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Im Jahr 2016 wurde an der Alster ein Jugendlicher erstochen. Symbolfoto: Rainer Wiemers
Im Jahr 2016 wurde an der Alster ein Jugendlicher erstochen. Symbolfoto: Rainer Wiemers
Magazin #34

Cold Case: Mord an der Alster

An der Alster passierte ein Mord. Das Opfer? Ein Jugendlicher. Kurz darauf tauchte ein Bekennerschreiben auf. Dennoch ergibt bis heute nichts davon einen Sinn.

Von Julia Haas

Als es in jener Nacht an der Tür klingelt, erwartet Véronique Elling ihren Sohn, der aus dem Kino zurückkommt. Stattdessen stehen Polizisten im Hausflur. Sie überbringen die schlimmste Nachricht, die Eltern erreichen können: Ihr Sohn Victor ist tot. Durch Mord. Er wurde 16 Jahre alt.

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Was ist passiert?

Es ist der 16. Oktober 2016, der erste Sonntag der Herbstferien. Ein schöner Tag. Die Familie verbringt den bewölkten Herbstmorgen zu Hause in Rotherbaum: Victor, seine kleine Schwester, Mutter Véronique und ihr Lebensgefährte. Wie so oft musizieren sie gemeinsam. Am Nachmittag bricht Victor auf, um seine Freundin zu treffen. So wird es Victors Mutter später in einem Interview erzählen.

Victors Freundin ist etwas jünger als er, 15 Jahre alt. Die beiden Jugendlichen wollen den Abend im Kino ausklingen lassen. Als sie im Savoy-Kino am Steindamm ankommen, stellen sie fest, dass sie sich im Programm geirrt haben: Der Film, den sie sehen wollten, läuft heute nicht.

Nach Hause? Nein, die beiden wollen spazieren gehen. Mit der U-Bahn fahren sie zum Jungfernstieg und schlendern die Alster entlang. Es ist etwa zehn Uhr und schon dunkel. Auf den Stufen an der Außenalster, neben dem Tunnel unter der Kennedybrücke, setzen sie sich hin.

Der Tod kommt aus der Dunkelheit. Wortlos, ohne Vorwarnung. Von hinten sticht ein Unbekannter mehrmals auf Victor ein.
Victors Freundin stößt er ins Wasser, dann verschwindet er. Als ein Passant den beiden zu Hilfe kommt und die Rettungskräfte alarmiert, liegt Victor auf dem Boden. Kurz nach dem Angriff stirbt er im Krankenhaus.

Warum Victor?

Nach kurzer Zeit verwandelt sich der Ort des Angriffs in ein Meer aus Blumen und Kerzen. Daneben hängt ein weißes Leinentuch an einem Baum. „Unser geliebter Freund, wir denken an dich und vermissen dich”, steht darauf.

Victor war ein fröhlicher, ruhiger Junge, erzählt seine Mutter nach der Tat. Er saß stundenlang am Klavier und beschäftigte sich mit Beethoven oder Chopin. An anderen Tagen versank er in den Fantasiewelten seiner Bücher. Er war einer, der Konflikte eher schlichtete, als sie zu befeuern. Der zuhörte und beruhigte, statt laut zu werden.

Dass ausgerechnet Victor so brutal sterben musste, können Familie und Freunde nicht verstehen.

Auch die Polizei steht vor einem Rätsel. War die Tat geplant? Wie konnte der Täter aus dem Nichts auftauchen? Wohin ist er geflohen? Warum stößt er Victors Freundin ins Wasser, greift sie aber nicht an? Und wo ist die Tatwaffe?

Am Tatort finden die Ermittler so gut wie keine Spuren – weder DNA noch ein Messer. In der Hoffnung, dass der Täter die Waffe in die Alster geworfen hat, durchsuchen mehrere Taucher das Gewässer. Ohne Erfolg.

Bekennerschreiben wirft neue Fragen auf

Am 29. Oktober gibt es einen neuen Hinweis. Der Nachrichtenkanal Amaq, bekannt als Sprachrohr der Terrororganisation „Islamischer Staat”, gibt online an, dass ein Soldat des IS einen Messerangriff auf zwei Menschen in Hamburg verübt haben soll. Am 16. Oktober 2016.

Mit dem Bekennerschreiben erreicht der Fall um Victors Mord eine neue Dimension. Das Bundesamt für Verfassungsschutz und der Bundesnachrichtendienst schalten sich ein, um Erkenntnisse und Informationen mit den Hamburger Behörden auszutauschen.

Doch schnell kommt Skepsis auf: Mit der neuen Spur entstehen neue Ungereimtheiten. Warum bekennt sich der IS erst zwei Wochen nach der Tat zum Angriff? Warum ist in der Nachricht von einem Messerangriff auf zwei Personen die Rede, obwohl doch nur Victor mit einem Messer attackiert wurde?

Innensenator Andy Grote sagt damals gegenüber der Zeit: Ziel des IS sei, Angst und Verunsicherung zu verbreiten – auch mit Bekennerschreiben. „Deshalb ist es richtig, dass die Ermittlungen mit Hochdruck, aber auch mit professioneller Unaufgeregtheit und in alle Richtungen weiter geführt werden.”

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Bis ins Weiße Haus

Im Jahr 2017 soll das Weiße Haus unter dem damaligen Präsidenten Donald Trump eine Liste von IS-Angriffen veröffentlicht haben, die nicht die Medienaufmerksamkeit bekommen hätten, die sie verdienten. Darunter auch der Mord an Victor, wie die New York Times berichtete.

Laut Staatsanwaltschaft wurde das Bekennerschreiben sehr genau bewertet, aber schließlich als nicht tatrelevant eingestuft.

Verbindung mit Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt?

In den Monaten nach der Tat gibt den Ermittlern ein anderer Hinweis Hoffnung: Eine Zeugin, die kurz nach der Tat im Auto über die Lombardsbrücke fuhr, berichtet von einem Mann, der ihr vors Fahrzeug lief. Und: Sie kann das Gesicht beschreiben. Es entsteht ein Phantombild, das sich mit den Angaben von Victors Freundin deckt.

Ein Polizeisprecher sagt kurz darauf im Hamburg Journal, es sei gelungen, ein markantes Phantombild zu erstellen. Die Ermittler gingen davon aus, dass es sich bei der Person um den Täter handle. Auf Flyern und in Zeitungen wird das Phantombild abgedruckt.

Am Abend des 19. Dezember 2016 sind es andere Bilder, die die Nachrichten bestimmen: Ein LKW rast über den Weihnachtsmarkt am Breitscheidplatz in Berlin. Elf Menschen sterben, über 60 werden verletzt. Hinter dem Anschlag steht Anis Amri, er gehörte dem IS an. Und irgendwie ist da eine Ähnlichkeit mit dem Mann, der einige Wochen zuvor die Zeitungen in Hamburg füllte. Vier Tage nach dem Berliner Attentat nimmt das Landeskriminalamt Hamburg Kontakt mit der Hauptstadt auf.

Doch auch dieser Hinweis führt nicht weiter. Ein Zusammenhang wurde ausgeschlossen, so die Staatsanwaltschaft.

Ein Täter mit Allerweltsgesicht

Im Juli 2018, 627 Tage nach dem Mord an Victor, wagt die Polizei einen neuen Versuch, um Zeugen zu finden. Dieses Mal in der Fernsehsendung „Aktenzeichen XY”. Dieses Mal ohne Phantombild. In der Sendung erklärt eine Kriminalkommissarin, das Phantombild habe keine Individualmerkmale – ein Allerweltsgesicht. Ebenso allgemein ist die Beschreibung, die darauf folgt: männlich, Anfang bis Mitte 20, 1,80 Meter, kurze und dunkle Haare, Dreitagebart, gepflegt, dunkler Pullover und Jeans.

Ob es sich bei dem Mann wirklich um den Täter oder einen wichtigen Zeugen handelt? Die Ermittler wollen sich dazu nicht mehr festlegen.

Können neue DNA-Methoden den Mord aufklären?

Im Fokus der Ermittlungen scheint zu diesem Zeitpunkt mehr das Verhalten des Täters zu liegen statt sein Aussehen. Die Staatsanwaltschaft schaltet einen forensischen Psychiater ein und entwickelt ein Täterprofil. Dabei geht es vor allem um ein mögliches psychiatrisches Krankheitsbild, das hinter der Tat stehen könnte.

Dem Hamburger Abendblatt sagten zuständige Ermittler zwei Jahre nach der Tat, man erwäge inzwischen, dass ein psychisch gestörter Mann hinter der Tat stehe. Zum Beispiel jemand mit einer paranoiden Schizophrenie. Demnach könnte der Täter einer inneren Stimme gefolgt sein, die ihm befahl, Victor zu töten.

Bis heute konnten Polizei und Staatsanwaltschaft den Mörder von Victor nicht finden. Doch auch acht Jahre nach der Tat ist der Fall nicht zu den Akten gelegt. Denn Mord verjährt nicht. Wenn neue Spuren und Hinweise eingehen, prüft die Staatsanwaltschaft diese. Dabei wird im Blick behalten, ob sich neue DNA-Methoden entwickeln, die den Mord an Victor eines Tages aufklären könnten.

In ewiger Liebe

Am 26. Mai 2024 wäre Victor 24 Jahre alt geworden. Wahrscheinlich hätte auch an diesem Tag – wie am Morgen seines Todes – die Musik im Vordergrund gestanden. Um ihre Liebe für Victor und die Trauer um ihn auszudrücken, haben Véronique Elling und ihr Mann, beide Musiker, ein Album mit zwölf Liedern aufgenommen. „Pour Victor, dans l’amour éternel” – „Für Victor, in ewiger Liebe”.


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