstellung wird kleiner als in den vergangenen Jahren, wir wollen uns nur auf die Häuser Kottwitzstraße 10 und 7 konzentrieren”, sagt Wolfgang Scholz.

Zurück zu den Wurzeln, könnte man sagen. Denn hier, im unteren Teil der Kottwitzstraße, genauer gesagt in der Hausnummer 10, liegt der Ursprung. Der echte Kottwitzkeller – direkt unter der Erdgeschosswohnung, in der der 71 Jahre alte Scholz seit 1983 lebt.

Unikat unter den Kellern des Generalviertels

Die verwinkelten Kellergänge, die niedrigen Decken und der modrige Geruch sind alles andere als klassische Ausstellungsräume. Eher der typische unterirdische Teil eines Eimsbütteler Altbaus. Fahrräder lehnen an den Wänden, dazwischen ein paar Kisten und Kartons, von denen wohl niemand mehr genau weiß, wem im Haus sie eigentlich gehören. Im hinteren Teil surrt die Heizungsanlage leise vor sich hin.

An einer Decke prangt ein kleiner Teufel, eine Kin­d­er­zeichnung aus Kohle. Sie könnte aus dem Zweiten Weltkrieg stammen, ­vermutet Scholz. Als die Be­wohner der Kottwitz­straße in den ­unterirdischen Räumen Zu­flucht vor den Bomben­angriffen der Alli­ierten suchten. Die Kohlezeichnung ist ebenso erhalten geblieben wie einige der Kunstwerke, die in den 27 Ausstellungsjahren entstanden sind. Ein von René Scheer geschaffener überdimensionaler Barcode an der Kellerwand zum Beispiel. Vor allem aber das prachtvoll-bunte Bild von Horst Wäßle aus der Künstlergruppe „Die Schlumper” am Eingang. All diese Werke machen den Keller der Nummer 10 zu einem Unikat unter den Kellern des Generalsviertels.

„Kunst – ich hab’ keine Ahnung”

Kunst in einem spannenden und vor allem nicht elitären Rahmen präsentieren – das war das Anliegen von Wolfgang Scholz und seinem Mitstreiter Dieter Tretow, als sie den Kottwitzkeller 1996 gründeten. Ihr Ziel: Den Satz „Kunst – ich hab’ keine Ahnung” von Eimsbüttel aus aufbrechen. Sie wollten keine abgehobene Schau in einer hippen Galerie veranstalten, sondern etwas Bodenständiges, allen Zugängliches. Ein Keller schien ihnen genau das Richtige.

„Wir haben es einfach ausprobiert”, sagt Wolfgang Scholz und räumt mit einem Grinsen ein: „Ein bisschen fehlte uns auch der Mut, in öffentliche Ausstellungsräume zu gehen.” Sie setzten lieber auf die private Karte, holten acht Künstler ins Boot, öffneten ihre eigene Haustür, boten den Gästen Essen und Trinken an und erhoben keinen Eintritt. Als würden sie eine Party feiern und dazu Kunst zeigen. Den Vermieter zu fragen, kam ihnen damals gar nicht in den Sinn, sie legten einfach los. Nur die Nachbarschaft im Haus informierten sie – und stießen auf große Toleranz.

Von der kleinen Schau zur Kunstmeile Kottwitzstraße

„Verboten”, „Nichts” oder „Luxus” hießen die Schauen der ersten Jahre. 2006, zum Zehnjährigen, dann die Krise. „Wir hatten plötzlich genug”, sagt Scholz. Immer nur der Keller – sollte das alles sein? Eine Retrospektive, die sie in einem leeren Raum neben dem Holi-Kino an der Schlankreye veranstalteten, gab ihnen neuen Schub. Plötzlich hatten Wolfgang Scholz und Dieter Tretow das Bedürfnis, hinauszugehen. Hinaus in die Welt direkt vor ihrer Haustür – in die Kottwitzstraße.

Sie warfen Zettel in die Brief­kästen der Nachbarschaft. Ob sie nicht ihre Wohnung als Ausstellungs­fläche zur Verfügung stellen wollten? Die Resonanz war enorm. „Manche überließen uns ihre Wohnung, obwohl sie selbst zu der Zeit gar nicht da waren”, erinnert sich Scholz. Andere sagten, sie seien gerade ausgezogen, die Wohnung stünde leer und könnte genutzt werden. Aus der kleinen Schau im Kottwitzkeller wurde die zweitägige Kunstmeile Kottwitzstraße – eine Synthese aus Kunst und Nachbarschaftsfest. „Ich lebe gerne hier und wollte den anderen etwas von dem Gefühl mitgeben.”

Zwischen Sofakissen und Kaffeemaschinen

Das Experiment gelang. Mehrere Hundert Besucherinnen und Besucher schoben sich Jahr für Jahr durch die Wohnzimmer, Küchen und Flure der Straße. Sie bestaunten Installationen, Gemälde, Skulpturen, Collagen, Performances oder Filme. Zwischen Sofakissen und Kaffeemaschinen gab es die ganze Bandbreite der Kunst zu entdecken – und genau dieses Spannungsfeld aus Privatem und Öffentlichem machte die Kunstmeile Kottwitzstraße einzigartig.

„Es gibt mindestens 90 Varianten, auf eine Sache zu blicken”, ist Scholz überzeugt. Mit der Ausstellung wollten sie diese zahlreichen Perspektiven künstlerisch sichtbar machen, die Augen und Ohren des Publikums öffnen. Und zwar in einer Art und Weise, zu der jeder Zugang hat. Er ist sich sicher: Der Kottwitzkeller hat seinen Beitrag dazu geleistet.

„Kunst machen kann jeder, Künstler sein ist etwas anderes.”

Auch bei ihm selbst hat die künstlerische Arbeit Spuren hinterlassen. „Ein Vierteljahrhundert hat das hier unser Leben geprägt.” Scholz deutet auf den Karton voller Fotos vor sich. Sie dokumentieren die Arbeiten von rund 170 Künstlerinnen und Künstlern, die in der Kottwitzstraße ausgestellt haben. Er selbst als gelernter Grafiker bezeichnet sich aber eher als Gelegenheitskünstler.

„Kunst machen kann jeder, Künstler sein ist etwas anderes.” Der Kottwitzkeller sollte vor allem neugierig machen auf die Vielschichtigkeit der Kunst und die Blickwinkel.

Lücke war nicht zu füllen

Und wie kam es zum Entschluss, alles zu beenden? Scholz atmet tief ein. Er blickt auf die Fotos, als wolle er sich versichern, dass sie noch da sind. Auch wenn bald keine neuen hinzukommen werden. „Etwa zwei Wochen vor der Ausstellung im vergangenen Jahr haben wir gesagt: ,Wir hören nächstes Jahr auf.’” Dieter Tretow hatte das schon vorher einmal gesagt. Aber als sie beide kurz nacheinander an Krebs erkrankten und ihn überwanden, stand der Entschluss fest. Auch der Tod von Wolfgang Scholz’ Ehefrau Heidi vor zwei Jahren spielte mit hinein. Sie hatte eine wichtige Rolle im Kottwitzkeller-Gefüge, das Catering organisiert und zweimal selbst ausgestellt. Die Lücke, die sie hinterließ, war nicht zu füllen.

Kottwitzkeller-Gefühl

Was vom Kottwitzkeller bleibt, ist seine Bedeutung für die Menschen. Aus einer normalen Straße in Hoheluft-West hat er einen Ort der Zusammenkunft und Kreativität gemacht. Kunstschaffende haben ihre Werke gezeigt, Chöre haben gesungen, Orchester gespielt und Schauspieler Theaterstücke aufgeführt. Die Nachbarschaft hat sich kennengelernt und ihre Türen geöffnet.

Interessante Randnotiz: In 27 Jahren ist aus keiner einzigen Wohnung etwas geklaut worden. „Und nichts Weltbewegendes ist kaputtgegangen”, sagt Scholz. Es muss am Kottwitzkeller-Gefühl ­gelegen ­haben.

Dieter Tretow (rechts) und Wolfgang Scholz (links), Gründer der Aussstellungsinitiative "Kottwitzkeller". Foto: Rainer Wiemers
Dieter Tretow (rechts) und Wolfgang Scholz (links), Gründer der Ausstellungsinitiative „Kottwitzkeller“. Foto: Rainer Wiemers

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